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: Libera Terra auf Sizilien

Der Start des Abenteuers in San Giuseppe Jato war nicht so ausgetüftelt, wie das Umfeld es erwarten ließ, sondern war eher vergleichbar mit einer Reality-Show auf dem Bauernhof: Auf eine Ausschreibung hatten sich 250 junge Sizilianer beworben, Fachleute für die Landwirtschaft, für die Verwaltung von gemeinnützigen Unternehmen, Buchhalter, Idealisten und diejenigen, die aus Verzweiflung generell zu allen Stellenausschreibungen eine Bewerbung schicken. Fünfzehn Bewerber wurden ausgewählt, geschult und 2001 zu einer Kooperative zusammengeschlossen, die das Mafia-Land bearbeiten sollte. „Das Ganze war nicht ohne Widerspruch, denn einerseits gab es die öffentliche Ausschreibung, andererseits wurden Leute gesucht, die für diese Aufgabe auch Opfer bringen wollten“, sagt Gianluca Faraone, der 32 Jahre alte Vorsitzende der Kooperative. Die zusammengewürfelte Gruppe mußte sich erst zusammenraufen, während die Leute der Mafia darauf warteten, daß das Experiment scheiterte. „Einige dachten, sie könnten nur den Manager machen. Wir haben uns schließlich geeinigt, daß am Anfang alle anpacken müßten, auch mit der Hacke auf dem Feld.“

Von den Gründungsmitgliedern sind noch sechs übrig, die sechs neue in die Kooperative aufgenommen haben. Der Umsatz des letzten Jahres liege bei 800 000 Euro, berichtet Faraone, unter anderem mit 300 Tonnen Hartweizen, den daraus hergestellten Nudeln und 50 000 Flaschen Wein erwirtschaftet, immer mit der Marke „Libera Terra“, in Anspielung auf das von der Mafia befreite Land. Zunächst gab es noch Schwierigkeiten, Gelegenheitsarbeiter zu finden, die auch bereit waren, auf den ehemaligen Feldern der Mafia-Bosse zu arbeiten. Doch das hat sich erledigt. „Hier gibt es viel Schwarzarbeit. Deshalb kommen die Leute inzwischen zu uns, weil sie wissen, daß wir legale Arbeit anbieten und Sozialbeiträge abführen“, berichtet Francesca Massimino, die stellvertretende Geschäftsführerin.

Angst zeigen weder Faraone noch Massimino. „Man darf nicht zeigen, daß man sich von der Unterwelt erpressen läßt, sonst verstrickt man sich immer tiefer in Probleme“, sagt Faraone. Die Konkurrenz zur Mafia ist allerdings nicht ungefährlich. Noch vor einigen Jahren wurde deswegen in Palermos Mafia-Viertel Brancaccio ein Pfarrer erschossen. In San Giuseppe Jato und Corleone hat man bisher nur einmal ein Zeichen gesetzt, indem ein Weizenfeld angezündet wurde. Doch die Kooperative war nicht alleine. Die Polizei schickte überraschend schnell zwei Löschflugzeuge. Am nächsten Tag zogen Polizeichefs, Staatsanwälte, Bürgermeister und Abgeordnete auf einer kurzfristig organisierten Demonstration gegen die Mafia durch das Dorf. Faraone wirkt auch deshalb gelassen: „Der Besuch der Autojournalisten aus Europa und die Aufmerksamkeit der Medien in Italien bedeuten dem Dorf, daß wir viele Freunde haben.“
Einen Investor hat die Erfahrung der Kooperative auf dem Mafia-Land schon ermutigt. Der Weinunternehmer Antonio Miccichè will nun neben dem „Agriturismo“ der Kooperative den Rest des verfallenen Gehöftes zu einem kleinen Hotel ausbauen. Sein Vater hatte vor mehr als dreißig Jahren das Gemäuer erworben. „Wegen der üblen Nachbarschaft war es lange Zeit so, als wären wir enteignet, denn in solchen Situationen kann man keine ehrgeizigen Projekte starten.“ Nun gibt ihnen die Geschichte doch recht.

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