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Joseph Ratzinger : Der konservative Sinnstifter

  • -Aktualisiert am

1965: Kardinal Ratzinger während seiner Zeit an der Universität Regensburg Bild: REUTERS

Einst hieß es, nie mehr könne ein Deutscher Papst werden. Diese Regel aber ist gebrochen: Joseph Ratzinger ist neuer Papst. Der mächtigste Deutsche im Vatikan hat die katholische Milliardengemeinschaft seit langem geprägt.

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          Von seinen Jahren, seiner Erfahrung und seiner theologischen Bildung bot Joseph Ratzinger den Kardinälen der römischen Kirche Sicherheit - zumindest einer Zwei-Drittel-Mehrheit plus einer Stimme im vierten Wahlgang.

          Zweimal stieg schwarzer Rauch auf, nach dem erfolglosen ersten und dritten Wahlgang. Dann wählten die Kardinäle den Deutschen. Mit 78 Jahren einen „Papst des Übergangs“, auch wenn man sich darin täuschen kann. Auf jeden Fall einen Papst, der sich Zeit seines Lebens als unzweifelhaft gut-katholisch ausgewiesen hatte.

          Ein deutscher Papst

          Ein Deutscher kann nie Papst werden, hieß es lange Zeit, aus historischen und völkerpsychologischen Gründen. Joseph Kardinal Ratzinger, am 16. April 1927 im bayerischen Marktl am Inn geboren, also unzweifelhaft Deutscher, ist es geworden.

          1980 hinter seinem Vorgänger Johannes Paul II. bei dessen Besuch in München

          Die Londoner Wettbüros sahen andere vorn. Doch immerhin begann die angesehene Mailänder Zeitung „Corriere della Sera“ die Vorstellung der „Papabili“, der Papst-fähigen Kardinals-Kandidaten für das Konklave, die Papstwahl in der Sixtinischen Kapelle des Vatikans, vor einer Woche mit Joseph Ratzinger. Der bekannteste deutsche Kardinal wurde vorgestellt unter dem Titel: „Wächter des Glaubens, von Wojtyla ausgewählt: Die Güte besteht darin, nein zu sagen“.

          Als Ratzinger bei der ersten Generalkongregation der Kardinäle nach dem Tod Johannes Pauls II. die Augen der Kollegen auf sich gerichtet fühlte, behielt er - bisher, seit 1981/82, Präfekt der Glaubenskongregation des vatikanischen Verfassungs-Ministeriums für die katholische Kirche - sein undurchdringliches Gesicht bei: nicht unfreundlich, aber auch nicht strahlend. Man weiß, daß er leichter ausforschen, auf den Grund der theologischen Argumente und kirchenpolitischen Analysen blicken kann, als daß ihm unbedachte Äußerungen zu entlocken sind.

          Der Vater war Gendarm

          Er stammt aus einer einfachen Familie, nicht reich, aber auch nicht arm. Der Vater war bayerischer Gendarm. Über seine Kindheit und den späteren Werdegang hat Joseph Ratzinger in einer kleinen Autobiographie selbst Auskunft gegeben. Man war damals, selbst im „Dritten Reich“, einfach katholisch und wollte nichts anderes sein. Nicht kritisch, nicht bigott, einfach katholisch, mit Anflügen von liberaler Lebensfreude. Das prägte ihn.

          Als der Kölner Kardinal-Erzbischof Frings den jungen Theologieprofessor Ratzinger als seinen Berater zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) mitnahm, wollte der „Teenager“, wie er damals von den älteren Kollegen - ebenso wie sein Altersgenosse Hans Küng, der dann ganz andere Wege ging - bespöttelt wurde, manches in der Kirche verbessern. Etwa die Verfahrensordnung im damaligen Heiligen Offizium, jenem vatikanischen Glaubensministerium, das er von 1981 an als Präfekt selbst leiten sollte.

          Im wesentlich freundlich

          Die Welt, wie sie damals von den Konzilsvätern wohlwollend betrachtet wurde, erschien auch ihm noch im wesentlichen freundlich. Erst als er vom Konzil heimgekehrt war, als der Professor langsam eine neue Wirklichkeit der Gesellschaft wahrnahm, wurde es anders. Besonders als die Studenten der 68er-Generation immer respektloser mit Religion, Christentum und Kirche umgingen, er sich aber nicht wie andere darauf einlassen wollte, wandelte sich Joseph Ratzinger vom teilweisen Reformer zum vorsichtigen Konservativen.

          Mit scharfem Intellekt hielt er am Bewährten des Katholischen fest und zerlegte die moderne Gesellschaft mit ihren wechselnden Geistesströmungen in einzelne Widrigkeiten für den christlichen Geist. Für die Kirche sah er konservative Reformen vor, Besinnung auf die Substanz, so der Tenor seines Buches von 1968 mit dem Titel „Einführung in das Christentum“. Mit diesem Bekenntnis wurde er über seine Universität hinaus berühmt.

          Manches Mutige, manches Konservative

          Auch bei dem damaligen Papst, Paul VI. (1963 bis 1978). Der las das ins Italienische übersetzte Buch, das mit dem Satz begann: „Die Frage, was eigentlich Inhalt und Sinn christlichen Glaubens sei, ist heute von einem Nebel der Ungewißheit umgeben wie kaum irgendwann zuvor in der Geschichte.“ Dem wollte Joseph Ratzinger abhelfen. Das gefiel nicht nur Paul VI., sondern auch dem Kardinal-Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, dem späteren Johannes Paul II.

          Denn da stand manches Mutige drin, nicht nur Konservatives, sondern auch Vorausschauendes, „Sinnstiftendes“. Als nach dem Tod von Kardinal Döpfner im Juli 1976 der Erzbischofsstuhl von München zu besetzen war, sollte sich nach päpstlichem Willen der Professor als erzbischöflicher Seelsorger, im unmittelbaren Kontakt mit den Gläubigen und den Pfarrern, bewähren. Das gelang in Oberbayern nicht immer.

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