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Anschlag von Nizza : Strategisch, nicht spontan

Trauer an der Strandpromenade von Nizza Bild: AFP

Der Täter von Nizza plante seinen Anschlag seit Langem und handelte dabei nicht allein. Über die mutmaßlichen Komplizen werden weitere Details bekannt.

          Die Idee der Blitzradikalisierung eines Einzeltäters hat der französische Staatsanwalt François Molins eine Woche nach dem Terroranschlag von Nizza verworfen. Der Terrorist, der 31 Jahre alte Tunesier Mohamed Lahouaiej Bouhlel, habe „seit mehreren Monaten sein kriminelles Projekt in Aussicht genommen und ausgereift, bevor er zur Tat schritt“, sagte der Staatsanwalt am Donnerstagabend in Paris. Zudem handelte er nicht allein, sondern mit Hilfe von Komplizen. Fünf Verdächtige, vier Männer und eine Frau, wurden in Untersuchungshaft genommen.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Molins stützt sich dabei nach eigenen Worten auf die Auswertung von Bouhlels Computer und „entlarvende Fotos“, die im Mobiltelefon des Terroristen gefunden wurden. So fotografierte der Tunesier bereits am 14. Juli 2015 die Menschenmenge, die sich an der Promenade des Anglais zum Feuerwerk versammelt hatte. Eine weitere Aufnahme zeigt die Menschenmassen, die sich am 15. August 2015 ebenfalls zu einem Feuerwerk an der berühmten Strandpromenade eingefunden hatten. Zudem nahm er im vergangenen Sommer Fotos von Konzertbesuchern an der Promenade des Anglais auf. Er interessierte sich auch sehr für die Sicherheitsvorkehrungen um die Fanmeile zur Fußball-Europameisterschaft vom 10. Juni bis zum 10. Juli in Nizza. Entsprechende Zeitungsartikel wurden in seinem Computer gefunden. Am 1. Januar dieses Jahres kopierte Bouhlel einen Artikel aus der Lokalzeitung „Nice-Matin“ über einen Autounfall mit der Überschrift: „Er rast mutwillig in die Terrasse eines Restaurants“.

          Das alles deutet darauf hin, dass der Tunesier sich, anders als zunächst angenommen, nicht im Turboverfahren radikalisiert hat. Vermutlich hat er den Angriff seit gut einem Jahr vorbereitet. Am 16. Juli hatte Innenminister Bernard Cazeneuve noch gesagt, der Tunesier habe sich „sehr schnell radikalisiert“. Die Tatsache, dass er sich erst in den Tagen vor dem Anschlag einen Bart wachsen ließ, wurde als Zeichen für seine schnelle Konversion zum radikalen Islam gewertet. Staatsanwalt Molins sprach in einer ersten Reaktion von einem „gewissen“, aber „erst sehr frischen Interesse an der radikalislamischen Bewegung“. Nun korrigierte er seine Aussagen vollständig. Molins Aussagen, dass der Täter „Schweinefleisch aß, Alkohol und Rauschgift konsumierte und ein enthemmtes Sexualleben führte“ stehen jetzt in einem neuen Licht. Vermutlich waren sie Teil einer geschickten Tarnung. Molins wies darauf hin, dass sich der Tunesier, obwohl verheiratet und Vater von drei Kindern, bevorzugt Partner im homosexuellen Milieu suchte. Nun fragen sich die Medien, ob die homosexuellen Ausschweifungen nicht auch Teil der Tarnstrategie waren.

          Einer der mutmaßlichen Komplizen, der 40 Jahre alte Mohamed W., hat das Blutbad an der Promenade des Anglais gefilmt, als die Rettungsdienste dort gerade eintrafen. Der Franko-Tunesier hatte sich zuvor in der Fahrerkabine des Lastwagens aufnehmen lassen. Entsprechende Fotos, die auf den 11. und den 13. Juli datiert sind, wurden in Bouhlels Mobiltelefon gefunden. Mohamed W. ist der Justiz bislang nicht bekannt. Er habe seit Juli 2015 insgesamt 1278 Mal mit Bouhlel telefoniert, teilte der Staatsanwalt mit. Am 10. Januar 2015, nach dem Terroranschlag in der Redaktion von Charlie Hebdo und der Geiselnahme in dem jüdischen Supermarkt, schrieb Mohamed W. dem späteren Attentäter folgende SMS-Nachricht: „Ich bin nicht Charlie. Ich bin froh, dass sie Soldaten Allahs geschickt haben, um die Arbeit zu beenden.“

          Mohamed W. stand in Kontakt mit einem weiteren festgenommenen Verdächtigen, dem 37 Jahre alten Chokri C. Der Tunesier, der nicht vorbestraft ist, soll fünf Waffen von Bouhlel erhalten haben. Chokri C. hat vermutlich die mörderische Fahrt auf der Promenade des Anglais mit vorbereitet. Videoaufnahmen der Stadt Nizza zeigen den Tunesier an der Seite von Bouhlel am 12. Juli in dem Lastwagen auf der Promenade des Anglais. Seine Fingerabdrücke wurden zudem im Inneren der Fahrerkabine gesichert. Am 4. April 2016 hat Chokri C. nach Angaben des Staatsanwalts Boulel folgende Facebook-Nachricht geschickt: „Lade den Lastwagen, lege 2000 Tonnen Eisen hinein, löse die Bremsen, mein Freund, und ich schaue zu.“

          Ein weiterer mutmaßlicher Komplize ist der 21 Jahre alte Franko-Tunesier Ramzi A., der zwischen April 2013 und Mai 2015 insgesamt sechs Mal wegen Diebstahl, Rauschgiftkonsum und Gewaltanwendung verurteilt wurde. Kurz vor Beginn der mörderischen Fahrt am 14. Juli sendete ihm Bouhlel zwei SMS-Nachrichten. Darin dankte er ihm für die Waffe, die er ihm organisiert habe und für die fünf anderen Waffen, die „für Freunde“ seien. Im Keller eines Bekannten von Ramzi A. fanden die Ermittler nach Angaben des Staatsanwalts ein Kalaschnikow-Gewehr und Munition. In seiner Wohnung wurden 2500 Euro Bargeld und 200 Gramm Kokain sichergestellt. Die Waffen sollen der Albaner Artan H., 38 Jahre, und dessen franko-albanische Freundin Enkeledja Z., 42 Jahre, beschafft haben.

          Staatsanwalt Molins bestätigte unterdessen eine Anordnung der Justiz an die Stadtverwaltung, die Videoaufnahmen der sechs städtischen Kameras im Bereich der Promenade des Anglais in der Nacht des 14. Juli zu zerstören. Die Stadtverwaltung hat sich bislang geweigert, das Beweismaterial zu löschen. Innenminister Bernard Cazeneuve steht im Verdacht, Angaben über das Sicherheitsaufgebot beschönigt zu haben. Der Staatsanwalt sagte, mit der Löschung der Aufnahmen solle verhindert werden, dass die Bilder von Terroristen zu Propagandazwecken eingesetzt würden.

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