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Kampf gegen den IS : Der Nachschub für die radikalen Kräfte ist gesichert

Brutstätte des „Islamischen Staats“: der syrische Bürgerkrieg zwischen einem repressiven, autoritären, staatsterroristischen Regime auf der einen Seite und einem Mix arabisch-sunnitischer Rebellen auf der anderen Bild: Reuters

Unterdrückung, gescheiterte politische Systeme und starkes Bevölkerungswachstum sind die Brutstätten für das Entstehen islamistischer Gewalt. Ohne weitreichende Reformen kann der Terror dort nicht besiegt werden.

          3 Min.

          Vor der Terrornacht von Paris hatte sich die Diskussion über Wege zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms nach Europa und vor allem nach Deutschland auch den Fluchtursachen zugewandt. Das war und ist richtig; doch das ist ein Ansatz, der nicht von heute auf morgen Erfolg verspricht, sondern einer, der einen ganz langen Atem verlangt. Könnte es sein, dass der islamistische Terrorismus, der jetzt in schneller Folge viele Länder heimgesucht hat, die gleiche Wurzel wie der Flüchtlingsstrom hat?

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

          In einem kurzen Essay („Paris, ISIS, and the Long War Against Extremism“) stellt der renommierte Sicherheitsfachmann Anthony Cordesman Beobachtungen an, welche diese Hypothese erhärten. Seine Schlussfolgerungen sind alles andere als optimistisch. So stellt er das westliche Publikum schon auf weitere Anschläge ein: Der Kampf gegen den gewaltbereiten islamistischen Extremismus werde eine „lange, lange Abnutzungsschlacht“ werden. Und deshalb werde man auch keinen schnellen „Sieg“ ausrufen können. Warum?

          Repressiv, autoritär, staatsterroristisch

          Cordesman, der am Center for Strategic and International Studies in Washington arbeitet, nennt die Gründe: Es seien staatliche Unterdrückung, Staatsterrorismus und gescheiterte säkulare politische Systeme, welche zu Brutstätten für das Entstehen der Gewalt sogenannter nichtstaatlicher Akteure würden und islamistischen Extremismus legitimierten. So sei der Bürgerkrieg in Syrien nicht in erster Linie ein Kampf zwischen der Regierung und dem „Islamischen Staat“, sondern ein Kampf zwischen einem repressiven, autoritären, staatsterroristischen Regime auf der einen Seite und einem Mix arabisch-sunnitischer Rebellen auf der anderen; deren Spannweite reiche von relativ gemäßigten Gruppen bis zu Untergliederungen von Al Qaida.

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          Die rücksichtslose Kriegsführung des Assad-Regimes hat unter Einsatz von Chemiewaffen und von Fassbomben gegen die Zivilbevölkerung vergleichsweise moderate Rebellen in die Arme der radikalsten islamistischen Milizen getrieben, die das Regime indes selbst kaum bekämpft hat. Daher ist es mehr als dreist, wenn sich Assad als Partner im Antiterrorkampf anpreist und wenn seine Mentoren ihn als solchen darstellen. Die brutale Niederschlagung gemäßigter Proteste im Jahr 2011 hat den Flüchtlingsstrom in Gang gesetzt; sie wirkt auf die Propaganda des „Islamischen Staats“ wie Humus.

          Cordesman erinnert daran, dass die Hauptleidtragenden des islamistischen Extremismus Muslime seien. Hunderttausende sind ihm zum Opfer gefallen, das wirtschaftliche Leben ist in vielen muslimischen Ländern zum Erliegen gekommen, Millionen Menschen sind vertrieben und auf der Flucht. Die westlichen Staaten stellten nur untergeordnete Ziele dar in einem Kampf, in dem es in erster Linie um die Zukunft der „islamischen Zivilisation“ gehe. In diesem Kampf spielt die Religion natürlich eine prominente Rolle. Aber der islamistische Extremismus lebt auch vom starken Bevölkerungswachstum in der islamischen Welt. Nach amerikanischen Berechnungen wird die Zahl der Muslime in der Welt bis 2050 von 1,6 Milliarden auf 2,8 Milliarden steigen.

          In einem repressiven Umfeld ist der Nachschub für die radikalen Kräfte sozusagen dauerhaft gesichert. Deswegen würden auch die besten Anstrengungen gegen den Terrorismus („Counterterrorism“) allenfalls die Symptome der Gewalt und des Extremismus bekämpfen. Jeder Sieg gegen eine radikale Bewegung würde eine neue Bewegung und neue Gewalt nach sich ziehen. Aus der Sicht Cordesmans kann es einen echten Sieg nur geben nach vielen Jahren der Reform in der islamischen Welt - mit Regierungen, deren Herrschaftsmittel nicht mehr Repression und Brutalität seien.

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          Selbst wenn „Counterterrorism“ nur Zeit kaufen, Anschläge verhindern und Opferzahlen minimieren kann, so kann der Westen angesichts der aktuellen Bedrohung nicht auf militärische Schritte verzichten. Insofern lenken die Angriffe von Paris die europäische Debatte zwangsläufig und notwendigerweise darauf, wie die kriegerischen Konflikte im Nahen und Mittleren Osten beendet werden können. Der „Islamische Staat“ muss - in den Worten des französischen Präsidenten - als militärische und als terroristische Organisation vernichtet werden. Nur eine militärische Niederlage schmälert zudem seine Anziehungskraft, von der Tausende junge Leute in Europa erfasst worden sind.

          Das wird vielleicht nicht unbedingt ihre Radikalisierungsbereitschaft minimieren, die sich aus anderen Quellen speisen mag. Aber es gäbe dann eben keine Geschichte des Erfolges mehr, mit der sich die radikalen Islamisten brüsten könnten. Eine Geschichte der Niederlage und der Vernichtung ist auch in den Hochburgen des radikalen Islams in Westeuropa keine Werbung in eigener Sache.

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