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Julija Timoschenko : Mit Stilettos und Kalaschnikow

Wie sehr Timoschenko sich mit dem Amazonen-Archetypus identifiziert, zeigt ein Blick in ihr reich geschmücktes persönliches Büro in der Kiewer Unterstadt Podil. Ihren Schreibtisch schmückt eine Statuette der Jeanne d’Arc im vollen Harnisch, an der Wand dahinter hängt ein Porträt der „Iron Lady“ Margaret Thatcher, welche die britische Flotte auf die Falkland-Inseln schickte. Wie sehr diese Identifizierung mit den militant gewaltbereiten Kämpferinnen der Geschichte bis ins unmittelbar Körperliche hineinreicht, ist in Timoschenkos Biographie an mehreren Stellen abzulesen.

Als Oppositionspolitikerin in den Jahren vor der „Revolution in Orange“ soll sie persönlich mit Steinen die Fenster von Regierungsgebäuden eingeworfen haben, und aus der Zeit ihrer politischen Haft ist ein heimlich mitgeschnittenes Video überliefert, auf dem sie trotz des schmerzhaften Bandscheibenvorfalls, an dem sie damals litt, eine verschlossene Gefängnistür mit den Absätzen ihrer Stilettos attackiert.

Dennoch  wäre es grundverkehrt, die „Kalaschnikow“-Passage aus ihrem jüngst abgehörten Telefonat lediglich als Ausdruck einer persönlichen Privatveranlagung zu sehen. Die Bildersprache Timoschenkos widerspiegelt nämlich nicht nur ihr persönliches Innenleben, sondern das Erleben und Empfinden von Zehntausenden, welche die Proteste des vergangenen Winters als fröhliche Partygäste eines politischen Open-Air-Festival begonnen - und als Kämpfer in einem Gemetzel beendet haben. 

Das Schämen ist in Kiew verloren gegangen

Die ukrainische Gesellschaft, die sich lange viel auf ihre Friedlichkeit zugute hielt (Mauscheln statt Morden schien über Jahre hinweg die Devise zu sein, von der man sich vor allem vom „brutaleren“ Russland abzusetzen glaubte), hat sich dabei verändert. Noch im Jahr 2010, als Janukowitsch gerade begann, seine Autokratie aufzubauen, hatte der Schriftsteller Juri Andruchowytsch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ einen „Traum“ geschildert, in welchem er eine „großen, behäbigen“ Mann – offensichtlich den Präsidenten selbst – im Zielfernrohr eines Gewehrs erfasste, und sich fragte, ob es zulässig sei, durch einen scharfen Schuss „das Land zu retten“. Andruchowytsch hat damals nicht abdrücken wollen. „Schlecht, solche Träume zu haben“, schrieb er in der F.A.Z. „Ich schäme mich für sie“.

Und genau dieses Schämen ist in Kiew verloren gegangen, als im Januar und Februar die Gewalt am „Majdan“ eskalierte. Nachdem die ersten Demonstranten kaltblütig von den Heckenschützen des Regimes ermordet worden waren, entspannte sich in den sozialen Medien eine rege und ernsthafte Diskussion über die Zulässigkeit des Tyrannenmordes. In Freundeskreisen wurde die Szene mit dem „Zielfernrohr“ immer wieder durchgesprochen, und oft genug meldeten sich Stimmen – auch solche von Frauen – welche die Bereitschaft erklärten, bei vollem Bewusstsein zu tun, was Andruchowytsch sich nicht einmal im Traum hatte gestatten wollen.

Timoschenko und der spätere Präsident Juschtschenko im Oktober 2004.

Auf den Barrikaden, deren Kämpfer in der Schlussphase des Protestes, nach den ersten Schüssen in die Menge, offen vom anfänglichen Pazifismus zu einer neuen, ganz „unukrainischen“ Militanz hinüberschwenkten, zeigte sich damals eine spezifische Kooperation der Geschlechter. Während die Männer Brandflaschen warfen und in einigen Fällen auch mit scharfen Waffen auf Polizeikordons schossen, hielten die Frauen sich ein paar Meter weiter in Deckung. Dort kochten sie Tee für die Kämpfer -  oder sie  füllten sorgfältig leere Flaschen mit Benzin für den nächsten Wurf, während die Männer Schlange standen. Es war ein bisschen wie in Wildwestfilmen, wo die Frauen hinter der Palisade die Winchesters nachladen, während die Männer auf die Indianer feuern.

Timoschenko hat den „Majdan“ zwar nicht unmittelbar erlebt; Janukowitsch hielt sie damals bis zu seinem Sturz eingesperrt. Ihre Äußerung über Putin und die Kalaschnikow aber beweist zumindest eines: auch in den 30 Monaten Haft hat sie den Kontakt zu ihrem Land nicht verloren.

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