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Kammerdiener-Prozess : Ein gnädiges Urteil

  • -Aktualisiert am

„Ich fühle mich nicht als Dieb“, sagte Paolo Gabriele in seinem Schlussplädoyer Bild: dapd

Der einstige Kammerdiener des Papstes muss wegen Diebstahls von Dokumenten für eineinhalb Jahre in Haft. Beobachter des Prozesses kritisieren die Verschleierung der Hintergründe und werfen dem Vatikan vor, weitere Fragen zu „Vakileaks“ vermeiden zu wollen.

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          Rom feiert sich wieder: Bildnisse der neuen Kirchenlehrer Hildegard von Bingen und Johannes von Avila verhängen Teile der Fassade des Petersdoms, zugleich verbrämen sie an diesem Sonntag ein unerfreuliches Stück Vatikan-Wirklichkeit. Nur einen Tag vor der Synode, am Samstag nämlich, hatten die drei Strafrichter am weltlichen Tribunal hinter dem Dom das Urteil über den früheren Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, gefällt.

          Im Namen „Seiner glorreich regierenden Heiligkeit Benedikt XVI.“ sprach „das Tribunal nach Anrufung der allerheiligsten Dreifaltigkeit“ ein Urteil, das am Sonntag nicht nur von der italienischen Presse, sondern auch von Männern der Kirche wie dem Kanoniker Bischof Domenico Mogavero wegen seiner Milde kritisiert wurde. Der 46 Jahre alte Gabriele wurde für schuldig befunden, das Vertrauen seines Dienstherrn verraten und viele hundert Dokumente, darunter auch Originale, gestohlen, kopiert und weitergegeben zu haben. Er wurde nur zu 18 Monaten Haft und zur Bezahlung der Prozesskosten verurteilt. Zudem ist nach Vatikansprecher Pater Federico Lombardi die baldige Begnadigung „eine sehr konkrete und wahrscheinliche“ Möglichkeit. Dagegen hatte Staatsanwalt Nicola Picardi drei Jahre Haft wegen schweren Diebstahls und die gerichtliche Festlegung gefordert, dass Gabriele im Vatikan nie wieder eine ähnliche Vertrauensstellung einnehmen dürfe.

          Berufungsverfahren vermeiden

          Das Gericht unter Richter Giuseppe Dalla Torre halbierte das Strafmaß aus Picardis Antrag mit der Begründung, Gabriele sei ohne Vorstrafe und habe sich in seinem früheren Dienst bewährt. Überdies habe er in „gutem, wenn auch irrigem Glauben“ gehandelt und Reue über den Verrat am Papst gezeigt. Kirchenrechtler Mogavero kritisierte die Strafe für das „äußerst schwere Verbrechen“ als unangemessen. Die Richter könnten sich zwar auf Gesetze aus den letzten zwei Jahrhunderten berufen, aber diese müssten dringend geändert werden. Der Schutz der Persönlichkeit, das Recht auf Privatsphäre sei heute vorrangiges Rechtsgut, gegen das sich Gabriele „auf schwerste Art vergangen“ habe. Womöglich hänge das milde Urteil damit zusammen, dass die Richter ein Berufungsverfahren vermeiden und so weitere Fragen um „Vatileaks“ umgehen möchten, sagen Prozessbeobachter.

          Gabrieles Verteidigerin Cristina Arru würdigte das Urteil als „angemessen“. Durch ihre Einlassungen vor Gericht waren jedoch viele Fragen an das – nur dreimal tagende – Tribunal aufgekommen, die letztlich unbeantwortet blieben. Warum begann der Prozess, bevor die von den Gendarmen gesicherten 81 Kisten von Dokumenten, Zeitungsausschnitten und Materialien zu Freimaurern und Geheimdiensten ausgewertet wurden? Warum gab es keine Untersuchung nach Fingerabdrücken? Warum wurde im Prozess nicht erforscht, wie Gabriele das Material der Presse gab? Nach den psychiatrischen Gutachten ist Gabriele eine leicht beeinflussbare Persönlichkeit, die Gefallen erheischen will.

          In der Anklageschrift wurden mindestens 20 Personen mit „Kontakten“ zu Gabriele genannt, im Prozess wurde von sieben mit „Einfluss“ auf Gabriele gesprochen, und zum Schluss fielen die Namen seiner beiden „spirituellen Väter“ Don Giovanni Lusi und Don Paolo Morocutti. Gleichwohl stellte das Gericht fest, Gabriele habe ohne Komplizen gehandelt. Es wurden weder die beiden Geistlichen noch einer aus dem Kreis der sieben in den Zeugenstand gerufen, zu denen drei Kurienkardinäle gehören. Von den vielen hundert Geistlichen in der Kurie musste allein der päpstliche Privatsekretär Georg Gänswein in den Zeugenstand.

          Schweigeabkommen?

          Im Schlussplädoyer sagte Gabriele, er habe aus Liebe zu seiner Kirche und zum Papst gehandelt. „Ich fühle mich nicht als Dieb.“ In der Verhandlung hatte er am Dienstag festgestellt, der Papst werde von seiner Umgebung isoliert. Missstände in der Kirche hätten ihn getrieben, Dokumente weiterzureichen. Meinte er mit Umgebung das Staatssekretariat unter Kardinal Tarcisio Bertone, mit Missständen die undurchsichtigen Geschäfte der wiederholt in Verruf geratenen vatikanischen IOR-Bank, wie Prozessbeobachter sagen? Noch wird weiter in der Affäre „Vatileaks“ ermittelt, steht ein Bekannter Gabrieles wegen Beihilfe zum Diebstahl vor Gericht; sollen die Haftumstände des Kammerdieners überprüft werden.

          Am Sonntag hieß es, wahrscheinlich sei das milde Urteil verkoppelt mit der Verpflichtung Gabrieles, fürderhin zu schweigen. Vorerst kehrte der Dieb in Hausarrest zurück.

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