https://www.faz.net/-gpf-6v2cl

Jubel in Italien : Berlusconi ist zurückgetreten

  • Aktualisiert am

Jubel auf den Straßen der italienischen Hauptstadt Bild: dapd

Es ist amtlich: Sivio Berlusconi ist zurückgetreten. Hunderte Menschen feierten seinen Rücktritt. Staatspräsident Napolitano verhandelt bereits über eine mögliche neue Regierung unter dem früheren EU-Kommissar Monti.

          Nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Silvio Berlusconi haben am Sonntag bei Staatspräsident Giorgio Napolitano erste Gespräche über die Bildung einer neuen italienischen Regierung begonnen. Napolitano will dabei ausloten, ob der Wirtschaftswissenschaftler und frühere EU-Kommissar Mario Monti genug Unterstützung im Parlament hat, um als Ministerpräsident eine neue Regierung zu bilden.

          Am späten Samstagabend war der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi zurückgetreten. Der Medienmilliardär hatte sich kurz vor 21.00 Uhr zum Quirinalspalast von Staatspräsident Giorgio Napolitano begeben. Er kam dort fast eine halbe Stunde später an als ursprünglich vorgesehen.

          Die Nachricht des Rücktritts wurde von tausenden Berlusconi-Gegnern in den Straßen Roms mit Beifall, Jubel und spontanen Hupkonzerten aufgenommen.

          Vor dem Quirinalspalast brachen hunderte Demonstranten in Jubel aus. Sie stimmten Händels „Halleluja“ aus dem Oratorium „Der Messias“ an. Tausende Italiener strömten in die Innenstadt.

          Berlusconi verlässt das Parlament nach der Abstimmung Bilderstrecke

          „Tritt ab, geh nach Hause“, lauteten Sprechchöre gegen Berlusconi, als dieser das Abgeordnetenhaus durch den Hintereingang verließ. Rufe wie „Hau ab, Mafioso“ hatten den umstrittenen Ministerpräsidenten bei seiner Abfahrt aus seiner Villa Grazioli auf dem Weg zum Quirinalspalast begleitet. Ein Sturm der Entrüstung „Hanswurst, Hanswurst“ empfing ihn, als er - schwer eskortiert - dort eintraf.

          In einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur ANSA zeigte sich der 75 Jahre alte Politiker „tief verbittert“ angesichts der Anfeindungen. In den vergangenen 17 Jahren war Berlusconi insgesamt zehn Jahre lang in Italien Regierungschef. Zuletzt hatte er sich aber hauptsächlich wegen Sex- und Bestechungsskandalen in mehreren Prozessen verantworten müssen.

          Wenige Stunden vor seinem Rücktritt hatte die Abgeordnetenkammer den Weg dafür frei gemacht: Nach dem Senat billigte sie die von der EU geforderten Wirtschaftsreformen. Berlusconi hatte dies zur Voraussetzung für seine Amtsaufgabe gemacht. Die Abgeordneten stellten sich mit 380 zu 26 Stimmen hinter die Reformen. Zwei Parlamentarier enthielten sich.

          Als Nachfolger ist der ehemalige EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti im Gespräch. Von dem Wirtschaftsfachmann erhoffen sich die Italiener Lösungen für das hoch verschuldete und unter starkem Druck der Finanzmärkte stehende Land.

          Eine Alternative zu einer Notregierung wären Neuwahlen. Napolitano muss prüfen, welche Lösung sich anbietet. Er selbst mache sich für eine Regierung unter Monti stark, wie italienische Medien übereinstimmend berichten. Der Rücktritt Berslusconis wird in Italien als Ende einer Ära gewertet. 17 Jahre lang bestimmte der heute 75-jährige Medienmogul politisch das Geschehen in seinem Land.

          Berlusconi trat 1994 mit der Gründung seiner Partei Forza Italia (FI) in die Politik ein. Bei den Wahlen im März 1994 wurde die FI mit 21,5 Prozent auf Anhieb stärkste Partei, Berlusconi konnte seine Regierung allerdings nur bis Dezember behaupten. Nach dem Rücktritt als Ministerpräsident arbeitete er am Aufbau eines stabileren Mitte-rechts-Bündnisses und gewann damit zwischen 1996 und 2001 sämtliche Kommunal- und Regionalwahlen.

          Bei den Parlamentswahlen im Mai 2001 sicherte sich Berlusconis neues Bündnis Casa delle Libertà die absolute Mehrheit. Berlusconi hatte das Amt des Regierungschefs bis 2006 inne. Nach dem Scheitern der Mitte-links-Koalition unter Ministerpräsident Romano Prodi gewann Berlusconi 2008 mit seiner neuen Partei „Volk der Freiheit“ die vorgezogenen Neuwahlen und kehrte ins Amt des Regierungschefs zurück.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Bsirskes Zeit bei Verdi : Immer wieder Frank

          Verdis Vorsitzender Frank Bsirske geht in Rente. 19 Jahre lang leitete er die größte Baustelle der Gewerkschaftsbewegung. Fertig ist sie noch nicht.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.