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Christians Krieg

von LEONIE FEUERBACH

28. November 2015. Tausende Europäer haben sich dem IS in Syrien und im Irak angeschlossen. Nur einige wenige bekämpfen die islamistische Terrormiliz. Einer von ihnen ist der Deutsche Christian.

Christian Haller in Nordsyrien mit zwei Kämpfern der YPG (© Christian Haller)

Als Christian Haller das Abenteuer suchte, zog er in den Krieg. Sieben Monate lang kämpfte er an der Seite der Kurden in Syrien gegen die Terrormiliz IS. Er, der in Deutschland nie bei der Bundeswehr war, hat gelernt, mit einer Kalaschnikow zu schießen. Er weiß jetzt, dass das Gehirn ganz leer wird, wenn man in Lebensgefahr schwebt, wie automatisch funktioniert: Schießen. Nachladen. Schießen. Und dass der Tod nicht das Schlimmste ist, das droht. Wie die Kurden hatte auch er eine letzte Kugel bei sich, die er sich selbst in den Kopf gejagt hätte, wäre er lebend in die Hände der IS-Kämpfer gefallen.

An einem verregneten Tag im November sitzt der 30 Jahre alte Christian Haller in einem Café in einer deutschen Großstadt und erzählt vom Krieg. Haller, der eigentlich anders heißt, hat einen freundlichen Blick und rotblonde Stoppelhaare, die an der Stirn und am Hinterkopf in eine Glatze übergehen. Ein sportlicher Typ, eher unauffällig. Was hat ihn dazu getrieben, sein Leben in einem fernen Krieg zu riskieren?

Christian Haller im November zurück in Deutschland (© Andreas Pein)

Haller erzählt von seinem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Wie er einmal zusammengeschlagen wurde, als er einen schwulen Bekannten vor den Pöbeleien Betrunkener beschützen wollte. Für die Gerechtigkeit seinen Kopf hinhalten, in dem er seither eine Metallplatte trägt: Das ist sein Ding. Er erzählt auch davon, wie er als Kind Abenteuerromane las. Immer auf der Suche war nach einem eigenen, großen Abenteuer – und stattdessen mit Freundin und Hund in ein Haus in einer Kleinstadt zog. Und sich langweilte als leitender Angestellter in einer Sportanlage.

Haller wundert sich, dass er nachts ruhig schlafen kann

Irgendwann hörte er zum ersten Mal von der Terrororganisation, die sich „Islamischer Staat“ nennt. Die Berichte über Vergewaltigungen und Versklavungen yezidischer Frauen, enthauptete Journalisten, Massenerschießungen von Schiiten ließen ihn nicht mehr schlafen. Er hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen gegen dieses unfassbare Leid. Und er sah endlich die Möglichkeit, aus seiner Routine auszubrechen, sein eigenes Abenteuer zu erleben. Auch wenn er nicht wusste, ob er es überleben würde.

Darüber, wie es sich anfühlt, einen Menschen zu töten, will er nicht reden. Aber dass er nachts wieder so ruhig schlafen kann wie vor der Abreise nach Syrien, wundert ihn selbst. Als einmal ein Sprengstofffläschchen eines getöteten IS-Kämpfers in der Hand eines Kameraden explodierte und ihn in den Tod riss und mehrere andere verletzte, weinte Haller die halbe Nachtwache durch. Aber danach setzte er sich ans Lagerfeuer, trank seinen Tee und ging schlafen.

© F.A.Z., Andreas Pein Christians Krieg in Syrien: Der Entschluss zu kämpfen

Ein anderes Mal versuchten IS-Kämpfer den Hügel zu erobern, auf dem die YPG, der militärische Arm der Kurden in Syrien, eine Basis errichtet hatte. Sie robbten von drei verschiedenen Seiten auf den Hügel zu – ein Selbstmordkommando. Haller und die Kurden feuerten so lange auf sie, bis keine Schüsse mehr zurückkamen. Erst am nächsten Tag konnten sie all die Leichen sehen.

