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Terror-Ermittlungen : „Es ist eine Operation, die langen Atem erfordert“

  • -Aktualisiert am

Seit’ an Seit’: Manuel Valls, Charles Michel, Jean-Claude Juncker und Federica Mogherini an der Metro-Station Maelbeek Bild: AP

Zu den Tätern werden erste Ergebnisse bekannt: Es gibt Verbindungen zwischen den Anschlägen von Paris und Brüssel. Belgien und Frankreich wollen künftig enger zusammenarbeiten.

          6 Min.

          Eine Minute lang herrscht am Mittwochmittag vielerorts in Belgien Stillschweigen. Vor dem neoklassischen Gebäude der Börse in der Innenstadt haben sich einige hundert Menschen zusammengefunden. In der Europäischen Kommission treffen zur selben Zeit das belgische Königspaar Philippe und Mathilde, die 28 Kommissare, belgische Regierungsmitglieder sowie der französische Premierminister Manuel Valls für eine Schweigeminute zusammen. Es sind 60 Sekunden, die keine Ruhe einkehren lassen. Die Gedanken gelten den Opfern und ihren Angehörigen, aber auch, einen Tag nach den mörderischen Anschlägen in Brüssel, der bangen Frage nach der Verantwortung für die Verbrechen. In Zweckoptimismus übt sich wenig später Kristalina Georgieva, die bulgarische Vizepräsidentin der Kommission. Das Leben müsse weitergehen: „Wir werden leben, lieben, arbeiten, lachen und tolerant bleiben“, sagt Georgieva.

          Michaela Wiegel

          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Am Mittwochvormittag werden Bilder der ersten zweifelsfrei identifizierten Opfer der Anschläge auf dem Brüsseler Flughafen und auf den im EU-Viertel gelegenen U-Bahnhof Maelbeek veröffentlicht. Sie zeigen eine unbeschwert wirkende Mutter, einen Studenten einer Brüsseler Hochschule, einen Beamten der wallonischen Regionalverwaltung. Das Blutbad von Brüssel, bei dem mindestens 31 Menschen ums Leben gekommen sind und weitere rund 250 verletzt wurden, ist jetzt mit Namen und Einzelschicksalen verbunden. Bei manch einem der durch die Explosionen entstellten Opfer könnten noch Wochen bis zu einer zweifelsfreien Identifizierung vergehen.

          Übereilte Tat nach Festnahme

          Seit dem Morgen haben sich die Nachrichten zur Ermittlung und Ergreifung der Täter überschlagen. Für manches Dementi, aber auch für Klarstellungen sorgt dann der für die Ermittlungen in Brüssel zuständige belgische Bundesanwalt Frédéric Van Leeuw. So steht zu diesem Zeitpunkt die Identität von drei der mutmaßlichen Attentäter fest: die des 29 Jahren alten Ibrahim el Bakraoui und seines zwei Jahre jüngeren, ebenfalls zuletzt in Brüssel wohnhaften Bruders Khalid. Van Leeuw widerspricht der Darstellung, wonach beide unter jenen Männern waren, die auf einem kurz vor den Anschlägen in der Abfertigungshalle aufgenommenen Bild zu sehen sind. Der ältere Bruder habe sich auf dem Flughafen, der jüngere bei dem Anschlag auf die U-Bahn in die Luft gesprengt, erläutert der Bundesanwalt. Die Identität des ebenfalls auf dem Foto abgebildeten zweiten Selbstmordattentäters konnte am Abend geklärt werden. Mehrere belgische Medien berichteten am Mittwochabend unter Berufung auf „Polizeikreise“, es handle sich um den Belgier Najim Laachraoui. Die Identität des dritten Manns auf dem Foto ist hingegen weiterhin unklar. Er konnte entkommen und nach ihm wird weiterhin gefahndet.

          Es geht Van Leeuw nicht allein um die Namen, sondern auch darum, eine Verbindung zwischen den Brüsseler und den Pariser Anschlägen im vergangenen November und damit zur Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) herzustellen. So gibt er zu verstehen, dass die Festnahme des 26 Jahre alten mutmaßlichen Terroristen Salah Abdeslam am vergangenen Freitag das Terrorkommando von Brüssel vermutlich übereilt zur Tat hat schreiten lassen. Van Leeuw verweist auf ein „Testament“ Ibrahim el Bakraouis, das Ermittler in einem Computer sichergestellt haben. El Bakraoui sei durch DNA-Spuren identifiziert worden.

