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Jüdische Gemeinde : „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen“

Die Synagoge im Frankfurter Westend Bild: Wolfgang Eilmes

Das Leben jüdischer Kinder in Frankfurt ist alles andere als normal. Auf dem Fußballfeld werden sie beschimpft, ihre Schule wird streng bewacht. Dennoch hat sich die jüdische Gemeinde nicht eingeigelt.

          Das Jüdische Gemeindezentrum im Frankfurter Westend gleicht einer Festung. Nicht erst seit der Messerattacke auf den Rabbiner Zalman Gurevitch am vergangenen Freitag, sondern schon seit vielen Jahren. Der Bürgersteig vor und hinter dem Zentrum ist mit Barrikaden abgesperrt, damit kein Terrorist dort ein Sprengstoff-Auto abstellen kann. Tag und Nacht steht ein Polizeiwagen in der Nähe des Gebäudes, die Beamten mustern vorbeigehende Passanten mit kritischem Blick. Wer ins Ignatz-Bubis-Haus eintreten möchte, muss sich einer strengen Kontrolle des Sicherheitsdienstes unterwerfen. Auch andere jüdische Einrichtung – die Westend-Synagoge, die Lichtigfeld-Schule, das jüdische Altersheim – werden streng bewacht. Sie gelten als potentielle Ziele vor allem islamistischer Attentäter.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Gemeinde selbst mit ihren mehr als 7000 Mitgliedern hat sich dennoch nicht eingeigelt. Im Gegenteil: Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr der Stadt geöffnet, ihre Mitglieder spielen seit Ignatz Bubis eine nicht unbedeutende Rolle im Frankfurter Gesellschaftsleben. Die Stimmen etwa des Gemeindevorsitzenden Salomon Korn oder des Historikers Arno Lustiger haben Gewicht. „Wir sind da“, sagt Dieter Graumann, einer der Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, „wir fühlen uns hier in der Stadt wohl“. Er selbst sieht auch nach dem Angriff auf den Rabbiner keine übermäßige Gefahr für sich, Leibwächter will er keine haben. „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen“, rät Graumann der Gemeinde.

          „Seit Zwanziger weht ein neuer Wind“

          Dies ist auch die Devise beim jüdischen Turn- und Sportverein Makkabi – obwohl dessen Fußballer häufig antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt sind. „Scheiß Jude, euch hat man zu vergasen vergessen“, bekam am vergangenen Sonntag bei einem Kreisliga-Spiel gegen eine Jugendmannschaft aus dem Stadtteil Seckbach ein Makkabi-Spieler zu hören. Das war kein Einzelfall, solche Beschimpfungen erfahren die Spieler der 18 Frankfurter Makkabi-Jugendmannschaften nach Angaben von Makkabi-Präsident Alon Meyer „leider allzu oft“ – indes fast nie von Neonazis, sondern meistens von muslimischen Jugendlichen.

          Der Architekt Salomon Korn ist Gemeindevorsitzender

          Jahrelang hätten die Fußball-Oberen vom Hessischen und vom Deutschen Fußball-Bund abgewiegelt, erinnert sich Graumann, der bis vor kurzem Makkabi-Präsident war. Seit Theo Zwanziger an der DFB-Spitze stehe, wehe allerdings ein neuer Wind. Fußballer, die jüdische Gegner mit antisemitischen Schmähworten beleidigt haben, sind in Frankfurt tatsächlich schon für einige Monate gesperrt worden. Den Vereinen, denen sie angehörten, wurden Punkte abgezogen. Es sind nach Angaben Meyers immer dieselben vier oder fünf Vereine, mit denen es Ärger gibt, Vereine, in denen überdurchschnittlich viele muslimische Jugendliche spielen.

          „Ein Fernsehlächeln reicht nicht“

          Immer wieder versuchten die Vereinsvorstände, antisemitische Vorfälle zu vertuschen statt durchzugreifen. „Kinder kommen nicht mit einer antisemitischen Einstellung auf die Welt“, sagt Meyer. Den Judenhass besagter muslimischen Jugendlicher nähre vielmehr deren soziale Umgebung: die Eltern, die Freunde, die Prediger in den Moscheen. Vizepräsident Graumann nimmt denn auch die muslimischen Verbände in politische Haftung: „Ein freundliches Fernsehlächeln reicht nicht, die Funktionäre müssen in die Hass-Moscheen gehen und eingreifen.“ Die muslimischen Organisationen dürften nicht mehr die Dinge einfach nur laufen lassen, sie müssten gegen die Prediger von Hass und Gewalt in ihren Reihen vorgehen.

          Dass man den Antisemitismus weitgehend unterbinden kann, beweisen die Frankfurter Schulen. Obwohl auch dort viele muslimische Kinder unterrichtet werden, hält sich der Antisemitismus in Grenzen. Allerdings besuchen nur wenige jüdische Kinder eine staatliche Grundschule, die meisten lernen in der jüdischen Lichtigfeld-Schule, die vor kurzem eine gymnasiale Mittelstufe dazubekommen hat. Schulleiterin Alexa Brum kennt lediglich den Fall eines jüdischen Kindes aus dem Frankfurt Raum, das von einem Mitschüler, dessen Vater zum Islam übergetreten war, derart drangsaliert wurde, dass es regelrecht in die jüdische Schule flüchten musste. Freilich tragen viele ihrer Schüler in der Öffentlichkeit nicht gerne eine Kippa, sondern lieber eine Baseball-Mütze.

          Die Schule gleicht einer Festung

          Mit den Gymnasien, auf welche die meisten ihrer Schüler nach dem Ende der Mittelstufe wechseln, hat Brum sehr gute Erfahrungen gemacht. „Nicht einen Hauch von Misstrauen“ verspüre sie gegenüber diesen Lehranstalten, sagt Brum: „Jüdische Kinder sind in den staatlichen Schulen gut aufgehoben.“ Zuweilen machen sie aber auch dort die Erfahrung, dass sie in Sippenhaft mit den Israelis genommen werden. „Was macht ihr Juden wieder mit den Palästinensern?“, fragte zum Beispiel vor einiger Zeit ein Lehrer vor der Klasse eine jüdische Oberstufen-Schülerin.

          Von Normalität kann man auch an der Lichtigfeld-Schule nicht reden. Das Schulgebäude wird scharf bewacht, jeder Fremde, der das Philanthropin betritt, wird kontrolliert wie am Frankfurter Flughafen: Jacke und Tasche werden geröntgt, der Besucher abgetastet, wenn es beim Gang durch die Sicherheitsschleuse gepiepst hat.

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