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Krieg gegen den IS : Nur mit Bodentruppen

Eine Luftbildaufnahme, die vom russischen Verteidigungsministerium am Montag veröffentlicht wurde, zeigt einen Luftschlag auf eine IS-Einrichtung in Syrien. Bild: Reuters

Der Westen könnte den „Islamischen Staat“ militärisch besiegen. Doch strategisch wäre damit wenig gewonnen. Um nachhaltige Erfolge zu erzielen, müssten Europa und Amerika eine schwierige Entscheidung treffen.

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          Die Terroranschläge von Paris, bei denen 130 Menschen getötet worden sind, haben zu einer informellen Koalition von seltener militärischer Stärke geführt. Bereits nach den Anschlägen vom 11. September 2001 hatte es eine breite Front gegen den Terror gegeben. Nun aber sind die Vereinigten Staaten, Russland, Großbritannien und Frankreich in dem Willen geeint, einen Gegner, den „Islamischen Staat“ (IS), militärisch zu besiegen. Hinzu kommen mit Iran und – trotz der Querelen mit Moskau – der Türkei zwei starke Regionalmächte, ferner kurdische Milizen und die schiitische Hizbullah sowie die Streitkräfte der Regierungen in Damaskus und Bagdad.

          Der französische Staatspräsident François Hollande sieht sein Land seit den Anschlägen im Krieg gegen den IS, und der Kreis derer wird größer, die fordern, mit Bodentruppen der Nato den selbsternannten Gotteskriegern des IS auf dem Schlachtfeld entgegenzutreten. Doch so stark, wie die neue informelle Koalition aussieht, ist sie nicht.

          Wer einen Krieg führen will, sollte die Stärke des Gegners kennen. Zur Gesamtzahl der IS-Kämpfer gibt es nur Schätzungen, und die schwanken. Gut tut, wer von der größtmöglichen Zahl ausgeht. Bis zu 200.000 Mann könne der IS im Verteidigungsfall in seinem irakisch-syrischen Herrschaftsgebiet mobilisieren, sagt der Direktor des Londoner Instituts für Radikalisierung und politische Gewalt, Peter Neumann.

          Bei dieser im Vergleich zu anderen Hochrechnungen äußert üppigen Schätzung müsse aber auch, so Neumann, die Vielschichtigkeit der IS-Truppen gesehen werden. Anders als der IS über das Internet glauben macht, handelt es sich bei den Kämpfern mitnichten nur um ideologische Überzeugungstäter. Neben Anhängern, die einen persönlichen Treueeid auf den „Kalifen“ Abu Bakr al Bagdadi abgelegt haben, kämpften für den IS auch Hilfstruppen ohne Treueeid sowie Stammesmilizen und Opportunisten, die sich mit ihm arrangiert haben, so Neumann.

          Der Eindruck einer in sich geschlossenen und imposanten Streitmacht relativiert sich weiter, wenn die Kampfkraft an anderen Kriterien gemessen wird. Nur ein Teil zählt zu der kleinen Gruppe radikal-islamistischer Veteranen, die zuvor im Irak, in Afghanistan oder Afrika im Einsatz gewesen sind. Am unteren Ende der Skala rangieren 14 Jahre alte Jugendliche, die nach Berichten aus Raqqa zum Dienst in den Terrormilizen verpflichtet werden. Zudem können die Kampfgruppen des IS kaum schwere Waffen einsetzen. Aus Armeebeständen erbeutete Panzer dienen vor allem dazu, bei Paraden ein gutes Bild abzugeben. Ansonsten fehlt es an Ersatzteilen, Munition und vor allem Flugabwehrraketensystemen, mit denen sich der IS vor Luftangriffen schützen könnte.

          Die Stärke des IS liegt in seiner taktischen Vorgehensweise bei Angriffen. Viele Kommandeure waren in der irakischen Armee Saddam Husseins in der konventionellen Kriegführung geschult worden. Die IS-Kampfgruppen sind sehr mobil. Ihre Verbände können auf Pick-ups in kurzer Zeit große Distanzen überwinden und, scheinbar aus dem Nichts, zuschlagen. Sie verfügen dank improvisierter Bomben, Selbstmordattentätern und einiger Artillerie über genügend Feuerkraft, um Breschen zu schlagen und Gegner zum Aufgeben ihrer Stellungen zu zwingen.

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