          Kriminelle Gotteskrieger

          Den Ermittlern war es offenbar gelungen, sein Versteck in dem im Brüsseler Nordosten gelegenen Stadtteil Schaerbeek aufzuspüren. In einem Mülleimer fanden Polizisten den von el Bakraoui benutzten Computer. In einem testamentarischen Text schreibt der Belgier mit marokkanischen Wurzeln, er wisse nach der Festnahme Abdeslams nicht mehr weiter. Van Leeuw zitiert den mutmaßlichen Terroristen mit den Worten, er werde überall gesucht und sei nicht mehr in Sicherheit - wenn er weiter abwarte, riskiere er, in einer Gefängniszelle neben Abdeslam zu landen.

          Sprengmeister der Brüsseler Terrorzelle: Najim Laachraoui.
          Sprengmeister der Brüsseler Terrorzelle: Najim Laachraoui. : Bild: AP

          Das letzte Versteck des Terrorkommandos konnte so schnell entdeckt werden, weil sich der Taxifahrer bei der Polizei gemeldet hatte, der die drei Männer am Dienstag mit ihren schweren Koffern zum Flughafen gebracht hatte. Ihm war aufgefallen, dass die Männer ihn nicht die Koffer anfassen ließen. Wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, benutzten die Terroristen den leicht entzündlichen Sprengstoff TATP. In Schaerbeek seien große Mengen Material zur Herstellung des Sprengstoffes sichergestellt worden.

          Ibrahim und Khalid el Bakraoui waren der Polizei einschlägig bekannt. Khalid war 2011 zu fünf Jahren Haft wegen Diebstahls mit Gewaltanwendung, Ibrahim 2010 zu neun Jahren Haft wegen Raubüberfalls verurteilt worden. Vieles deutet darauf hin, dass die Brüder in Kontakt mit Salah Abdeslam und mit Abdelhamid Abaaoud, dem mutmaßlichen Drahtzieher der Pariser Anschläge vom 13. November, gestanden haben.

          Sichere Wohnung in Charleroi

          Khalid el Bakraoui soll unter einem Decknamen die Wohnung in Forest, im Brüsseler Südwesten, angemietet haben, in der sich Salah Abdeslam möglicherweise bis zur Hausdurchsuchung durch die Polizei am Dienstag vergangener Woche versteckt haben soll. Dort waren nicht nur Fingerabdrücke Abdeslams, sondern auch große Mengen Munition, Waffen und Zünder gefunden worden. Kurz vor den Attentaten von Paris, am 3. September 2015, soll Khalid einen Mietvertrag für eine Wohnung in Charleroi unter dem Decknamen Ibrahim Maaroufi unterzeichnet haben. Dort stießen die Ermittler im Dezember auf Fingerabdrücke des mutmaßlichen Drahtziehers der Pariser Anschläge, Abaaoud, sowie auf Fingerabdrücke von Bilal Hafdi, einem der Selbstmordattentäter vom Stade de France.

          Nach Erkenntnissen der Polizei diente die Wohnung in Charleroi einem Teil der Attentäter als Versteck, von dem aus sie die Anschläge planten. Auf eine Verbindung zu den Attentätern von Paris weist auch die am Mittwoch noch fieberhaft laufende Fahndung nach Najid Laachraoui hin. Der 24 Jahre alte Laachraoui gilt als „Sprengmeister“ der Terrorkommandos, er soll die Sprengstoffgürtel der Selbstmordattentäter von Paris hergestellt. Der in Belgien geborene Laachraoui war unter seinem Decknamen Soufiane Kayal am 9. September 2015 an der österreichisch-ungarischen Grenze kontrolliert worden. In seiner Begleitung waren Salah Abdeslam sowie der Algerier Mohamed Belkaid, der bei der Durchsuchung des Terroristenverstecks in Forest getötet wurde. Die französischen Ermittler gehen davon aus, dass Laachraoui und Belkaid die Anschläge in Paris von Brüssel aus koordinierten. Belkaid erhielt nachweislich eine SMS von den Bataclan-Attentätern am Abend des 13. November. „Wir sind los, wir fangen an“, stand in der SMS. Meldungen, wonach Laachraoui am Mittwoch gefasst worden sei, wurden zunächst nicht bestätigt.

