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Jugend und Medien : Rammdösig

Mit der vielgerühmten Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen ist es nicht weit her. Sie müssen sie erlernen. Doch wo, wenn nicht im Elternhaus und in der Schule?

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          Es ist ein niedlicher Anblick, wenn so ein kleiner Digital Native über den Bildschirm wischt. „Sie kann das Ding besser bedienen als ich“, scherzt der stolze Papa, und alle sind sich einig: Die Kinder und Jugendlichen von heute haben einfach eine ungeheure Medienkompetenz. Schon im Kindergartenalter beherrschen sie leichte Lernspiele, in gut ausgestatteten Grundschulen werden sie mit kindgerechten Suchmaschinen vertraut gemacht, in der weiterführenden Schule müssen sie für die Hausaufgaben im Internet recherchieren. In sozialen Netzwerken sind schon Achtjährige angemeldet, obwohl das laut Nutzungsbedingungen erst mit 13 Jahren erlaubt ist. Und für viele ältere Schüler gehört es zum Alltag, zu chatten, zu posten und zu schauen, was auf den Seiten der anderen gerade los ist.

          Wer sich mit diesen Erstgeborenen der digitalen Welt unterhält, der merkt allerdings schnell, dass es mit der Medienkompetenz nicht so weit her ist. Die technischen Fähigkeiten auch der Gymnasiasten beschränken sich oft aufs Wischen, Tippen, Hochladen. Schutz der Privatsphäre? Nie gehört. Einfach einen Account eröffnet, und da kommen die Fotos und Nachrichten dann eben rein. Die inhaltliche Kompetenz ist oft ebenfalls gering. Welche Fertigkeiten solide Recherche verlangt, hat sich kaum herumgesprochen. Und der Sinn von Datenschutz ist Schülern meistens unklar: Wer sollte da draufgucken außer den Freunden? Sie sind entsetzt, wenn sie hören: Wenn du da den Namen deines Vereins angibst und schreibst, dass du jetzt gleich zum Training gehst, kann jeder wissen, an welcher Straßenecke du in zehn Minuten bist.

          Offline-Trend - auf den Schulhöfen noch nicht angekommen

          Dann gibt es noch so etwas wie eine psychische Medienkompetenz. Weil Kinder und Jugendliche Informationen weniger filtern als Erwachsene, kann die Dauernutzung der Geräte sie im wahrsten Sinne des Wortes wirr im Kopf machen. Wer ständig auf einen Minibildschirm blickt, unentwegt nach neuen Nachrichten späht und weitgehend in Akronymen und Zeichen kommuniziert, der wird irgendwann rammdösig. In Frauenzeitschriften erscheinen mittlerweile Dossiers über das Abschalten. Auf den Schulhöfen ist der Offline-Trend, wenn man denn schon vorsichtig von einem Trend sprechen möchte, noch nicht angekommen.

          Geht es um die Gefahren, die von Medien ausgehen können, steht meist im Vordergrund, dass Jungen und Mädchen im Internet auf Gewalt, Pornographie, Extremismus oder Magersuchtverherrlichung stoßen können. Diese Inhalte zu bekämpfen ist der eine wichtige Auftrag des staatlichen Jugendschutzes. Wer sich bei der Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten in München bewirbt, der muss sich in eine „Giftmappe“ mit einschlägigen Darstellungen vertiefen. Etwa die Hälfte der Bewerber erträgt den Anblick nicht. Jene, die sich an die Aufgabe heranwagen, empfinden sie als von Mal zu Mal schwieriger, weil Unüberschaubarkeit ebenso zunimmt wie die Vernetzung der Medien untereinander.

          Die zweite große Aufgabe des Jugendschutzes ist die Medienpädagogik. Auch auf diesem Feld sind Erwachsene oft hilflos, vor allem wenn es um Online-Sucht geht und darum, wo sie eigentlich beginnt. Medienführerscheine und Medientage sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn auch das beste Programm bewirkt nichts, wenn es an kontinuierlicher Hilfe und Begleitung fehlt.

          Bloß vergisst man das im Alltag schnell. Dabei können Mütter und Väter schon Vorbilder sein, indem sie während der gemeinsamen Mahlzeiten (so es sie noch gibt) nicht die Mails abrufen, sondern mit ihren Kindern sprechen. Auch die Schulen müssen ihre Bemühungen um Jugendmedienschutz verstärken. Ein Projekttag im Jahr ist zu wenig, und Medienkompetenz gehört auch nicht erst in den Stundenplan der Mittelstufe. Auch die Lehrer müssen Vorbilder sein: Wenn Smartphones auf dem Schulhof verboten sind, sollte das für alle gelten.

          Die Politik kann die Schulen unterstützen. Broschüren, Faltblätter und Programme mögen angesichts der Gefahren im Netz und durch das Netz oft ein wenig hilflos wirken. Trotzdem sind sie wichtig. Seit einigen Jahren zeigen sich deutliche Erfolge der Kampagnen gegen das Rauchen. Selbstverständlich ist die Sache mit der Mediennutzung komplizierter. Anders als Zigaretten sind Medien ja auch sehr nützlich - und es gibt kein Zurück. Außer über Risiken - aber eben auch Chancen - der neuen Medien aufzuklären, kann sich die Politik dafür einsetzen, dass Anbieter höheren Anforderungen zum Schutz der Privatsphäre unterliegen und die entsprechende Software übersichtlich und einfach gestaltet ist.

          Einige Jugendschützer werben für eine Pflicht, Jugendschutzsoftware in neuen Geräten vorab zu installieren, so dass Eltern sie bewusst deaktivieren müssen, anstatt sie eigens zu kaufen oder herunterzuladen. Für Kinder mag ein solcher Filter sinnvoll sein, für Jugendliche ist er es nicht mehr. Aber entscheidend ist ohnehin etwas anderes: Es gilt, den bewussten Umgang mit den Medien zu fördern. Damit die Digital Natives auch digitale Fachleute werden. Alles andere ist schlecht für die Psyche.

           

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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