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Bild: F.A.Z.

Von Thessaloniki nach Istanbul: Eine Zugreise führt mitten hinein in ein unbekanntes Kapitel griechisch-türkischer Konfliktgeschichte

          5 Min.

          Von Thessaloniki nach Istanbul: Eine Zugreise führt mitten hinein in ein unbekanntes Kapitel griechisch-türkischer Konfliktgeschichte.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Jeden Abend um vier Minuten nach acht verläßt die „Freundschaft“ den Bahnhof von Thessaloniki. Sie schaukelt zunächst durch die Industrievororte dieser weltberühmten unbekannten Stadt, der man ihr wahrhaft biblisches Alter und ihre Vergangenheit als Handelshafen der Osmanen kaum noch ansieht. Dann führt die Reise der „Freundschaft“ nordwärts durch die griechische Provinz Makedonien bis an die Grenze zu Mazedonien. Von dort verläuft die Strecke eine Weile in östlicher Richtung parallel zur Grenze Bulgariens, danach durch die historische Landschaft Thrakien.

          Die „Freundschaft“ ist - in griechischer und türkischer Sprache - ein kurzer Zug mit fünf Waggons, der seit Juli 2005 täglich zwischen der nordgriechischen Metropole und Istanbul verkehrt. Manche wollen den Freundschafts-Expreß durch den europäischen Orient, die erste direkte Schienenverbindung zwischen beiden Städten seit Jahrzehnten, als Beleg für die Aussöhnung zwischen den ehemals verfeindeten und heute durch eine fragile Interessengemeinschaft ihrer Regierungen verbundenen Nato-Staaten sehen: Der Zug bringe Griechen und Türken einander näher, verkündete der Athener Minister Liapis bei der Einweihung der Verbindung zuversichtlich.

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          Doch vorerst ist es wie in der Politik auch auf den Gleisen eine sehr langsame Annäherung: Für die etwa 840 Kilometer lange Strecke werde der Zug nur noch etwa zwölf statt wie bisher 15 Stunden benötigen, hieß es vor der ersten Fahrt. Bisher jedoch können die Passagiere froh sein, wenn der Zug nach einer langsamen Fahrt über veraltete Gleise am nächsten Vormittag gegen elf Uhr sein Ziel erreicht hat. Immerhin müssen sie nicht mehr an der Station Pythion unweit des Grenzflusses Evros stundenlang auf eine Lokomotive der jeweils anderen Eisenbahngesellschaft warten. In diesem kleinen Ort an der Grenze zur europäischen Türkei, am Rande von Schengen-Europa und der EU, steigen heutzutage nur noch griechische Grenzbeamte und Zollkontrolleure zu, während die Waggonbegleiter den Aufenthalt vor dem hölzernen Bahnhofsgebäude zu einer Zigarettenpause nutzen.

          Die Zöllner mustern kurz die Passagiere, doch deren Koffer scheinen sie nicht zu interessieren. Die meisten reisen ohnehin nur mit leichtem Gepäck, es sind keine Händler im Zug, und Schmuggler bevorzugen andere Routen. Für die Passagiere dieses Zuges scheint Neugier der Reisegrund, nicht Notwendigkeit. Eine Gruppe junger Griechen war noch nie in Istanbul: Ob man dort auch in Euro bezahlen könne? Als der Zug langsam weiterfährt, nimmt ihnen ein türkischer Teeverkäufer im Waggon die Sorge ab. „Turkish Lira good, Euro good“, sagt er in gebrochenem Englisch, der Lingua franca des Zuges. Sein echter türkischer Tee findet guten Absatz, die Reisenden bestellen ihn als einen Vorgeschmack auf Istanbul, Konstantinopel, Byzanz. Er ist von Lipton und wird in Plastikbechern serviert.

          In gewisser Weise paßt das Tempo der Züge zu einem Teil Europas, in dem man seit jeher das Leben eher gemächlich angeht. Zumal deshalb, weil der Freundschaftsexpreß mitten durch einen Teil Griechenlands fährt, in dem Griechen und Türken einander bis heute eher abwartend gegenüberstehen. Denn die Fahrt durch Thrakien führt den Zug der Freundschaft auch mitten in ein andauerndes und wenig bekanntes Kapitel der langen griechisch-türkischen Konfliktgeschichte: In den drei westthrakischen Präfekturen Xanthi, Rhodopi und Evros lebt bis heute eine starke muslimische Minderheit. Zwar hat sich deren Lage in den vergangenen Jahren verbessert, doch ist die über Jahrzehnte betriebene Politik einer stillen Diskriminierung dieser aus türkischen und slawischsprachigen Pomaken gebildeten muslimischen Bevölkerung West-Thrakiens kein Ruhmesblatt für das Ursprungsland der Demokratie.

          Die etwa 120 000 Muslime Thrakiens wurden im Alltagsleben lange Zeit systematisch benachteiligt, ihnen wurden Baugenehmigungen oder Führerscheine verweigert, mehr als 45 000 Angehörigen der Minderheit erkannte der griechische Staat mit fadenscheinigen Begründungen und auf undemokratische Weise sogar die Staatsbürgerschaft ab. Diese Politik endete übrigens keineswegs mit dem EU-Beitritt Griechenlands 1981. Erst in den neunziger Jahren rückte Athen schrittweise von der zuvor parteiübergreifend geduldeten Unrechtspolitik ab.

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