          Zeit der Sticheleien ist Vergangenheit

          Das französisch-belgische Ermittlungsteam geht auch Verbindungen zu Terrorzelle im ostbelgischen Verviers nach. Die von Abaaoud gesteuerte Terrorzelle war am 15. Januar 2015, unmittelbar nach den ersten Attentaten von Paris, ausgehoben worden. Die IS-Kämpfer von Verviers sollen einen Anschlag auf einen Flughafen geplant haben. Zwei Verdächtige aus dem Brüsseler Problemstadtteil Molenbeek, in den in den vergangenen Monaten immer wieder Spuren des radikalen Islamismus geführt haben, wurden bei der Polizeioperation getötet. Abaaoud gab später in dem Propagandablatt Dabiq an, dass er der Polizei entkommen sei. 16 mutmaßliche IS-Kämpfer wurden festgenommen. Aber der französische Geheimdienst DGSI geht nach Informationen der Zeitung „Le Monde“ davon aus, dass ein Teil der Terrorzelle unerkannt entkommen konnte. Neun mutmaßliche Terroristen sollen noch immer auf freiem Fuß sein.

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          „Islamischer Staat“ : Spuren des Terrors Bild: F.A.Z.

          Dass die Zeit der gegenseitigen Vorhaltungen und Sticheleien zwischen Paris und Brüssel, an denen es zuletzt nicht gemangelt hat, der Vergangenheit angehören soll, verdeutlicht die Brüssel-Visite des französischen Premierministers Manuel Valls am Mittwoch. Erst wenige Stunden zuvor hatte der französische Finanzminister Michel Sapin dem Nachbarland eine „gewisse Naivität“ im Umgang mit radikalen Kräften im Land vorgeworfen. Postwendend kommt die Reaktion der belgischen, ebenfalls sozialistischen Spitzenpolitikerin Laurette Onkelinx: Sapins Einlassung seien „schlicht beschämend“ - gerade im aktuellen Schockzustand in Belgien.

          Es geht nicht um gegenseitige Vorwürfe

          Auch der belgische Innenminister Jan Jambon hat schon am Morgen abermals versucht, das vor allem außerhalb Belgien präsente Urteil zu korrigieren, die heillos zerstrittenen Flamen und Wallonen sähen dem Treiben der Radikalen in Molenbeek und anderswo macht- und tatenlos zu. „Jedermann sucht ständig nach Fehlern. Aber ich stehe hinter unseren Leuten“, sagt Jambon im Fernsehsender VTM. Er erinnert daran, dass Belgien außerhalb seiner Grenzen über den grünen Klee gelobt worden sei, als es im Januar 2015 die Terrorzelle in Verviers ausgehoben habe. Belgische Politiker verweisen auch darauf, dass die Justiz energisch - auch mit empfindlichen Gefängnisstrafen - gegen Mitglieder der radikalislamischen Organisation „Sharia4Belgium“ - vorgegangenen und die Zahl der aus Belgien nach Syrien und in den Irak gezogenen Dschihadisten deutlich gesunken sei. Rund 450 Kämpfer, so die jüngsten Statistiken seien ausgereist und 117 inzwischen heimgekehrt.

          Valls geht es am Mittwoch weder um Rechenbeispiele noch um gegenseitige Vorwürfe. Zusammen mit seinem belgischen Amtskollegen Charles Michel tritt er am Nachmittag in Brüssel vor die Kameras. Valls würdigt die gemeinsam erzielten Erfolge bei der Jagd nach den Terroristen, Er spricht vom gemeinsamen Schicksal und davon, dass Belgier und Franzosen Vettern sei. Vorrangig sei es nun weiteren Anschlägen vorzubeugen. Aber Valls dämpft auch Hoffnungen auf rasche Erfolge im Kampf gegen den IS und sagt: „Wir wissen, dass es um einen Operation geht, die langen Atem erfordert.“

          Videografik : Die Anschläge von Brüssel

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