https://www.faz.net/-gpf-8a7a7

Alltag nach dem Terror : Die Stille in den Straßen der Stadt

Das Gebiet um die Place de la Concorde ist von der Polizei abgesperrt. Doch den Menschen ist die Lust, in den Straßen zu flanieren, ohnehin vergangen. Bild: Getty

Paris erkennt sich nicht wieder. Inmitten der allgegenwärtigen Unsicherheit fangen seine Bewohner an, sich zu fragen: Wie sollen wir weiterleben? Und sollen wir es hier tun?

          Rémy Harache saß am Freitagabend auf dem Sofa und sah sich das Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Frankreich im Fernsehen an, als ihm plötzlich auffiel, dass Explosionen im Hintergrund zu hören waren. „Ich fragte mich, wo die herkamen, und da wurde mir bewusst, dass draußen, rund um unsere Wohnung, Blaulichter, Sirenen und Hubschrauberlärm zu hören waren. Dann war der Hubschrauberlärm plötzlich auch im Fernsehen. Ich war verwirrt und machte das Fenster auf, und dann verstand ich, dass wir mittendrin in irgendetwas waren“, erzählt der 55-Jährige, der mit Frau und Sohn im Herzen von Paris lebt. Der Konzertsaal Bataclan, in dem es mehr als achtzig Tote gab, ist nur anderthalb Kilometer von seiner Wohnung entfernt. Als im Fernsehen von einem Terroranschlag die Rede war, sei sein erster Gedanke gewesen: „Oh nein, nicht schon wieder. Ich war geschockt.“

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Lucia Schmidt

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und dann stand sein Telefon nicht mehr still. Alle Freunde hätten wissen wollen, ob er noch lebe, und seine Frau, die gerade in Deutschland ist, habe auch angerufen. „Wir waren beide wie betäubt von dem, was hier direkt vor unserer Haustür geschah.“ Er sei bis drei Uhr wach geblieben und habe alles im Fernsehen verfolgt, und dann sei ihm plötzlich bewusstgeworden, dass, während er auf seinem Sofa saß, ein paar Häuserblöcke von ihm entfernt gerade etliche Menschen umgebracht worden waren. Harache fragte sich, was er seinem sechs Jahre alten Sohn am nächsten Morgen sagen sollte.

          „Terrorist“ gehört inzwischen zum Wortschatz eines Sechsjährigen

          Am Samstagmorgen hat Harache kurz überlegt, ob sein Sohn und er sich überhaupt auf die Straße wagen könnten. „Normalerweise holen wir samstags zum Frühstück immer Croissants, aber nach so einer Nacht?“ Sie hätten sich dann getraut, aber als er die Tür hinter sich zugezogen habe, sei er wachsamer als sonst gewesen. „Die Straße war wie ausgestorben, obwohl das hier normalerweise ein extrem belebtes Viertel ist. In der Bäckerei waren wir sogar die einzigen Kunden, und die Verkäuferin war so reserviert. Alles war ganz anders als sonst.“ Er hat seinem Sohn dann erklärt, dass in der Nacht Terroristen gekommen seien, „aber so, dass er keine Angst bekommen hat“. Wieder zu Hause, erfuhren sie, dass der Tennisunterricht, den der Junge normalerweise samstagmorgens hat, wegen der Anschläge ausfiel. „Als meine Frau morgens noch mal anrief, erklärte der Kleine ihr, er könne wegen den Terroristen nicht zum Tennis. So weit ist es gekommen, dass ein Sechsjähriger so ein Wort schon zu seinem aktiven Wortschatz zählen muss.“

          Auch Adèle ist mit ihren dreieinhalb Jahren bestens vertraut mit dem Alltag unter verschärften Bedingungen. „Sie sieht schon genug Maschinenpistolen auf der Straße“, erzählt ihre Mutter, Estelle Marandon, 35, die als Journalistin in Paris arbeitet, auch für diese Zeitung. „Das Militär auf den Straßen, das wird jetzt noch mehr zum Alltag dazugehören. Adèle fragt schon jetzt, zum Beispiel, wenn wir auf dem Weg zum Kindergarten sind: Mama, was macht der Monsieur da?“ 300 Meter vom Kindergarten entfernt liegt das „Le Petit Cambodge“, das kambodschanische Restaurant, in das die Attentäter am Freitagabend ungerührt hineingeschossen haben.

          Regelmäßige Besucher des Bataclan

          Marandon hält sich an diesem Wochenende mit ihrem französischen Mann, mit Adèle und dem ein Jahr alten Sohn Viktor im Ferienhaus der Schwiegereltern in Nordfrankreich auf, Paris hatte sie schon vor den Anschlägen verlassen. In Gedanken ist sie trotzdem in ihrer Heimatstadt: „Das sind unsere täglichen Wege, unsere Orte. Canal Saint-Martin und Rue de Marseille im 10. Arrondissement sind gerade sehr angesagt, coole Leute treffen sich dort.“ Jetzt wird das kaum mehr so sein. „Die Vorstellung, meine Tochter dort in den nächsten Wochen wieder hinzubringen, ist ein ganz komisches Gefühl. Man ist an seiner empfindlichsten Stelle getroffen.“ Auch die Konzerthalle Bataclan kennt Marandon gut, von den tollen Stand-up-Comedys. „Mein Mann meinte gleich: Gott sei Dank, dass wir wegen der Kinder nicht mehr so oft ausgehen. Aber was, wenn es tagsüber passiert?“

          Weitere Themen

          Proteste gegen Sicherheitskonferenz Video-Seite öffnen

          Tausende auf der Straße : Proteste gegen Sicherheitskonferenz

          Sorge vor einem neuen nuklearen Wettrüsten, Dauerkonflikte im Nahen Osten und eine wankende Weltordnung: Die Teilnehmer der Demonstrationen am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz haben viele Gründe, ihren Protest auf die Straße zu tragen.

          Topmeldungen

          Geht es Arbeitnehmern wirklich so schlecht?

          Ausgebeutete Arbeitnehmer? : Der Markt ist klüger als die SPD

          Arbeitnehmer haben heute so viel Macht wie selten zuvor. So manchen Arbeitgeber treiben sie gar zur Verzweiflung. Nur: Wer sagt das jetzt den Sozialdemokraten? Die sprechen weiter von Gerechtigkeitslücken, die geschlossen werden müssen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.