https://www.faz.net/-gpf-skqo

: Libera Terra auf Sizilien

Bild: F.A.Z.

Eine landwirtschaftliche Kooperative arbeitet auf einem Stück Land, das per Gerichtsbeschluß einer berüchtigten Mafia-Familie weggenommen wurde. Das mutige Experiment scheint zu gelingen.

          4 Min.

          Eine landwirtschaftliche Kooperative arbeitet auf einem Stück Land, das per Gerichtsbeschluß einer berüchtigten Mafia-Familie weggenommen wurde. Das mutige Experiment scheint zu gelingen.

          Tobias Piller

          Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.

          Gemessen an der traditionellen Vorgehensweise der Mafia, müßte die Kooperative „Placido Rizzotto“ eigentlich eine gewaltsame Machtdemonstration des organisierten Verbrechens befürchten. Gelegen mitten im Herz des Mafia-Landes, in einer Nachbargemeinde von Corleone, ist die Kooperative mit ihren zwölf Mitgliedern und zeitweise bis zu fünfzehn Mitarbeitern nichts weniger als eine Herausforderung für den Machtanspruch der „Cosa Nostra“. „Am Anfang haben uns alle für verrückt erklärt“, sagt Gianluca Faraone, der Geschäftsführer. Doch gut fünf Jahre nach der Gründung wird seine Kooperative im Dorf ernst genommen - und das, obwohl sie ihre ersten unternehmerischen Erfolge gerade gegen die Interessen der Mafia erzielte.

          Den jungen Sizilianern haben die italienischen Behörden 300 Hektar Ackerland anvertraut, 50 Hektar an Weinbergen und ein Gebäude in einem alten Gehöft - alles per Gerichtsbeschluß der Mafiafamilie des Ortes weggenommen. Die gehörte zu den mächtigsten und gewalttätigsten in ganz Sizilien. Der Sohn des lokalen Bosses, Giovanni Brusca, war derjenige, der 1992 mit 400 Kilogramm Sprengstoff gut 50 Meter Autobahn in die Luft sprengte und damit den Richter Giovanni Falcone, seine Frau und drei Leibwächter umbrachte. Nach der Verurteilung von Brusca hatte die italienische Justiz all die Vermögenswerte konfisziert, die nicht auf rechtmäßige Weise erworben worden waren. Damit soll einerseits die Mafia an ihrem Nerv getroffen werden: bei ihrem Vermögen. Zum anderen sollen die eingezogenen Vermögenswerte auch ein Stück Wiedergutmachung sein für die Gewaltherrschaft und die von ihr verursachte wirtschaftliche Rückständigkeit Siziliens.

          Bilderstrecke

          Das Haus der Familie Brusca im Gehöft oberhalb von San Giuseppe Jato dient nun der Kooperative für ihren „Agriturismo“. In das mit öffentlichen - auch europäischen - Geldern für 300 000 Euro renovierte Haus kommen derzeit vor allem Schulklassen, die nach der Bewirtung eine wenige hundert Meter entfernte Gedenkstätte für ein 1947 begangenes Mafia-Massaker an kommunistischen Gewerkschaftern, Landarbeitern und deren Familien besuchen. Vor einigen Monaten hatten Manager der Autofirma Opel von der Initiative gelesen und dort eine Station auf einer Teststrecke eingerichtet, die binnen drei Wochen von 600 Autojournalisten angesteuert wurde. Als vor dem einsamen Weiler an neuen Masten die Fahnen von Opel und General Motors wehten, täglich teure Testwagen in leuchtendem Blau und Rot vorbeikamen, war dies auch eine Botschaft für den ehemals berüchtigten Mafia-Ort: Nicht die Bosse garantieren Entwicklung, sondern die neue Initiative, die sich auch gegen die Mafia richtet.

          Weitere Themen

          Der überraschende Aufstieg der Serpil Midyatli

          Neue SPD-Vize : Der überraschende Aufstieg der Serpil Midyatli

          Sie wurde nur wenige Stunden vor ihrer Wahl zur stellvertretenden SPD-Vorsitzenden vorgeschlagen: Serpil Midyatli ist die neue Linke im Parteivorstand. Für die Kielerin eine Chance, aus dem Schatten anderer zu treten.

          Topmeldungen

          Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

          Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

          Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

          Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

          Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.