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Julija Timoschenko : Die Macht der Unsichtbaren

Unterstützer demonstrieren für Julija Timoschenko Bild: dpa

Eine Lösung im Fall Julija Timoschenko ist entscheidend für die Annäherung der Ukraine an die EU. Trotz Isolationshaft ist es der früheren Regierungschefin gelungen, zur Schlüsselfigur ihres Landes aufzusteigen.

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          Eigentlich hätte Julija Timoschenko verschwinden sollen. Ihr großer Auftritt im Gerichtssaal vor genau zwei Jahren, als Richter Rodion Kirejew sie zu sieben Jahren Haft verurteilte, sollte ihr letzter sein. Aufrecht und blass hatte die Oppositionsführerin und frühere Ministerpräsidentin der Ukraine sich damals zum letzten Mal an die Öffentlichkeit gewandt: „Habt keine Angst“, rief sie, „ich bin mit euch!“

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Seither hat man sie nicht mehr gesehen. Die Justiz des Präsidenten Viktor Janukowitsch schaffte sie zuerst in die Strafkolonie Katschaniwska und dann, weil es mit ihrer Gesundheit bergab ging, in einen eigens geschaffenen Isolationstrakt in einem Krankenhaus am Rand der Industriestadt Charkiw. Ihre Abschottung dort ist fast vollkommen. Telefon, Internet, E-Mails sind strikt verboten.

          Echt oder Fälschung?

          Seither können nur ihre Verteidiger sie regelmäßig sehen, für alle anderen gibt es einmal im Monat Besuchszeit, und gelegentlich kommen westliche Politiker in den Hochsicherheitstrakt. Für die Öffentlichkeit jedoch verschwimmt ihr Bild. Zwar sickern immer wieder unscharfe Videos durch, doch ihre Authentizität ist zweifelhaft. Clips, in denen sie munter durch ihre Zelle spaziert, was die Kranke als Simulantin entlarven würde, gelten bei Freunden als Fälschungen. Ein Film, auf dem sie, auf ihrem Rollator sitzend, mit dem Absatz gegen eine verschlossene Tür hämmert, könnte dagegen echt sein. Auf einem weiteren Bild weist sie Blutergüsse an der Hüfte vor – als Beweis für die Prügel, mit der ihre Wärter sie nach ihren Angaben 2012 gefügig machen wollten. Das Regime reagierte mit der Vermutung, Frau Timoschenko habe sich die blauen Flecken selbst beigebracht.

          Eine Politikerin verschwindet – und trotzdem ist Julija Timoschenko bis heute die Schlüsselfigur der Ukraine. Das Land wird von Russland bedrängt. Es sucht Rückhalt bei Europa. Ein umfassendes Assoziierungs- und Freihandelsabkommen ist unterschriftsreif, doch die EU will nicht unterzeichnen, solange die Oppositionsführerin im Gefängnis sitzt. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat ihre Inhaftierung als Willkür gebrandmarkt. Jemand muss nun nachgeben, wenn der für die Ukraine lebenswichtige Assoziierungsvertrag nicht scheitern soll.

          Präsident Janukowitsch aber hat sich bislang geweigert, seine Erzfeindin freizulassen und zu rehabilitieren. Er signalisierte lediglich Bereitschaft zu einer Begnadigung – womit der Schuldspruch weiter gültig wäre und Timoschenko von politischen Kandidaturen ausgeschlossen bliebe. Für die Gefangene kam dieser Weg deshalb lange nicht in Frage. Sie zog es vor, in Isolationshaft zu bleiben, und die EU sah sich außerstande, die Assoziierung in die Wege zu leiten. Die Gefangene auf ihrer Krankenpritsche und der Präsident in seiner monumentalen Kanzlei standen einander damit gegenüber wie Westernhelden um „zwölf Uhr mittags“.

          Systematisch ignoriert

          Die Waffen waren dabei so ungleich wie die Kämpfer. Janukowitschs Regime hat anfangs versucht, Julija Timoschenko physisch zu brechen. Zuerst kam sie in die „Lukijaniwka“, den GULag-ähnlichen Kiewer „Untersuchungsisolator“, dann wurde ihr überaus schmerzhafter Bandscheibenvorfall über Wochen systematisch ignoriert. Sie selbst behauptet, man habe sie in akuten Schmerzphasen stundenlang verhört. Später hat das Regime die Taktik gewechselt. Nach massivem internationalem Protest wurde im Krankenhaus Charkiw ein medizinisch gut ausgestatteter Isolationstrakt geschaffen, Ärzte der Berliner Charité erhielten Zugang. Die Waffe des Regimes war jetzt Isolation, Überwachung und ständig neue Beschuldigungen bis hin zum Mordvorwurf. Ein goldener Käfig mit Panzertüren, Metalldetektoren, abgeklebten Fenstern und omnipräsenten Videokameras ersetzte die Kerkerzellen der Lukijaniwka. Selbst bei Arztgesprächen waren Aufpasser dabei, und einmal ließ das Regime sogar verdeckte Aufnahmen von Julija Timoschenkos Krankengymnastik durchsickern, um die „Luxusgefangene“ durch ihre „Privilegien“ zu diskreditieren. Ein anderes Mal zeigte ein Video auf Youtube sogar eine angebliche Timoschenko in zärtlicher Umarmung mit einer männlichen Person.

          Die Gefangene hat gelernt, mit Überwachung und Bloßstellung umzugehen. Ihre Tochter Ewgenija berichtet, während der Besuchszeit flüstere ihre Mutter mit ihr von Mund zu Ohr. Andere Besucher sagen, Frau Timoschenko bleibe auch unter vier Augen beim Sprechen eigentümlich vage. Manchmal habe man das Gefühl, die Gefangene spreche plötzlich „zu jemand anderem“ – eben zu jenem mutmaßlichen Auge in der Wand.

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