Er hätte einen Landsmann erschießen können

Sie fanden Nadeln und Spritzbesteck bei den Toten, erzählt Haller. Viele IS-Kämpfer nähmen aufputschende Drogen: „Was für eine unfassbare Doppelmoral.“ Einer der toten Kämpfer, den Haller auf die Ladefläche eines Trucks warf, roch wie er selbst. Er hatte das gleiche Aftershave benutzt. Einen blonden oder blauäugigen IS-Kämpfer hat er nie gesehen. Aber er weiß natürlich, dass viel mehr junge Männer aus dem Westen für den IS kämpfen als gegen ihn. Und dass er in Syrien einen Landsmann hätte erschießen können.

Rund 20.000 Ausländer haben sich schon dem IS angeschlossen, wenige Hundert ausländische Kämpfer sind bei der YPG, schätzen Fachleute. Mehr als 760 Deutsche sind bisher in den Kampf für den IS gezogen. Offizielle Zahlen zu den Freiwilligen aus dem Westen, die sich dem IS entgegenstellen, gibt es nicht. Beim Verfassungsschutz schätzt man, dass sich Deutsche im „mittleren zweistelligen Bereich“ der PKK im Irak und der Türkei angeschlossen haben.

Der Krieg hat nichts Heroisches: Ein Kurdenkämpfer schläft in einem Unterstand (© Christian Haller)

Haller spricht über seine Kriegserlebnisse, als ob sie Jahre und nicht Monate zurück lägen: „Gefährlich war es schon oft gewesen“. Ein Studium hat er abgebrochen, das war ihm zu trocken. Weil er „kein Militärfreak und kein stumpfer Patriot“ ist, ging er nach der Schule nicht zur Bundeswehr, sondern machte Zivildienst. Aber für die „richtige Sache“ ist er bereit zu kämpfen. Und er ist überzeugt davon, dass für die richtige Sache in Syrien nur die Kurden eintreten.

Den Berichten von Organisationen wie „Amnesty International“ über Vertreibungen und Zerstörungen von Dörfern durch YPG-Kämpfer schenkt er deshalb keinen Glauben. Woher sein Sold von rund 100 Euro im Monat kam, von dem er sich Milchpulver und Thunfisch in Dosen für die Proteinzufuhr kaufte, woher die Kurden ihre Informationen bekamen und was sie mit ihren Gefangenen anstellten: Das weiß er nicht und hat auch nicht versucht, es herauszufinden.

Sie nannten ihn Held

Aber er hat Kurdisch gelernt, am Lagerfeuer die Kampflieder mitgesummt. Kameradschaft, Ehre, Gastfreundschaft: Diese Werte, die in Deutschland kaum noch etwas bedeuten, begeisterten Haller in Syrien. Auch wenn er mit den politischen Vorstellungen der Kurden, dem Sozialismus, nichts anfangen kann.

Kriegsküche: Hier versorgten sich Haller und seine kurdischen Kameraden. (© Christian Haller)

Zurück in Deutschland hat Haller aus seinen Tagebucheinträgen ein Buch gemacht. Es erscheint am 30. November im „Riva Verlag“ und heißt „Sie nannten mich Held“. Denn Agit, das kurdische Wort für Held, war Hallers Kampfname in Syrien. Zu unrecht, findet Haller. Der Krieg macht einen nicht zum Helden. Er ist schmutzig, brutal und desillusionierend. „Beschissen.“

Nicht so wie auf den Bildern, die die Kurden zu Propagandazwecken auch von ihm geschossen und ins Netz gestellt haben. Und die weitere Kämpfer anlocken sollen. Junge Männer und teils auch Frauen, „die so sein wollen, wie wir dargestellt wurden, aber in Wirklichkeit nie waren.“ Die wenigsten, sagt Haller, halten es am Ende länger als zwei Monate dort aus. Andere sterben.

