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Nizza nach Terroranschlag : Trauer in der Bucht der Engel

Trauer überall: Teddybären, Blumen und Kerzen erinnern in Nizza an die zahlreichen Opfer der Terrorfahrt Bild: AFP

Wie kann Nizza, das vom Vergnügen lebt, wieder zu sich selbst finden? Eine Spurensuche zwischen Strandpromenade, Altstadt und arabischen Imbissstuben.

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          Am Sonntagmorgen sind die Jogger zurück auf der Promenade des Anglais. Während die Kellner in der noch milden Sonne die Tische vor ihren Cafés für einen neuen Tag eindecken, steht den Sportlern schon der Schweiß im Gesicht. Eine ältere Dame mit großer Sonnenbrille führt ihren Hund spazieren. Nur die vielen bunten Flaggen der Strandclubs der Hotels hängen noch auf Halbmast. Dahinter das tiefblaue Meer und der wolkenlose Himmel.

          Alexander Haneke

          Redakteur in der Politik.

          Es ist der dritte Tag, nachdem am Abend des französischen Nationalfeiertags, kurz nach dem großen Feuerwerk, ein 31 Jahre alter Tunesier mit einem Kühllastwagen durch die Menschenmenge an der weltberühmten Strandpromenade raste und mindestens 84 Menschen tötete.

          Im Zickzackkurs steuerte Mohamed Lahouaiej Bouhlel den Lastwagen mit teils mehr als 90 Stundenkilometern über den breiten palmengesäumten Flanierstreifen, der sich von Nizzas Altstadt bis an das Ende der weiten Bucht der Engel zieht.

          Auch am dritten Tag danach ringen die Menschen an der Promenade des Anglais um Fassung. „Das Leben muss weitergehen“, sagt ein Kellner zu einem älteren Gast, dem über der Morgenzeitung die Tränen kommen.

          Verunsicherung macht sich bemerkbar

          Es ist mehr ein Appell als eine Feststellung. Er habe selbst den weißen Lastwagen gesehen, erzählt der Kellner, und all die Toten. Hilflos schaut er in den Morgenhimmel. Aber er fasst sich. „Es geht weiter“, sagt er und hat für die asiatische Familie am Nachbartisch kurz darauf schon wieder ein paar Scherze auf den Lippen.

          Am Samstagnachmittag hatte die Stadtverwaltung die Promenade wieder geöffnet. Langsam kamen die Menschen zurück und legten Blumen an die Stellen, an denen die Opfer auf dem Asphalt starben. Kleine Haufen von Blumen zeichnen den Zickzackkurs nach, auf dem der Lastwagen zwischen den Palmen die Menschen niederwalzte, teils auf dem breiten Gehweg, dann wieder auf der Fahrbahn.

          Zunächst sieht man viele Urlauber in Badehosen und Sommerkleidern – offensichtlich unschlüssig, wie man sich in einer solchen Situation verhalten soll. Am Abend dann immer mehr Einheimische, jung und alt, die sich unter den Palmen in den Armen hielten.

          Über Nizza liegt jetzt ein Schatten

          Überall Kerzen auf dem warmen Asphalt und selbst geschriebene Zettel. Versuche der Bewältigung unter dem Abendhimmel Nizzas, der aufgehellt wird durch das gleißende Licht der Fernsehkameras, die die Trauer in die Welt verbreiteten. An diesem Montag soll die ganze Promenade nach einer landesweiten Schweigeminute wieder für den Verkehr geöffnet werden.

          Im „Le Cocodile“, direkt an der Promenade, sitzen nur ein paar ältere Damen. Man kennt sich, spricht sich Mut und Trost zu. Eine sagt, sie habe die Sirenen gehört, sie wohne nur einen Block von der Promenade entfernt. „Aber ich dachte, da ist nur ein Unfall, oder vielleicht eine Schlägerei.“

          Erst mitten in der Nacht sei sie aufgewacht, als ihr Telefon vibrierte und ihr Sohn schrieb, ob sie in Sicherheit sei. „Erst da habe ich den Fernseher angemacht und realisiert, was nur ein paar Meter entfernt passiert war.“ Am nächsten Morgen war alles gesperrt, „aber ich habe die Toten dort noch liegen sehen.“ Der Terror ist in Frankreich längst zur traurigen Routine geworden. „Aber in Nizza war das immer sehr weit weg.“ Die Promenade des Anglais werde nie wieder, wie sie war, glauben die Damen. „Über ihr liegt jetzt ein Schatten.“

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