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Kaffeesüchtige Großstadtfrauen : Schluck! Daisy Duck

  • -Aktualisiert am

Daisy Duck aus Entenhausen Bild: Picture-Alliance

Weniger Arbeit, mehr Kaffee und Boys: Das Leben erwachsener Frauen ist nur selten zufriedenstellend. Schuld daran sind stets die anderen. Dabei sind sie mitten unter uns: die sogenannten Daisy-Duck-Frauen.

          Der Starbucks am Frankfurter Hauptbahnhof hat, wie jeder Starbucks, drei Sorten Milch. Sie sind in große Aluminiumkannen gefüllt, die zur Selbstbedienung auf einem Tresen stehen: Vollmilch, fettarme Milch und Kondensmilch. Zuständig für die Befüllung der Kannen sind die Kaffeeverkäuferinnen. Sie arbeiten an der Kasse oder an der Kaffeemaschine und tragen grüne Starbucks-Schürzen über ihrer Kleidung. Wenn sie den Preis für den Kaffee sagen oder den vollen Becher über die Theke reichen, lächeln sie die Kunden an.

          Aber hin und wieder versäumen es die Kaffeeverkäuferinnen, eine der drei Aluminiumkannen rechtzeitig aufzufüllen, bevor sie leer ist. Obwohl in den anderen beiden Kannen noch Milch ist, zetert meist irgendjemand los, weil die gewünschte Sorte gerade nicht verfügbar ist. Komischerweise sind es immer junge oder mitteljunge Frauen, die etwas in Richtung der Kaffeeverkäuferinnen brüllen. Manchmal nur „Hallo!!!“, mit drei Ausrufezeichen und in die Luft gereckter Aluminiumkanne. Oder: „Die Vollmilch ist schon wieder leer!“ Kürzlich knallte eine Kundin eine leere Kanne direkt vor die Verkäuferin auf die Theke, so dass die Leute in der Warteschlange erschraken. Die Verkäuferin beeilte sich, die Milch aufzufüllen.

          Wenn die Kundinnen ihren Kaffee haben, verlassen sie den Bahnhof. Ein paar Minuten später sitzen sie in ihren Büros. Dort gehen sie irgendeiner Arbeit am Computer nach, so wie andere Frauen in anderen Großstädten auch.

          Ein Teil dieser Frauen sitzt aber nicht in normalen Büromenschen-Büros, sondern in Redaktionen, Coworking-Spaces, Agenturen und Ateliers. Frauen wie die Kaffeeverkäuferinnen kommen dort nicht mehr vor. Es geht ja vor allem darum, ein Glanz zu sein. Einen Eindruck von diesen Frauen gewinnt man auf der Internetseite „Im Gegenteil“. Das ist eine Partnervermittlung für Leute, die sich zu cool für Partnervermittlungen fühlen, es aber nicht sind. Die Frauen (genannt „Girls“) lassen sich in ihrem natürlichen Lebensraum professionell fotografieren. Sie sitzen also in ihrer Wohnung und umklammern Tassen. Fast immer zeigt ein Foto wie zufällig die rot lackierten Fingernägel des partnerlosen Girls in Großaufnahme - offenbar das Tittenbild der Frau mit Stil. In kurzen Begleittexten erfährt man Näheres. Zum Beispiel: Lisa, 27, Berlin, arbeitet in einer Kreuzberger Agentur. „Morgens braucht sie Kaffee und einen kleinen Spaziergang, sonst kommt sie wirklich nicht aus dem Tritt.“ Hanna, 30, Köln, arbeitet als Online-Marketing-Fachfrau. „Zu Hause trinkt sie keinen Kaffee, unterwegs dafür um so öfter.“ Ricarda, 24, Berlin, studiert Kunstgeschichte und will „Auktionista oder Expertin“ werden. Sie würde „niemals auf Kaffee verzichten“. Und Nina, 26, Berlin, arbeitet als Marketing-Managerin bei einem Online-Shop. Essen und Genuss spielen in ihrem Leben die „allergrößte“ Rolle, zum Beispiel sitzt sie gern bei „gutem Kaffee und Kuchen“. Kurzum: Die Girls sind Frauen wie Daisy Duck.

