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Kommentar : Gaucks Gegengift

„Demokratie ist kein politisches Versandhaus“: Bundespräsident Gauck während seiner Rede im Schloss Bellevue Bild: Reuters

Staatsbürgerkunde für Hirn und Herz: Die Rede des scheidenden Bundespräsidenten gehört in die Schulbücher. Und auch allen Einwanderern sollte man sie in die Hand drücken.

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          Die Rede Gaucks gehört in die Schulbücher, und zwar ganz vorne. Auch allen Einwanderern sollte man sie in die Hand drücken. Das ist Staatsbürgerkunde in ihrer besten Form: klug, engagiert, Hirn und Herz ansprechend. Joachim Gauck führte mit dieser Ansprache auch wieder vor, was er schon seine ganze Amtszeit fordert: die „wahrheitsgestützte“, Maß und Mitte haltende Argumentation, die jedenfalls in den Foren des Internets zu oft von Ausbrüchen des Hasses, der Lüge und der Verleumdung verdrängt wird.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Gaucks Beschreibung des Zustands der Republik kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt ist, auch wenn er vom besten und demokratischsten Deutschland spricht, „das wir je hatten“, alles andere als Propaganda. Seine Sorgen um den Zusammenhalt des Gemeinwesens sind unverkennbar, seine Mahnungen an die Politik, aber auch an die Bürger („Demokratie ist kein politisches Versandhaus“) sind deutlich. Doch listet er auch auf, warum es sich lohnt, diesen deutschen Staat und die vom Zerfall bedrohten „Projekte“ des Westens, so unvollkommen sie sind, mit aller Kraft zu verteidigen und zu verbessern. Nur wenige Politiker vermögen das so überzeugend und glaubwürdig zu tun wie Gauck, und viel zu wenige versuchen es überhaupt noch.

          Doch jenen Kräften, die aus Kalkül oder schierer Lust am Zerstören Zerrbilder vom deutschen und europäischen „System“ malen, darf man die öffentlichen Leinwände nicht kommentar- und widerstandslos überlassen. Das Gift und die Galle, die Tag und Nacht im Netz gespien werden, haben eine zersetzende Wirkung, die sich auch jene fremden Mächte zunutze machen wollen, die sich von den Werten des freien Westens bedroht fühlen. Gaucks Ode an die Freiheit und die deutsche Demokratie mag manchem etwas pathetisch vorkommen. Doch sie ist in dieser Lage ein nötiges Gegengift, das auch der Nachfolger in der Hausapotheke des Bellevue vorrätig haben sollte.

          Denn die „republikanische Verteidigungsbereitschaft“, die Joachim Gauck abermals einfordert, werden die deutschen Demokraten in Zukunft noch stärker als bisher zeigen müssen, im Inneren wie nach außen. Die Beistandspflicht der Nato, sagt Gauck, gelte ohne Abstriche. Es ist zu hoffen, dass auch der nächste Bundespräsident dem neuen amerikanischen Präsidenten eine so unmissverständliche Amtseinführungshilfe leistet, in dieser Frage wie in mancher anderen.

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