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Angst vor Anschlag in Rom : Im „Heiligen Jahr“ wird Polizeiaufgebot massiv verstärkt

  • -Aktualisiert am

Erzbischof Rino Fisichella: „Wir gehen trotz allem voran! Gerade jetzt ist Barmherzigkeit das Thema schlechthin“ Bild: AP

Das „Heilige Jahr“ in Rom mit Millionen von Pilgern wird von Sicherheitsbehörden und Geheimdiensten mit Sorge erwartet. Doch der Papst will auch nach den IS-Anschlägen von Paris nicht, dass die Türen der Kirchen gepanzert werden.

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          Es sind nur Hammerschläge, die dieser Tage die Besucher der päpstlichen Basiliken von Rom aufschrecken. Für das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“, das am 8. Dezember beginnt, bereiten Handwerker die seit dem Heiligen Jahr 2000 vermauerten „Heiligen Pforten“ für den Festakt ihrer Öffnung her: Recognitio heißt die Zeremonie. Nach Lateranbasilika, Petersdom und Santa Maria Maggiore folgt am Montag Sankt Paul vor den Mauern: Auch dort werden Handwerker die Ziegelwand einreißen, um die hölzerne Pforte dahinter zugänglich zu machen.

          Dann werden sie die bisher hinter der Mauer verborgene Kassette mit dem Schlüssel hervorholen, mit dem das Tor dann geöffnet werden kann. „Wer dreimal durch die Pforte schreitet, dem werden Schuld und Sünde nachgelassen“, heißt es seit Jahrhunderten für alle Pilger.

          Das „Heilige Jahr der Barmherzigkeit“ soll trotz der Pariser Anschläge vom vergangenen Freitag stattfinden. Ein besonders starkes Aufgebot an staatlichen Sicherheitskräften wird das Jahr begleiten. Eindringlich aber warnte Papst Franziskus bei der Generalaudienz am Mittwoch davor, Kirchentüren zu panzern. Tore der Barmherzigkeit müssten stets offen sein, sagte er. Gotteshäuser gehörten dem Herrn, und die Kirche müsse gleichsam als Pförtnerin im Sinn des Hausherrn handeln.

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          Fast trotzig sagte auch Erzbischof Rino Fisichella, der Präsident des Rates für die Neuevangelisierung, der das Heilige Jahr organisiert: „Wir gehen trotz allem voran!“ Gerade jetzt sei „Barmherzigkeit das Thema schlechthin“, lässt er der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mitteilen. Schon vor Tagen hatte Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin von einer „Offensive der Barmherzigkeit“ gesprochen, bei der alle spirituellen Ressourcen gesammelt werden sollten, um „positiv auf das Böse zu antworten“. Das Jahr könne Menschen von Angst befreien, und da schließe er die Muslime ein; nur mit ihnen zusammen könne islamistischer Terror besiegt werden, sagte Parolin. Zugleich wiederholte er eine Äußerung des Papstes vom Neujahrsempfang für die Diplomaten: Damals nannte Franziskus den Terror an vielen Plätzen der Erde einen „regelrechten Weltkrieg in Stücken“. Dieser Krieg sei allerdings asymmetrisch, folge eigenen Gesetzen, finde nicht auf Schlachtfeldern statt, sondern dort, wo unschuldige Menschen leben, zitierte Parolin den Papst.

          Parolin wiederholte auch eine andere Äußerung des Papstes: Danach ist es rechtmäßig, Angreifer mit Gewalt zu stoppen. Im August 2014 hatte Franziskus auf dem Rückflug von Südkorea Militärschläge gegen Islamisten zur Sprache gebracht: „Bei ungerechter Aggression ist es legitim, Angreifer anzuhalten“ - er hatte angefügt: „nicht bombardieren oder Krieg führen“. So ein „Anhalten“ dürfe aber nicht von einzelnen Staaten ausgehen, sondern von den Vereinten Nationen.

          FBI: Italien fest im Visier der Islamisten

          Nun macht sich Franziskus wieder auf den Weg an die Peripherie der christlichen Welt. Er will seinen Besuch in Afrika nicht absagen. Franziskus wird Kenia, Uganda und sogar die krisengeschüttelte Zentralafrikanische Republik besuchen, um dort am 29. November in Banguis Kathedrale mit der Öffnung einer „Heiligen Pforte“ das „Giubileo“ zu eröffnen. Franziskus will das Jahr überall auf der Welt gefeiert wissen. Man müsse nicht nach Rom kommen, Gottes Barmherzigkeit erreiche jeden Ort, sagt er.

          Für Italiens Regierung bringt das eine gewisse Beruhigung mit sich. Vielleicht kämen nun doch nicht 30 Millionen Pilger und müssten geschützt werden, heißt es. Seit Monaten ist Italien zwar ohne konkrete Warnungen, aber das Land sei, wie der amerikanische Geheimdienst FBI am Donnerstag verlauten ließ, fest im Visier der Islamisten. In Italien weiß man nur von wenigen Dschihadisten, die von Italien aus von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) rekrutiert wurden. Aus Libyen, wohin Italien als frühere Kolonialmacht weiterhin besondere Beziehungen pflegt, kamen aber schon über das Internet Drohungen des IS, nach denen „Rom im Visier des Heiligen Krieges“ sei. Es heißt, in Italien sei es für Islamisten schwer, an Waffen zu kommen. Der illegale Handel damit sei weitgehend in der Hand der Mafia, und die würde Islamisten an den Staat ausliefern - und sei es nur, um dafür einen Gegendienst zu erpressen.

          Das politische Rom reagiert daher jedenfalls rhetorisch wenig aufgeregt auf die jüngsten Anschläge. Ministerpräsident Matteo Renzi möchte nicht von Krieg sprechen, keine Sondergesetze schaffen und warnt vor militärischen Schlägen der EU-Staaten gegen den IS: „Es darf keine Bauchreaktion geben.“ Innenminister Angelino Alfano gibt zwar zu, dass „die Besorgnis über die terroristische Bedrohung mit dem Heiligen Jahr steigt“. Zugleich erinnert er aber daran, dass „Papst, Vatikan, Rom und andere Symbole des Christentums schon länger im Zentrum von Drohungen stehen“.

          Aber manches ist doch anders als sonst: Nicht nur in den französischen Einrichtungen, auch in verschiedenen Geschäften liegt die Nationalfahne aus. Und bemerkbar ist auch, dass der Staat massiv aufrüstet, um die Sicherheit seiner Bürger und der Pilger im Heiligen Jahr zu erhöhen. Tag und Nacht werden Touristenzentren wie Pantheon und Kolosseum von zivilen oder uniformierten Kräften bewacht. Es werden Straßensperren geschaffen, und Bahnhöfe und wichtige U-Bahn-Haltestellen werden streng bewacht. Schon 700 Sondereinsatzkräfte wurden nach Rom entsandt; insgesamt 1000 sollen im Heiligen Jahr über den normalen Sicherheitsdienst hinaus für Sicherheit sorgen: Das sind dann insgesamt 2000 Sicherheitsleute für etwa 140 Objekte. Der Luftraum über der Ewigen Stadt wird gesperrt. Die Regierung will insgesamt etwa 220 Millionen Euro mehr für Sicherheitskräfte und Geheimdienst ausgeben. Italiens Generalstaatsanwalt für den Kampf gegen Terror Franco Roberti bereitet die Menschen von Palermo bis Turin schon einmal auf den Notstand vor: „Wir müssen bereit sein, einen Teil unserer Freiheiten aufzugeben.“

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