          Nur selten zufrieden

          Daisy Duck hat zwar keine roten Fingernägel, dafür eine rosafarbene Schleife auf dem Kopf. Ihr größtes Problem ist, dass es ihr sehr gutgeht, sie aber selten zufrieden ist. Schuld daran sind stets die anderen, vor allem Männer. Die seien Bestien, schimpft Daisy einmal in der Barks-Episode „A sticky situation“, denn sie würden nur essen, schreien und das Haus in Unordnung bringen. Besonders oft kriegt es Donald ab, denn der ist besonders oft für sie da. Einmal etwa kutschiert er sie mitten in der Nacht zum Flughafen, um stundenlang mit ihr auf eine berühmte Primaballerina zu warten, deren Ankunft in Entenhausen Daisy miterleben will. Schließlich aber schimpft sie Donald aus - weil er die Tänzerin nicht kennt. Mit hochgerecktem Schnabel und maximalem Distinktionsgewinn straft Daisy ihn ab: „Keinen blassen Schimmer von der Kunst des Tanzens . . . pah!“ Will Donald in der Hängematte entspannen, überrumpelt Daisy ihn mit einer Einladung zu ihrer Lotterie-Reihe „Sonntag im Park“. Natürlich grauenvollstes Socializing, wie Daisy auch indirekt zugibt: „Aber wie sieht das denn aus, wenn mein Freund nicht daran teilnimmt?“ Donalds Einwand, sie wisse doch genau, dass der Sonntag sein freier Tag sei, kontert sie mit Schmollmiene: „Du bist ein Miesepeter.“

          Daisys Unzufriedenheit ist von der Art, mit der auch die Kundinnen bei Starbucks die leere Milchkanne anprangern und die Marketing-Redaktion-Werbe-Singles auf „gutem“ Kaffee bestehen. Diese Unzufriedenheit hat im Leben der meisten anderen Frauen gar keinen Platz; denn der ist mit anderem besetzt. Trotzdem sollen sie sich fortwährend für die Daisyduckisierung interessieren.

          Die Zeitungen und Blogs sind voll mit Daisy-Themen und besonders mit Daisy-Feminismus. Dauernd guckt einem beispielsweise von irgendwoher die gefeierte Feministin Lena Dunham entgegen und zählt ihre berühmten Zwangsneurosen auf. Frauen, die sich auch in irgendetwas hin eingezwungen fühlen (Beziehungen, Jobs, dumme Gesellschaften), sind anscheinend erleichtert über so viel Offenheit. Dunham spielt in der von ihr konzipierten Fernsehserie „Girls“ ein Girl, das Schriftstellerin werden will. Allerdings kann sie von ihren Schreibversuchen nach dem Abschluss des Colleges nicht leben. Ihre Eltern streichen ihr den monatlichen Zuschuss, und so muss sie selbst arbeiten. Zeitweise sogar in einem Kaffeeladen. Allerdings in einem für Brooklyner Hipster, und das auch nur vorübergehend, weil dann wieder was ganz anderes passiert.

          Mitten unter uns: Daisy-Duck-Frauen

          Das ist sehr lustig, ungefähr so wie die Serie „Alf“. Da geht es auch um einen leicht sonderlichen Individualisten in der normalen Menschenwelt. Man liest aber zum Glück nicht ständig Artikel darüber, dass Alf die Stimme irgendeiner Generation sei (und las sie auch früher nicht). Und was ist eigentlich mit den Leuten, die ihre Schule fertigmachen, eine Ausbildung dranhängen und dann einem unauffälligen Beruf nachgehen, zum Beispiel Arzthelferin, Bürokauffrau oder Ingenieurin? Dürfen die auch eine Generation sein, und wenn ja, wer spricht für die? Die Daisy Ducks jedenfalls schreiben über Daisy-Duck-Probleme. Wenn man normale Leute fragt, ob auch sie solche Probleme haben, verstehen sie meistens schon die Frage nicht. Zum Beispiel, wenn es um Arbeit geht. Die Daisy-Duck-Frauen reagieren darauf empfindlich; sie brauchen, bevor sie überhaupt anfangen, zwingend „Kaffee und einen kleinen Spaziergang“, oder sie gehen in Vorbereitung einer längeren Pause zum „Sabbatical-Coaching für Frauen“ (eine Berliner Sabbatical-Coacherin bietet Frauen etwa professionelle Hilfe an beim Umgang mit „Gefühlen wie Einsamkeit beim Anblick anderer Paare“) oder ersatzweise zum After-Work-Yoga (ein Frankfurter Anbieter wirbt: „Der Yogakurs funktioniert wie ein Puffer, der alle Probleme auf Arbeit herausfiltert“, und ja, der Satz geht wirklich genau so). Schier unfassbar muss den Daisy Ducks erscheinen, dass manche Frauen jahrzehntelang wenig glamouröse Arbeiten verrichten, ohne durchzudrehen, zum Teil sogar noch gut gelaunt. Wie erklären diese Frauen das? Man kann sie fragen. Sie leben mitten unter uns!

