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Julija Timoschenko : Mit Stilettos und Kalaschnikow

Nicht einmal mehr einen verbrannten Acker übriglassen - Timoschenko kurz nach ihrer Freilassung auf dem Majdan. Bild: dpa

Timoschenko hat kürzlich gesagt, sie wolle Putin „in die Stirn“ schießen. Jetzt will sie, die nicht zuletzt von Merkel hofiert wurde, ukrainische Präsidentin werden. Ihre Äußerungen spiegeln die Radikalisierung der Majdan-Bewegung.

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          „Ich bin bereit, verstehst du, eine Kalaschnikow zu nehmen und diesen Dreckskerl in die Stirn zu schießen.“ Julija Timoschenko, die Ikone der ukrainischen „Revolution in Orange“ von 2004, bis vor kurzem noch die berühmteste politische Gefangene des gestürzten Präsidenten Viktor Janukowitsch, seit diesem Donnerstag offiziell Präsidentschaftskandidatin, hat klar und kalt geklungen, als sie am Telefon diese Worte sagte. Sie nannte den Mann nicht, dem sie eine Kugel in den Kopf jagen wollte, aber der Zusammenhang macht deutlich, dass nur Wladimir Putin gemeint sein konnte, der russische Präsident, dessen Armee gerade ukrainisches Gebiet okkupiert und immer neue Truppen an der Grenze aufbaut.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Timoschenkos Satz stammt aus einem abgehörten Telefongespräch, das unlängst von „Unbekannten“ ins Netz gestellt worden ist, und sie hat nicht bestritten, ihn gesagt zu haben – ebensowenig wie sie die meisten anderen Zitate aus diesem Mitschnitt leugnet – etwa die Aufforderung, dafür zu sorgen, dass in Russland „nicht einmal mehr ein verbrannter Acker übrigbleibt“, und „diese Iwans zusammen mit ihrem Führer umzubringen“.

          Nur zu einer Passage, in der sie angeblich gefordert hat, nicht nur die angreifenden Russen, sondern auch die ukrainischen Bürger russischer Nationalität mit „Atomwaffen“ zu vertilgen, hat Timoschenko sich nicht bekannt. Dies, sagt sie, sei in ihre Worte hineinmontiert worden. In der Tat klingt die Aufnahme, wie sie auf Youtube zu hören ist, seltsam lückenhaft und unterbrochen.

          Auch ohne die Aufforderung zum nuklearen Strafgericht aber klingen Timoschenkos Einlassungen zumindest für westliche Ohren seltsam fremd. Es hat Proteste gegeben. Ihr Konkurrent Vitali Klitschko, der lange in Deutschland gelebt hat und jetzt wie sie ukrainischer Präsident werden will, hat sich indirekt von ihr distanziert, und auch der Sprecher der der Bundesregierung hat wissen lassen, solche „Gewaltbildern, Gewaltphantasien“ lägen jenseits der „Grenzen“ des Erlaubten.

          Eine Venus, die auch zum Speer greifen kann

          Wer aber Timoschenko, die gerade von der CDU und nicht zuletzt von Angela Merkel in den vergangenen Jahren immer wieder hofiert worden ist, über längere Zeit beobachtet hat, wird feststellen, dass sie sich an den Grenzen, die Berlin nun überschritten sieht, immer wieder getummelt hat. Seit sie zur politischen Figur geworden ist, hat das öffentliche Bild, das sie von sich geschaffen hat, zwischen den Signalen zerbrechlicher Weiblichkeit und Elementen von sehr „männlicher“ Kampfbereitschaft geschwankt. Einerseits ist die „Revolution in Orange“, die sie mit angeführt hat, geradezu das Musterbeispiel eines friedlichen Umsturzes gewesen. Anders als beim blutigen „Euromajdan“ des vergangenen Winters hat es damals keinen einzigen Toten und wahrscheinlich keinen einzigen Verletzten gegeben. Timoschenko hat damals ihre Weiblichkeit hervorgekehrt. Ihr vergoldeter Haarkranz, ihre Designerkleider und ihre hochhackigen Schuhe prägten ihre Marke.

          Eine Statuette der Jeanne d’Arc auf dem Schreibtisch - Timoschenko im September 2010.

          Andererseits hat sie immer dafür gesorgt, dass ihre Weiblichkeit, weniger dem Archetyp der liebreichen Venus entsprach, als dem der gewappneten Minerva, die bei aller Schönheit auch zum Speer greifen kann. Immer wieder hat sie Identifikationslinien zu „kämpfenden Frauen“ gezogen. Auf Wahlplakaten erschien sie einmal mit Samuraischwert im Stil der „Braut“ aus Quentin Tarantinos „Kill Bill“, ein anderes Mal in wehendem Mantel wie die streitbare Amazone Trinity aus „Matrix“. Auch ein Plakat mit einem weißen Tiger ist überliefert.

