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: Ich glaube, weil ich lebe

Diese neue Variante der altpolnischen Symbiose von Nation und Kirche ist parteipolitisch nutzbar. Der Aufstieg des Präsidenten Lech Kaczynski hat viel damit zu tun, daß er im April 2005 als Warschauer Bürgermeister die Trauerfeiern für Johannes Paul II. so zu organisieren verstand, daß er selbst als Verkörperung des nationalen Schmerzes erschien. Der jüngste Versuch, die Synergien des Glaubens zu nutzen, war sein mittlerweile ad acta gelegtes Projekt, in diesem Frühjahr in zeitlicher Nähe zum bevorstehenden Besuch von Wojtylas Nachfolger Benedikt XVI. vorgezogene Parlamentswahlen zu halten. Kaczynskis Stab versprach sich von der erwarteten Hochstimmung dieser Tage maximale Mobilisierung an den Urnen.

Dreh- und Angelpunkt dieser Synthese ist Radio Maryja. Einerseits unterstützt der Sender die nationalkatholische Regierungspartei, andererseits greift diese erfolgreich auf den Ideenfundus von Thorn zurück. Ihre Skepsis gegen Europa, ihre Aversion gegen Homosexualität, ihr Antiliberalismus sowie ihr reizbares Nationalbewußtsein - all das hat hier seine Wurzeln. Radio Maryja wiederum hat Wettbewerbsvorteile. Die Brüder Kaczynski verschaffen Pater Rydzyk exklusive Termine bei politischen Schlüsselereignissen, und Marcinkiewicz' Minister sind regelmäßige Gäste in den Studios von Thorn.

Die andere Seite der polnischen Kirche, die Europa zugewandte Kirche von Wadowice, hat zu dieser Entwicklung lange geschwiegen. Johannes Paul II. ließ Radio Maryja gewähren, weil er die seelsorgerische Bedeutung des Senders erkannte und weil er wußte, daß die Autorität seiner Person Rydzyks Ausfälle jederzeit in den Schatten stellen konnte. Seit seinem Tode aber sehen sich seine Freunde im Lande, sein früherer Sekretär Kardinal Dziwisz etwa oder Polens Primas Glemp, gezwungen, gegen Thorn in Stellung zu gehen. Benedikt XVI. steht dabei auf ihrer Seite. Im Herbst rief er „die katholischen Radio- und Fernsehsender“ zunächst in allgemeinem Ton auf, die „Autonomie der politischen Sphäre“ zu respektieren. Im März, nachdem sein Aufruf ungehört verhallt war, hat sein Nuntius in Polen die Ordensoberen von Pater Rydzyk unverblümt aufgefordert, zur Kontrolle von Radio Maryja „entschlossene und wirksame Maßnahmen“ zu ergreifen.

Mittlerweile ist der Konflikt offen entbrannt. Kardinal Dziwisz, der vor einem möglichen Mißbrauch der bevorstehenden Papstreise durch die Partei der Brüder Kaczynski gewarnt hatte, wird von der Präsidialkanzlei unverhohlen attackiert, und sogar Benedikt XVI. wird von den Unterstützern Radio Maryjas wegen seiner deutschen Herkunft ins Zwielicht gestellt. Der Streit ist bitter, denn wohl keiner Nation Europas ist die päpstliche Formel von der „Autonomie“ der politischen Sphäre fremder als der polnischen, die ihr Überleben so oft gerade dem Gegenteil zu verdanken hatte, der Symbiose von Patriotismus und Religion.

Der Abschied von der alten Gleichung fällt Polen um so schwerer, als er zugleich den Abschied von den besten Traditionen der „Solidarität“ bedeutet, den Abschied von einer Epoche, in der man, inspiriert von Karol Wojtyla, politisch stark war, weil man im Glauben nicht schwankte. Immer mehr polnische Christen aber verstehen heute, daß die Demokratie andere Forderungen stellt als die Diktatur. Sie wissen, daß ein Glaube, der im Kommunismus aus Liebe zum Menschen politisch werden mußte, in der Demokratie aus genau demselben Grunde zur Zurückhaltung bestimmt sein kann. Einer der schärfsten Kritiker der Kirche von Thorn, der Lubliner Erzbischof Zycinski, hat es auf den Punkt gebracht: „Die Kirche verbindet sich mit keinem Führer und keiner Partei, denn Christus ist für alle gestorben.“

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