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Anschläge in Brüssel : Was wir bisher wissen – und was nicht

  • Aktualisiert am

Mittwochmorgen in Brüssel: Soldaten kontrollieren an U-Bahn-Stationen und am Flughafen. Bild: AFP

Am Tag nach den Anschlägen von Brüssel hat die Polizei zwei Selbstmordattentäter identifiziert, nach weiteren Verdächtigen wird gefahndet. Die Fakten im Überblick.

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          Wie ist der Stand der Ermittlungen?

          Die Selbstmordanschläge am Brüsseler Flughafen und in der Metro sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft von zwei Brüdern verübt worden. Der Flughafen-Attentäter Ibrahim Al Bakraoui habe auf einem Computer einen letzten Willen hinterlassen, teilte die Staatsanwaltschaft in Brüssel am Mittwoch mit. Sein Bruder Khalid habe sich in einem Waggon der Metro an der Station Maelbeek in die Luft gesprengt.

          Die Identität des zweiten Selbstmordattentäters am Flughafen konnte dem Staatsanwalt zufolge bisher nicht geklärt werden. Dies gelte auch für einen dritten Mann, der in einer hellen Jacke und mit Hut auf Fahndungsfotos zu sehen ist. Er befinde sich „auf der Flucht“.

          Gibt es Verbindungen zu den Anschlägen von Paris?

          Vieles deutet darauf hin: der Ablauf der Taten, der Sprengstoff, die Tatorte. Vor allem aber: die Herkunft der mutmaßlichen Täter. Einer der beiden Brüder - Khalid - soll unter falschem Namen eine Wohnung angemietet haben, die zur Vorbereitung der Anschläge im November in Paris genutzt wurde. Die Brüder waren wegen verschiedener Delikte polizeibekannt, standen aber nicht unter Terrorverdacht.

          Laut Medienberichten - die von den Ermittlern bislang allerdings nicht bestätigt worden sind - wird im Zusammenhang mit den Brüsseler Anschlägen zudem nach Najim Laachraoui gesucht. Er soll zusammen mit Salah Abdeslam, der bereits am Freitag in Brüssel festgenommen wurde, einer der Drahtzieher der Paris-Anschläge gewesen sein. Sicherheitsexperten gehen davon aus, dass die Vorbereitungen für die Anschläge in Brüssel bereits vor der Festnahme Abdeslams begannen. Es war jedoch unklar, ob der 26 Jahre alte Franzose im Vorfeld von den Anschlagsplänen wusste oder ob die Attentäter zuschlugen, weil sie das Gefühl hatten, dass die Polizei ihnen zu dicht auf den Fersen war.

          Was ist am Dienstag in Brüssel passiert?

          Am Dienstagmorgen gegen acht Uhr sprengten sich in der Abflughalle des Flughafens Brüssel-Zaventem zwei Selbstmordattentäter in die Luft. Die Decke der Abflughalle stürzte teilweise ein. Am Abend wurde in einer Tasche ein weiterer Sprengsatz gefunden, der laut Staatsanwaltschaft der größte war. Er wurde von der Polizei kontrolliert gesprengt.

          Am Vormittag gab es zudem eine schwere Detonation in der Metro-Station Maelbeek, die im EU-Viertel von Brüssel liegt. Ein Selbstmordattentäter zündete in einem Waggon der U-Bahn seinen Sprengsatz. Auf Fotos war ein völlig zerstörter U-Bahnwaggon zu sehen.

          Videografik : Die Anschläge von Brüssel

          Von wie vielen Opfern muss man ausgehen?

          Auch am Tag danach ist das nicht klar. Noch sind nicht alle Opfer identifiziert. Die belgischen Behörden sprechen jetzt von 31 Toten und 270 Verletzten. Die Opfer kamen nach Angaben des belgischen Außenministers Didier Reynders aus etwa 40 Nationen. Auch mehrere Deutsche wurden verletzt. Das Auswärtige Amt schloss am Mittwoch auch nicht mehr aus, dass Bundesbürger getötet wurden. Mindestens ein Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft erlitt schwere Verletzungen.

          Wie ist die Lage in Belgien am Mittwoch?

          Weiterhin gilt Terrorstufe 4 - die höchstmögliche. Das öffentliche Leben funktioniert mittlerweile halbwegs wieder. Aber das ganze Land trauert. Um 12 Uhr gab es eine landesweite Schweigeminute. Bis Karfreitag ist noch offiziell Staatstrauer. Die Flaggen wehen auf halbmast. Die Metro-Station Maelbeek wird vermutlich noch mehrere Wochen geschlossen bleiben. Wann genau der Flughafen wieder in Betrieb geht, weiß man noch nicht - frühestens aber am Freitag. Das für Dienstag geplante Fußball-Länderspiel zwischen Belgien und Portugal wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt.

          Wie groß ist die Gefahr für Deutschland?

          Die Sorge vor einem Anschlag auf deutschem Boden ist anhaltend hoch - aber das ist schon seit vielen Monaten so. Die Kontrollen an Deutschlands Grenzen zu Belgien und Frankreich sind nochmals verschärft worden. Auch an den großen Flughäfen und Bahnhöfen werden die Sicherheitsmaßnahmen wieder in die Höhe gefahren. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sagt, es gebe bislang keine Hinweise auf einen „Deutschland-Bezug“ der Täter. Aber selbstverständlich wird geprüft, ob es Querverbindungen zur hiesigen Islamistenszene gibt.

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          „Islamischer Staat“ : Spuren des Terrors Bild: F.A.Z.

          Welche Folgen haben die Anschläge in Europa?

          Als Reaktion auf die Anschläge fordert die Bundesregierung einen besseren Datenaustausch zwischen den Sicherheitsbehörden aller EU-Länder. „Wir müssen die Informationen austauschen, die da sind", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Dienstagabend. Dies werde dadurch erschwert, dass es in Europa „getrennte Datentöpfe“ gebe. Nun müssten die Daten besser miteinander verknüpft werden. Auch der französische Premierminister Manuel Valls mahnte eine bessere Zusammenarbeit innerhalb der EU zur Terrorabwehr an. Valls äußerte sich verärgert darüber, dass die Pläne über ein EU-Register zur Speicherung von Flugpassagierdaten noch immer nicht vorangekommen seien. Die EU-Innenminister wollen eine Sondersitzung einberufen. Die Minister würden „binnen Tagen“ zu Gesprächen zusammenkommen, sagte EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos.

          Wieso Belgien?

          Belgien hat im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl von elf Millionen eine der größten Islamisten-Szenen in Europa. Die Sicherheitsbehörden gehen davon aus, dass 300 Belgier bei den Dschihadisten in Syrien gekämpft haben. Damit ist das Land der größte „Exporteur“ ausländischer Kämpfer in Europa. Zugleich steht das Land wegen der mangelnden Zusammenarbeit seiner zersplitterten Behörden in der Kritik: Über die Viertel Brüssels herrschen 19 autonome Bürgermeister, im ganzen Land sollen 193 örtliche Polizei-Einheiten für Sicherheit sorgen.

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