Vor wenigen Wochen kam John Gallagher, ein Kanadier, in Nordsyrien um. Und im März dieses Jahres Ivana Hoffmann, eine 19 Jahre alte Deutsche und überzeugte Kommunistin aus Duisburg, die sich den kurdischen Frauenverteidigungseinheiten angeschlossen hatte. Haller kannte sie. Auch er hätte seine Abenteuerlust mit dem Leben bezahlen können.

Über Facebook in den Krieg

Wieso musste es auch gleich ein Krieg sein? Wieso nicht eine große Reise, eine neue Sportart, Hilfe für Yezidinnen in Deutschland?

Haller zuckt mit den Schultern. So richtig erklären kann er es selbst nicht. Er sagt, das hätte ihm alles nicht gereicht. Aber er hat es gar nicht erst ausprobiert. Bevor er nach Syrien in den Krieg zog, hat er nicht einmal außerhalb Europas Urlaub gemacht. Aber als er im Herbst 2014 einen Fernsehbeitrag über deutsche und holländische Motorradclubs sah, die nach Syrien in den Kampf gegen den IS gezogen waren, ließ ihn das nicht mehr los.

© F.A.Z., Andreas Pein Christians Krieg in Syrien: Der schlimmste Moment

Über Facebook nahm er Kontakt zu den „Lions of Rojava“ auf, einer Gruppe, die ausländische Freiwillige für den Kampf der Kurden rekrutiert. Ein Kontaktmann, der Deutsch sprach, erteilte Haller Anweisungen. Die Liste der Dinge, die er brauchte, um in den Krieg zu ziehen, war denkbar kurz: Ein Flugticket in den Irak und warme Unterwäsche.

Vom Irak aus ging es am 6. November 2014 nach Nordsyrien in eine Region, die die Kurden Rojava nennen; Westkurdistan. Die Truppen des Assad-Regimes hatten sich schon vor zwei Jahren von dort zurückgezogen. Die Kurden kämpfen hier gegen die IS-Krieger. In diesem Jahr konnte die YPG sie in und um Kobane, Sindschar und Tall Abjad etwas zurückdrängen, Dorf für Dorf.

Der Krieg gegen den IS, musste Haller schnell feststellen, hat nichts Heroisches. Zunächst einmal musste er warten, in einer Art Auffanglager für Kampfwillige. Bis die Kurden ihm vertrauten, ihn endlich mit einer Uniform und einer Munitionsweste ausstatteten und an die Front schickten. In dieser Zeit war die Langeweile der größte Feind, nicht der IS. In dem Lager gab es kein fließendes Wasser, Löcher statt Toiletten, keine Zahnpasta. Und viele der anderen ausländischen Freiwilligen waren lebensmüde Selbstdarsteller, die tagein tagaus Fotos von sich in Kampfmontur im Internet hochluden und ansonsten in der Hängematte lagen oder die kurdischen Kämpferinnen anbaggerten – ein Tabubruch bei der YPG.

Rojava nennen die Kurden die von ihnen besetzten Gebiete in Syrien.

Graubereich der Justiz

Haller hoffte zunächst, gemeinsam mit den Vernünftigen unter den ausländischen Freiwilligen etwas verändern zu können und sei es bloß, die Aufmerksamkeit von Journalisten auf die Region zu lenken. Aber irgendwann bemerkte er: Eine Handvoll Ausländer, die wegen der Verständigungsschwierigkeiten und weil zu viele tote Ausländer der Wahrnehmung der Kurden schaden, ohnehin nur zur Verteidigung und nicht zur Eroberung von Territorium eingesetzt werden, machen keinen großen Unterschied.

Es erschien ihm plötzlich wie eine Verschwendung von Ressourcen, dass die Kurden diese ausländischen Freiwilligen von einem Stützpunkt zum nächsten und irgendwann zurück in den Irak fahren. Und er fragte sich, ob dieser Krieg nicht ohnehin sinnlos ist, solange die benachbarten Länder nicht alle das gleiche Ziel verfolgen und die Finanzierungsquellen des IS nicht versiegen. Außerdem hatte Haller Heimweh.