          Wie sehr Timoschenko sich mit dem Amazonen-Archetypus identifiziert, zeigt ein Blick in ihr reich geschmücktes persönliches Büro in der Kiewer Unterstadt Podil. Ihren Schreibtisch schmückt eine Statuette der Jeanne d’Arc im vollen Harnisch, an der Wand dahinter hängt ein Porträt der „Iron Lady“ Margaret Thatcher, welche die britische Flotte auf die Falkland-Inseln schickte. Wie sehr diese Identifizierung mit den militant gewaltbereiten Kämpferinnen der Geschichte bis ins unmittelbar Körperliche hineinreicht, ist in Timoschenkos Biographie an mehreren Stellen abzulesen.

          Als Oppositionspolitikerin in den Jahren vor der „Revolution in Orange“ soll sie persönlich mit Steinen die Fenster von Regierungsgebäuden eingeworfen haben, und aus der Zeit ihrer politischen Haft ist ein heimlich mitgeschnittenes Video überliefert, auf dem sie trotz des schmerzhaften Bandscheibenvorfalls, an dem sie damals litt, eine verschlossene Gefängnistür mit den Absätzen ihrer Stilettos attackiert.

          Dennoch  wäre es grundverkehrt, die „Kalaschnikow“-Passage aus ihrem jüngst abgehörten Telefonat lediglich als Ausdruck einer persönlichen Privatveranlagung zu sehen. Die Bildersprache Timoschenkos widerspiegelt nämlich nicht nur ihr persönliches Innenleben, sondern das Erleben und Empfinden von Zehntausenden, welche die Proteste des vergangenen Winters als fröhliche Partygäste eines politischen Open-Air-Festival begonnen - und als Kämpfer in einem Gemetzel beendet haben. 

          Das Schämen ist in Kiew verloren gegangen

          Die ukrainische Gesellschaft, die sich lange viel auf ihre Friedlichkeit zugute hielt (Mauscheln statt Morden schien über Jahre hinweg die Devise zu sein, von der man sich vor allem vom „brutaleren“ Russland abzusetzen glaubte), hat sich dabei verändert. Noch im Jahr 2010, als Janukowitsch gerade begann, seine Autokratie aufzubauen, hatte der Schriftsteller Juri Andruchowytsch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen „Traum“ geschildert, in welchem er eine „großen, behäbigen“ Mann – offensichtlich den Präsidenten selbst – im Zielfernrohr eines Gewehrs erfasste, und sich fragte, ob es zulässig sei, durch einen scharfen Schuss „das Land zu retten“. Andruchowytsch hat damals nicht abdrücken wollen. „Schlecht, solche Träume zu haben“, schrieb er in der F.A.Z. „Ich schäme mich für sie“.

          Und genau dieses Schämen ist in Kiew verloren gegangen, als im Januar und Februar die Gewalt am „Majdan“ eskalierte. Nachdem die ersten Demonstranten kaltblütig von den Heckenschützen des Regimes ermordet worden waren, entspannte sich in den sozialen Medien eine rege und ernsthafte Diskussion über die Zulässigkeit des Tyrannenmordes. In Freundeskreisen wurde die Szene mit dem „Zielfernrohr“ immer wieder durchgesprochen, und oft genug meldeten sich Stimmen – auch solche von Frauen – welche die Bereitschaft erklärten, bei vollem Bewusstsein zu tun, was Andruchowytsch sich nicht einmal im Traum hatte gestatten wollen.

          Timoschenko und der spätere Präsident Juschtschenko im Oktober 2004.

          Auf den Barrikaden, deren Kämpfer in der Schlussphase des Protestes, nach den ersten Schüssen in die Menge, offen vom anfänglichen Pazifismus zu einer neuen, ganz „unukrainischen“ Militanz hinüberschwenkten, zeigte sich damals eine spezifische Kooperation der Geschlechter. Während die Männer Brandflaschen warfen und in einigen Fällen auch mit scharfen Waffen auf Polizeikordons schossen, hielten die Frauen sich ein paar Meter weiter in Deckung. Dort kochten sie Tee für die Kämpfer -  oder sie  füllten sorgfältig leere Flaschen mit Benzin für den nächsten Wurf, während die Männer Schlange standen. Es war ein bisschen wie in Wildwestfilmen, wo die Frauen hinter der Palisade die Winchesters nachladen, während die Männer auf die Indianer feuern.

          Timoschenko hat den „Majdan“ zwar nicht unmittelbar erlebt; Janukowitsch hielt sie damals bis zu seinem Sturz eingesperrt. Ihre Äußerung über Putin und die Kalaschnikow aber beweist zumindest eines: auch in den 30 Monaten Haft hat sie den Kontakt zu ihrem Land nicht verloren.

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