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Attentäter von Nizza : Tänzer, Schläger, Radikaler

  • Aktualisiert am

Die Aufenthaltsgenehmigung von Mohamed Lahouaiej Bouhlel Bild: AFP

Über den Terroristen von Nizza wird immer mehr bekannt. Etwa, dass er zum Bodybuilding ging und Salsa mochte. Vor allem aber war er gewaltbereit – und hatte jede Menge Probleme.

          Der tunesische Attentäter von Nizza gibt den französischen Terror-Ermittlern Rätsel auf. Handelte er wirklich im Auftrag der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) - oder war er psychisch gestört? Etliche Menschen, die ihn länger kannten, beschreiben ihn als gewaltbereit, depressiv oder einfach still, aber nicht als religiös. Doch die Vernehmungen seines engeren Umfelds zeichnen offenbar ein anderes Bild des Mannes, der am Donnerstagabend mindestens 84 Menschen ermordet hat.

          Mohamed Lahouaiej-Bouhlel wurde am 31. Januar 1985 in M’Skaten, der Banlieue von Sousse in Tunesien geboren, lebte aber in den vergangenen Jahre legal als selbstständiger Kurierfahrer in Südfrankreich.

          In Nizza war er mit einer Franko-Tunesierin verheiratet und hatte drei Kinder. Er ging zum Bodybuilding und mochte Salsa. Doch am Ende ging seine Ehe in die Brüche und er hatte Probleme mit der Justiz. Dazu kamen wohl Finanzprobleme. „Ihm wurde ein Kredit verweigert und er wurde immer aggressiver“, sagte ein Bekannter der Zeitung „Nice Matin“. Nach anderen Medienberichten leerte er kurz vor der Tat sein Konto, verkaufte sein Auto und schickte 100.000 Euro an seine Familie in Tunesien.

          Der Attentäter von Nizza: Mohamed Lahouaiej Bouhlel

          Der Vater bezeichnete seinen Sohn als psychisch krank. Er habe Gewaltausbrüche gehabt, bei denen er alles um sich herum demolierte. Er litt zudem unter schweren Depressionen. Seit der Pubertät soll er unter schweren Persönlichkeitsstörungen gelitten haben. Im „Journal du Dimanche“ sagte der Psychiater Hamouda Chemceddine, der Mohamed 2004 behandelte: „Ich hatte den Eindruck des Beginns einer Psychose“. Er habe ihm Antipsychotika verschrieben, aber nie wieder etwas von ihm gehört.

          Hatte der Täter Komplizen?

          War Lahouaiej-Bouhlel ein Islamist? Der IS vereinnahmt ihn als „Soldaten“. Doch dem französischen Geheimdienst war er laut Pariser Staatsanwaltschaft „vollkommen unbekannt“; er stand auf keiner Gefährderliste. Seine Nachbarn erklärten französischen Medien, er sei zwar Muslim, aber nicht sonderlich religiös gewesen und habe Shorts getragen.

          Er habe außerdem Alkohol getrunken. Die Vernehmungen der nach dem Anschlag festgenommenen Personen sollen ergeben haben, dass Lahouaiej-Bouhlel sich in erst jüngster Zeit radikalisiert haben könnte. Frankreichs Premierminister Manuel Valls ist mittlerweile genau davon überzeugt.

          Unklar ist aber, ob er allein gehandelt hat, oder ob er Komplizen hatte. Der Fernsehsender BFMTV berichtete, dass Lahouaiej-Bouhlel noch kurz vor der Tat in mehreren SMS „mehr Waffen“ verlangt habe. Die Nachrichten soll er an einen der Männer geschickt haben, die nach der Tat festgenommen wurden.

          Lahouaiej Bouhlel hatte den Laster am 11. Juli in Saint-Laurent-du-Var, einem Vorort von Nizza angemietet. Es war der größte und schwerste Wagen, den das Leasing-Unternehmen hatte. „Ich habe das Material“, soll in einer SMS gestanden haben, die er an einen noch unbekannten Adressaten sandte.  Den Führerschein für Schwerlaster hatte Lahouaiej Bouhlel erst wenige Monate zuvor bestanden.

          Sicher ist: Lahouaiej-Bouhlel neigte zur Gewalt und war vorbestraft. Erst im März wurde er zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, weil er nach einem Verkehrsunfall eine Holzpalette auf seinen Unfallgegner geworfen hatte. Schon seit 2010 war er mit Drohungen, Diebstählen und Sachbeschädigungen aufgefallen. Gewalttätig soll er auch zu seiner Frau gewesen sein.

          Als instabilen, gewalttätigen Mann beschreiben ihn auch Nachbarn seiner getrennt lebenden Ehefrau, die kurz vor Geburt des dritten, heute 18 Monate alten gemeinsamen Kindes die Scheidung einreichte.

          Seiner Frau, die Franko-Tunesierin Hajer K., verdankte er die französische Aufenthaltsgenehmigung. Das Scheidungsverfahren habe ihn auch deshalb schwer getroffen, weil er damit eine Ausweisung aus Frankreich fürchten musste, sagte eine Kusine der Ehefrau.

          Lahouaiej Bouhlel schlug seine Frau

          Er sei „ein Mistkerl“ gewesen, der ihre Kusine bei cholerischen Anfällen geschlagen und die Kuscheltiere seiner Kinder mit dem Messer aufgeschlitzt habe.

          Zwischen 2010 und 2016 gingen in den Polizeikommissariaten von Nizza Dutzende Anzeigen gegen ihn ein, wegen Diebstahl, Sachbeschädigung und Bedrohung. Auch seine Ehefrau erstattete mehrmals Anzeige wegen ehelicher Gewalt. Aber Lahouaiej Bouhlel kam nie in Haft.

          Im Januar schlug er mit einer schweren Holzpalette auf einen Autofahrer ein, der ihn gebeten hatte, seinen Lieferwagen zu entfernen, da er den Straßenverkehr störte. Der Mann wurde schwer verletzt.

          Am 24. März wurde der Tunesier deshalb zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Sein Pflichtverteidiger Corentin Delobel, der ihn drei Mal traf, sagte französischen Medien, sein Mandant habe wie „ein gewöhnlicher Kleinkrimineller“ gewirkt. „Geringer IQ, instabile, gewaltsame Persönlichkeit, Neurosen, Alkohol- und Rauschgiftabhängigkeit“, hieß es in der Akte.

          Delobel betonte, der Mann habe keine Anzeichen einer islamistischen Radikalisierung gezeigt. Der Tunesier wohnte zuletzt im Quartier des Abbatoirs im Nordosten von Nizza, ein Viertel der unteren Mittelschicht. In der Moschee seines Wohnviertels wurde er nie gesehen.

          Was Lahouaiej-Bouhlel dazu brachte, am 11. Juli einen 19-Tonner zu mieten und damit am Nationalfeiertag in eine fröhliche Menschenmenge zu fahren, lässt sich aber immer noch nicht mit Sicherheit sagen. Seinen Lastwagen-Führerschein soll der Tunesier erst kurz zuvor gemacht haben. Und er hatte sich laut Staatsanwaltschaft eine automatische Pistole besorgt, mit der er bei seinem Anschlag auf Menschen schoss.

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