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Jean Charest : Für Kanada

  • -Aktualisiert am

Jean Charest (1998) Bild: AFP

Das "politische Wunderkind" Kanadas und neuer Ministerpräsident der kanadischen Ostprovinz Quebec

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          Im zweiten Anlauf hat es das "politische Wunderkind" Kanadas geschafft: Jean Charest, mit 44 Jahren noch immer ein relativ junger Politiker, wird neuer Ministerpräsident der kanadischen Ostprovinz Quebec. Bei den Wahlen vor fünf Jahren war Charest noch knapp am separatistischen Parti Quebecois (PQ) gescheitert, doch diesmal hat er für die sozialdemokratisch orientierte Liberale Partei einen triumphalen Sieg errungen. Seine politische Laufbahn begann Charest vor fast zwei Jahrzehnten: 1984 wurde er für den Wahlkreis seiner Heimatstadt Sheerbrook östlich von Montreal ins Bundesparlament in Ottawa gewählt, damals noch für die Konservative Progressive Partei. Zwei Jahre später machte Ministerpräsident Mulroney ihn mit 28 Jahren zum Minister für Jugend.

          Matthias Rüb
          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Nach der Wiederwahl ins Parlament in Ottawa 1988 behielt er seinen Ministerposten und wurde zwei Jahre darauf zusätzlich zum stellvertretenden Parlamentspräsidenten ernannt. Als überzeugter Föderalist, in der französischen wie in der englischen Sprache zu Hause, saß er von 1990 an zudem dem Parlamentsausschuß für die Verwirklichung und Erweiterung der Verfassungszusätze von 1987 vor, in welchen die zu 80 Prozent frankophone Ostprivinz Quebec als "eigenständige Gesellschaft" innerhalb Kanadas anerkannt worden war.

          Im Jahre 1991 übernahm er den Posten des Umweltministers. Ein erster Anlauf auf den Posten des Parteichefs der Konservativen scheiterte im Juni 1993, beim zweiten Versuch Ende 1993 gelang dann der Sprung an die Parteispitze. Nur befanden sich die Tories damals, nach der verheerenden Wahlniederlage vom Herbst 1993, in einer tiefen Krise, aus der sie bis heute nicht recht erwacht sind. Charest entschied sich zu einem doppelten Wechsel: Er verlegte seine politische Karriere von Ottawa in seine Heimatprovinz, und er ging zu den Liberalen, deren Chef in Quebec er seit April 1998 ist.

          Schon beim Referendum 1995, das die Gegner einer Abspaltung der Provinz von Ottawa nur mit hauchdünner Mehrheit gewannen, war Charest - damals noch als Oppositionsführer - mit Regierungschef Chretien einer der Wortführer für den Erhalt des kanadischen Bundesstaates. Das ist er bis heute geblieben, auch wenn er auf der politischen Bühne Quebecs mehr Selbstbestimmung für die Provinz und mehr Dezentralisierung fordert, als er das in den Bundesinstitutionen in Ottawa getan hatte. Als unermüdlicher Wahlkämpfer ist Charest in den vergangenen fünf Jahren viel in "seiner" Provinz herumgekommen und konnte dabei vor allem in den französischsprachigen ländlichen Gebieten im Osten zusätzliche Wähler gewinnen. Zu den wichtigsten Wahlkampfversprechen gehörten Steuersenkungen, die Straffung der Verwaltung und mehr Geld sowie Stellen für Schulen, Universitäten und zumal das Gesundheitswesen.

          Jean Charest wurde am 24. Juni 1958 als Sohn einer irischstämmigen Mutter und eines französischsprachigen Hotelbesitzers geboren. Gemeinsam mit seiner Frau Michele Dionne und drei Töchtern lebt er bis heute in seiner Heimatstadt. Charest studierte in seiner Heimatstadt die Rechte, hatte aber nur für kurze Zeit die Gelegenheit, sich als Anwalt zu bewähren, da er sich schon bald ganz der Politik widmete. Seine Karriere ist noch lange nicht zu Ende.

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