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Kämpfe in der Ukraine : Mögliche Beweise für russische Artillerie-Angriffe

  • -Aktualisiert am

Der Beweis!? Dieser Screenshot aus einem Video zeigt den Abschuss mehrerer Salven aus Raketenwerfern. Angeblich stehen sie auf russischem Boden und feuern Richtung Ukraine. Bild: YouTube

Videos im Internet sollen zeigen, wie von russischem Gebiet mit schwerer Artillerie in Richtung Ukraine geschossen wird. Vieles spricht dafür, dass die Bilder echt sind.

          Im Internet sind mehrere Videoaufnahmen aufgetaucht, die darauf hindeuten, dass ukrainische Truppen von russischem Gebiet aus mit schwerer Artillerie beschossen wurden. Die Filme sind offenbar an einem kleinen See angeblich am Rand der auf russischer Seite liegenden Grenzstadt Gukowo aufgenommen. Sie wurden am späten Mittwochabend auf Youtube veröffentlicht. Sie zeigen aus der Ferne vermutlich den Abschuss mehrerer Salven aus Raketenwerfern des Typs „Grad“ („Hagel“). Es handelt sich um mehrere, von verschiedenen Orten und zu unterschiedlicher Zeit gemachte wacklige Amateuraufnahmen. Im Hintergrund sind Stimmen zu hören, in den Menschen auf Russisch darüber reden, dass dort mit „Grad“-Raketenwerfern geschossen werde; in einem der Videos sagt ein Mann, das sei Gukowo.

          Lässt sich der Wahrheitsgehalt überprüfen?

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Solche Videos aus unklaren Quellen und ähnliche Behauptungen wurden schon mehrfach im Internet veröffentlicht, ohne dass ihr Wahrheitsgehalt prüfbar gewesen wäre. Letzte Sicherheit gibt es auch bei den neuen Videos nicht, doch gibt es zahlreiche Indizien, die sie nach einer Prüfung glaubwürdig erscheinen lassen.

          Dabei gilt grundsätzlich, dass solche Youtube-Quellen mit großer Vorsicht zu behandeln sind – schon deshalb, weil sie von unbekannten Menschen stammen, deren Identität nicht verlässlich überprüft werden kann.  Noch vor kurzer Zeit waren allenfalls die weltweit agierenden Nachrichtenagenturen und große Fernsehsender dazu in der Lage, zuverlässig und rasch Bilder aus Kriegsgebieten zu liefern, die Grundlage für eine aktuelle Berichterstattung sein konnten. Das hat sich dadurch geändert, dass immer mehr Menschen Mobiltelefone haben, mit denen Videos aufgezeichnet werden können. Seit dem Beginn des Syrienkriegs, aus dem viele Videos verbreitet wurden, hat sich auch eine Schar von Freiwilligen mit dem Thema auseinandergesetzt, wie solche Filme verifiziert werden können.

          Zum Teil werden so sehr fundierte Analysen von Videos aus Konfliktgebieten im Netz veröffentlicht. Der bekannteste Vertreter dieser Blogger-Analysten ist Brown Moses (http://brown-moses.blogspot.de/) der vom Arbeitslosen zum weltweit angesehenen Experten für Internetvideos aus Krisengebieten wurde. Auch Amnesty International setzt für seine Arbeit auf die neuen Quellen und bietet ein Werkezeug zur systematischen und schrittweisen Überprüfung von Videos im Netz an (http://citizenevidence.org/)

          Leitfaden zur Bewertung der Videoquellen

          Folgende Fragen zur Bewertung von Videoquellen sind dabei immer zu stellen, auch bei den hier gezeigten Videos:

          1. Ist das Ereignis belegt?
          Es sollten immer mehrere Zeugen zu einem Ereignis gehört werden, oder mehrere Videos gesichtet. Je mehr unterschiedliche Videos oder glaubhafte Zeugenaussagen ein Ereignis dokumentieren, um so wahrscheinlicher ist es, dass es wie im Video gezeigt stattgefunden hat.

          2. Wann wurde das Video zum ersten mal veröffentlicht?
          Ein Ereignis kann nicht nach der ersten Veröffentlichung stattgefunden haben. Somit lässt sich der Zeitraum der Aufnahmen eingrenzen.

          3. Wo wurde das Video aufgezeichnet?
          Anhand von Landmarken oder besonderen, im Bild gezeigten Orten, ist eine örtliche Festlegung des Aufnahmeortes zu belegen. Je mehr Landmarken sich finden lassen, um so wahrscheinlicher ist es, dass der Aufnahmeort mit den dazu gemachten Angaben übereinstimmt. Das dazu wichtigste Hilfsmittel sind dabei im Internet verfügbare Satellitenaufnahmen.

          4. Wurde das Video bearbeitet?
          Wenn ein Video ungeschnitten und unbearbeitet im Netz zu finden ist, dann besitzt es die höchste Glaubwürdigkeit. Insbesondere wenn Ton und Bild nicht gut zusammenpassen, lässt sich eine Nachbearbeitung vermuten, auch wenn das Bild scheinbar zuerst keine Auffälligkeiten zeigt. Je besser die Bildqualität um so mehr Details lassen sich erkennen und um so schwerer ist es Fälschungen zu verbergen.  Je länger ein Video ist, um so größer ist der Aufwand es zu fälschen.

          5. Ist der Inhalt nachvollziehbar?
          Die im Video gezeigten Ereignisse müssen in sich stimmig sein. Sie müssen unter Berücksichtigung der bekannten Fakten zumindest möglich sein. Menschen und Dialoge im Video sind oft hilfreiche Indikatoren dafür, ob die Ereignisse und die sichtbaren Reaktionen darauf stimmig sind.

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