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Deutscher Einsatz in Syrien : In den Himmel über der Hölle

Warum soll sich Deutschland in einem Kriegsgebiet engagieren, das politisch wie militärisch ein einziges Minenfeld ist? Weil dort ein Krieg tobt, der uns betrifft. Bild: dpa

Warum zieht nun auch Deutschland in den Krieg in Syrien? Weil er auch gegen uns geführt wird.

          3 Min.

          Die Amerikaner bombardieren den „Islamischen Staat“ in Syrien schon lange, die Franzosen und die Briten tun es inzwischen auch. Deutschland schickt demnächst, wie es dem Selbstverständnis der sich gerne auf Kant berufenden Nation entspricht, sechs Aufklärer in den Himmel über der Hölle. Die betagten Maschinen werden das militärische Kräfteverhältnis in diesem Krieg zwischen der zivilisierten Welt und einer totalitären Barbarei nicht fundamental verändern. Sie werden auch mit ihren hochauflösenden Kameras nicht die politische Lösung entdecken, nach der viele Länder schon lange suchen, besonders auch Deutschland. Warum also entsenden Regierung und Bundestag die Luftwaffe und eine Fregatte in ein Kriegsgebiet, das politisch wie militärisch ein einziges Minenfeld ist?

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Weil dort ein Krieg tobt, der uns betrifft. Der „Islamische Staat“ führt ihn nicht nur gegen die Syrer und Iraker, die sich seiner menschenverachtenden Lehre nicht unterwerfen. Er führt ihn gegen alle Andersdenkenden und Anderslebenden. Und er führt ihn, wo er nur kann. In Arabien, in Afrika, in Europa. Auf Märkten, in Redaktionsräumen, in Zügen, in Konzerthallen, vor allem aber in unseren Köpfen. Denn sie sind das eigentliche Ziel aller Terroristen. Sie wollen mit ihren Taten Angst und Schrecken verbreiten, Widerstandskraft zersetzen und Gesellschaften spalten. Der „Islamische Staat“ hat der Welt den Krieg erklärt. Er will auf ihren Trümmern ein die Erde umspannendes Kalifat errichten.

          Deutschlands Sicherheit wird auch am Dschebel Sindschar verteidigt

          Begonnen hat er damit in Syrien und im Irak. Der Ausbreitung des Schreckensregimes wie auch seiner Unterstützung durch benachbarte Mächte sah der von den Misserfolgen im Irak und in Afghanistan ausgelaugte Westen zu lange zu passiv zu. Amerika interessiert sich nicht mehr brennend für diese Weltgegend, in der seine Ordnungspläne scheiterten. Öl hat es nun selbst genug. Das auch von dieser (Ab-)Wendung überraschte Europa versuchte den syrischen Knoten mit seinen bevorzugten Mitteln, denen der Diplomatie, zu entwirren, was wegen der Vielzahl der darin verschlungenen und widerstreitenden Interessen ebenfalls nicht gelang.

          Tornados des Aufklärungsgeschwaders 51 Anfang Dezember in Jagel (Schleswig-Holstein)
          Tornados des Aufklärungsgeschwaders 51 Anfang Dezember in Jagel (Schleswig-Holstein) : Bild: dpa

          Der IS marschierte und massakrierte derweil munter weiter. Er zog mit seinen „Erfolgen“ junge Männer und Frauen aus vielen Ländern an, die er in seinen Terror-Fabriken zu Kämpfern und Selbstmordattentätern ausbildete. Diese Todesschwadronen schickt der IS nicht mehr nur in die Gefechte mit den Kurden, die sich die menschlichen Bomben mit den von Deutschland gelieferten Milan-Raketen einigermaßen vom Leib halten können. In den Hauptstädten Europas ist das nicht möglich. Der islamistische Terrorismus muss auch schon in seiner Basis bekämpft werden. Selbst wenn es abgedroschen klingt: Die Sicherheit Deutschlands wird auch am Dschebel Sindschar verteidigt.

          Herausgefordert wird dort auch die politische Geschlossenheit Europas, und auch sie liegt in unserem nationalen Interesse. Der Angriff auf Paris ist der Bündnisfall. Selbst wenn die Attacke allein Frankreich gegolten hätte, könnte sein engster Partner nicht sagen: Cela ne me regarde pas. Das stellte dem deutsch-französischen Verhältnis und der ganzen Europäischen Union ein verheerendes Zeugnis aus. Die EU verlöre noch mehr Ansehen und Einfluss in der Welt, auch in der arabischen. Und welche Unterstützung könnte nach einer solchen Verweigerung der Solidarität und Bündnistreue Deutschland selbst erwarten, wenn es ihrer bedürfte?

          Berlin : Hunderte demonstrieren gegen Syrien-Einsatz

          Für den IS sind auch die Flüchtlinge eine Waffe

          Schon jetzt ist Berlin auf die Hilfe Frankreichs in einer Angelegenheit angewiesen, die viele Deutsche mehr beschäftigt als der Terrorismus: in der Flüchtlingskrise. Merkels Umverteilungspläne, die ein zentrales Element ihrer Bewältigungsstrategie darstellen, stoßen vielerorts in der EU auf Granit. Wenn auch Hollande nicht mitzieht, steht die Kanzlerin vor einem Scherbenhaufen.

          Wer es mit einem Feind wie dem IS zu tun hat, der kann zudem nicht glauben, das „Bekämpfen der Fluchtursachen“ – eine weitere Säule von Merkels Flüchtlingspolitik – könne sich auf das Organisieren von Syrien-Konferenzen beschränken. Für den IS, und nicht nur ihn, sind auch die Flüchtlinge eine Waffe. Am mühsamen Geschäft der Diplomatie führt selbstredend kein Weg vorbei. Doch sogar Außenminister Steinmeier, der alle Register seiner Orgel gezogen hatte, hält nun den Einsatz militärischer Mittel für erforderlich, wenn man die Hoffnung auf eine politische Lösung bewahren will.

          Es stimmt übrigens nicht, dass es in den europäischen Staatskanzleien an Vorstellungen und Konzepten fehle, wie der Mehrfronten- und Stellvertreterkrieg in Syrien zu beenden wäre. Das Problem ist vielmehr, dass die meisten Kriegsparteien und ihre Unterstützer andere Pläne verfolgen und der Westen nicht in der Lage ist, sie auf seine Linie zu zwingen. Das gelänge auch nicht mit Bodentruppen. Europa tut, was es kann. Deutschland beteiligt sich daran mit großem politischen Engagement und, nach langem Nachdenken und Zögern, mit einem bescheidenen militärischen Beitrag. „Kopflos“, wie die Opposition behauptet, wäre eine andere Politik: den eigenen Kopf in den märkischen Sand zu stecken und weiter zu hoffen, dass die Kopfabschneider mit ihren Sprengstoffgürteln nur ein böser Traum sind, der nie nach Deutschland kommt.

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