Bevor er sich auf den Rückweg machte, nahm er Kontakt zur deutschen Polizei auf. Zum Zeitpunkt seiner Reise in den Irak war der IS in Deutschland verboten worden, ebenso, Spenden oder Kämpfer für ihn zu rekrutieren. Und für die Gegenseite zu kämpfen? Anders als ihre türkische Schwesterorganisation PKK, die als Terrororganisation eingestuft wird, ist die syrische YPG in Deutschland nicht verboten. Haller erfuhr, dass es sich um einen Graubereich handelt, ihm wohl keine Strafe droht. Das hat ihn fast ein wenig überrascht.

Christian Haller an einem Checkpoint mit zwei kurdischen Sicherheitsmännern (© Christian Haller)

Dass er sein Buch trotzdem nicht unter seinem richtigen Namen veröffentlicht, hat verschiedene Gründe. Er sagt, es sei ihm wichtig, dass niemand denkt, er sei nach Syrien gegangen, um berühmt zu werden. Und dass der IS Kopfgelder auf aus Syrien zurückgekehrte Gegner ausgesetzt hat. Außerdem will er seine Familie vor Medienanfragen schützen.

Nach der Nachtwache ans Lagerfeuer

Die dankt ihm diese Umsicht nicht. Nur mit dem älteren Bruder hat er noch Kontakt. Die Beziehungen zu seiner Freundin und zu Eltern und Schwester sind zerbrochen. Sie können ihm nicht verzeihen, dass er sein Leben riskiert hat, verschwunden ist, ohne sie vorzuwarnen. Haller ist trotzdem nicht unglücklich. In der Stadt, in der er jetzt lebt, hat er einen Halbtagsjob gefunden. Er hat sein Abenteuer erlebt und ist jetzt ein gefragter Gesprächspartner.

Außerdem gibt es auch Momente, an die er gerne zurückdenkt, wie er erzählt. Etwa daran, wie er sich nach einer durchwachten Nacht, in der er ohne Nachtsichtgerät angespannt und mit gezückter Kalaschnikow ins Dunkel in Richtung der IS-Stellungen starrte, morgens ans Lagerfeuer setzte. Die Sonne ging über der Wüste auf, die Luft war kalt und klar, der Tee, in einem Kessel über dem Feuer gekocht, süß und stark. Und er selbst gleichzeitig unendlich müde und so wach, wie ein Mensch nur in dem Bewusstsein sein kann, dem Tod ein weiteres Mal entkommen zu sein.

Wie die Küche ist auch das Wohnzimmer in der YPG-Basis nur mit dem Nötigsten ausgestattet. (© Christian Haller)

Für die Sache der Kurden und Yeziden will Christian Haller weiter kämpfen. Aber nicht mehr mit der Kalaschnikow in der Hand. „Mein Hass gegen diese Kreaturen ist ungebrochen“, sagt er über den IS. Die Anschläge in Paris haben ihn zwar schockiert, aber nicht überrascht. Dass es auch in Deutschland bald so weit kommen würde, dachte er schon, als er nach Syrien aufbrach. Warme Kinderkleidung helfe aber letztlich mehr, als zu töten, ist er inzwischen überzeugt.

Das ist die Erkenntnis, die er aus sieben Monaten Krieg in Syrien mitgenommen hat. Vielleicht hätte er sie auch einfacher gewinnen können. Ohne Abenteuer und Lebensgefahr. Aber das will er bis heute nicht. Mit einem Teil der Einnahmen aus seinem Buch will er zurück nach Syrien reisen, dort persönlich Kleidung verteilen, statt das Geld einfach zu spenden. Weil er nicht die Gehälter der Mitarbeiter von Hilfsorganisationen finanzieren will, sagt er. Vielleicht aber auch, weil er einfach nicht weiß, wie er in Deutschland ein so großes Abenteuer erleben könnte. Ob andere das mutig oder bescheuert finden, ist ihm egal.

© F.A.Z., Andreas Pein Christians Krieg in Syrien: Zurück in Deutschland
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 28.11.2015 14:27 Uhr