          Und sie finden die Frage komisch. Zum Beispiel die Kassiererin im Penny-Markt (Frankfurt, Mainzer Landstraße Höhe Speyerer Straße). Auf die Frage, warum sie trotz ihrer nicht gerade auf Selbstverwirklichung zielenden Arbeit immer so nett zu den Kunden sei, kichert sie verlegen und fragt ihren Freund, der hinter der Kasse an der Wand lehnt: „Bin ich nett?“ Es ist kurz vor Kassenschluss, der Freund wartet anscheinend, dass seine Freundin Feierabend hat. Auf ihre Frage grinst er nur. Im Bahnhofs-Starbucks antwortet eine der Kaffeeverkäuferinnen etwas ratlos, dass sie halt keinen Grund für schlechte Laune habe. Kein Wort über die Milchkannen-Beschwerden.

          „Daisy Duck hat gesiegt“

          Es ist natürlich keineswegs in Ordnung, die Kaffeeverkäuferinnen anzumaulen, nur weil sie das Anmaulen anscheinend nicht ernsthaft übelnehmen oder jedenfalls noch keine Online-Petition dagegen gestartet haben. Das Gejammer ist so oder so eine Zumutung. Aber der Antwort lässt sich entnehmen, dass es möglich ist, seine Arbeit zu machen, ohne fortwährend über die Bedingungen zu klagen (erst recht, wenn sie so sind wie in den meisten Daisy-Duck-Berufen). Die Annahme, dass klaglos arbeitende Menschen die ausbeuterischen Mechanismen des Kapitalismus/Patriarchats bloß noch nicht kapiert hätten, während die Daisy Ducks schon furchtbar litten, ist schlicht nicht ironisierbar.

          „Daisy Duck hat gesiegt“, postulierte die feministische Schriftstellerin Marlene Streeruwitz 1996 im Interview mit dem „Spiegel“. Damals bezog sie das auf Daisys Dating-Verhalten, nämlich dauerhaft parallel mit Donald Duck und Gustav Gans auszugehen und die beiden durchaus auch gegeneinander auszuspielen. Daisy habe über die Konvention gesiegt. Im richtigen Leben sei der Feminismus noch nicht so weit. Das ist heute, fast zwanzig Jahre später, anders. Die Daisys suchen im Netz nach Boys, twittern vormittags über zu frühes Aufstehen (Montag böse, Kaffee gut) und sind mit der Gesamtsituation unzufrieden. Unterdessen gehen sie vorzeigbaren und vorgezeigten Berufen nach (Daisy erscheint übrigens in der Disney-Zeichentrickserie „Quack Pack“ als Reporterin für die Fernsehshow „Was in aller Welt“, während Donald dort als Kameramann malocht). Daisys Siegeszug hält also an.

          Wem zum Vorteil? Sicher jedenfalls: der großstädtischen Daisy-Duck-Industrie, bestehend beispielsweise aus Kaffee-Mikroröstereien mit eigener Röstphilosophie, Daisy-Verkuppel-Seiten und der Partei „Die Partei“ (Punkt 1 des 2016-Regierungsprogramms für Berlin-Mitte: „Geld statt Arbeit. Beschäftigen können wir uns selber“). Die Daisys sind sogenannte Protagonistinnen eines modernen, also „netzaktiven“ Feminismus, sie haben „über 100.000 Follower“ oder sind wenigstens „sehr aktiv auf Twitter“ (so die Buchverlage über ihre einschlägigen Autorinnen). Frauen, die nicht so netzaktiv sind, sind demnach unmodern und müssen weiter Kaffee ausschenken, und zwar nicht bloß, bis es mit der Schriftstellerei klappt, sondern vielleicht ein Leben lang. Wenn die es dann wagen, gut gelaunt zu sein, vielleicht sogar glücklich, dann haben die Daisys ein Problem.

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