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Japan : Ungewöhnliche Offenheit

  • -Aktualisiert am

Entpuppt sich als Bush-Fan: Japans Regierungschef Koizumi Bild: POOL

Der japanische Ministerpräsident Koizumi wünscht dem amtierenden amerikanischen Präsidenten den Wahlsieg. Er stehe Bush nahe und hoffe, „daß er gut abschneide“. Die Opposition ist empört.

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          Das Engagement Chinas ist nicht zu übersehen: Pekings Diplomaten mühen sich redlich, Nordkorea an den Verhandlungstisch zurückzuholen, die Sechsergespräche über Pjöngjangs Atomprogramm sollen bald in eine neue Runde gehen. Die Staatsführung der Volksrepublik stimmte sich mit dem russischen Präsidenten Putin in Peking ab, empfing den nordkoreanischen „Parlamentspräsidenten“ Kim Jong-nam, entsandte einen Sonderbeauftragten nach Pjöngjang, Seoul, Tokio und Washington.

          Doch Nordkorea spielt seit Monaten auf Zeit, will offensichtlich den Ausgang der amerikanischen Präsidentenwahlen abwarten. Wenn Außenminister Powell kurz vor der Entscheidung über Bush oder Kerry nochmals zu Sondierungen nach Asien aufbricht, kommt er allerdings nicht zuerst zum zentralen Nordkorea-Vermittler nach Peking, sondern wählt die Route Japan-China-Südkorea.

          Tokios Dank an Bush

          Warum Powell zuerst in Tokio Station macht, kann Zufälligkeiten prall gefüllter Terminkalender entspringen, kann den für beide Seiten wichtigen Beratungen über die Neuausrichtung der amerikanischen Truppen im Pazifik Rechnung tragen, kann aber auch eine kleine, gezielt gesetzte diplomatische Ehrerbietung sein. In Tokio jedenfalls wird es Powell und Bush gedankt, daß Japan in Washington wieder wichtiger genommen wird als zu Zeiten Clintons. Ministerpräsident Koizumi macht kein Hehl daraus, wie sehr er diesen Wandel schätzt.

          Für Präsident Bush lehnte sich der japanische Regierungschef ungewöhnlich weit aus dem Fenster. Er wolle sich zwar „nicht einmischen“, sagte Koizumi, als er von einem Journalisten auf die anstehende Präsidentenwahl in Amerika angesprochen wurde. „Doch ich stehe Bush nahe und würde ihm daher wünschen, daß er gut abschneidet.“ Koizumis Wahlempfehlung sorgte prompt für Furore, die größte Oppositionspartei warf ihm ungebührliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines anderen Landes vor.

          Das war meine freie Meinung, gibt es damit irgendein Problem?

          Wieder einmal hatte sich Koizumi gegen den Trend gestellt. Während sich die Mehrheit der japanischen Bevölkerung in Umfragen gegen den Irak-Krieg aussprach, unterstützte Koizumi Präsident Bush, entsandte sogar - allerdings nichtkämpfende - Soldaten der Selbstverteidigungskräfte in das Krisengebiet. Jetzt hofft Koizumi auf ein gutes Abschneiden Bushs, während laut Zeitungsumfragen mehr als die Hälfte der Japaner auf Kerry setzen und sich nur 30 Prozent für Bush aussprechen.

          Eiligst versuchte der Regierungssprecher in Tokio Koizumis Worte zurechtzurücken. Sie seien nicht mehr als eine persönliche Ermunterung an den amerikanischen Präsidenten gewesen, es sei ja nicht so, daß der Ministerpräsident gesagt habe, wer gewinnen solle. Im Parlament mußte sich Koizumi persönlich rechtfertigen und versicherte, es seien keinerlei Veränderungen im Verhältnis zwischen Washington und Tokio zu erwarten, ganz gleich, wer die Wahl gewinne. Seine Bemerkung allerdings nahm er nicht zurück. “Das war meine freie Meinung, gibt es damit irgendein Problem “ fragte er provozierend vor dem Haushaltsausschuß des Unterhauses zurück.

          Vorliebe für republikanische Präsidenten

          Koizumi pflegt das Image seiner Männerfreundschaft mit Präsident Bush - und er erfährt Gegenliebe. Koizumi zählt zu den wenigen Staatsmännern, die mehrmals auf Bushs private Ranch in Texas eingeladen wurden. Das wird in Tokio wieder und wieder hervorgehoben. Wenn Bush die wichtigsten Verbündeten Amerikas aufzählt, nennt er Japan in einem Atemzug mit Ländern wie Großbritannien oder Australien. Erinnerungen an das Paar Nakasone und Reagan werden wach. Noch mehr aber erinnert man sich an die harschen Auseinandersetzungen mit der Clinton-Regierung, deren ewig nörgelnde Handelsbeauftragte oder Finanzpolitiker, die in arrogantem Ton mehr Wettbewerb in Japan einforderten. Nicht nur Koizumi, auch andere konservative Politiker der größten Regierungspartei LDP haben eine Vorliebe für republikanische Präsidenten in Washington, doch nur er äußert sie so laut.

          Ganz spannungsfrei waren die Beziehungen zwischen Washington und Tokio in den vergangenen Jahren nicht. Auch Japan mißbilligte die Strafzölle, welche die Regierung Bush gegen Stahlimporte verhängt hatte, und derzeit bemüht sich Washington um eine Aufhebung des Importstopps für amerikanisches Rindfleisch, den Tokio wegen BSE verhängt hatte. Handelsstreitigkeiten wurden von beiden Seiten aber nicht an die große Glocke gehängt. Seit Bush dominiert die Sicherheitspolitik, zunächst gegenüber dem wirtschaftlich aufstrebenden China, gegenüber den potentiellen Krisenherden Taiwan und Nordkorea. Seit dem 11. September 2001 kamen der Kampf gegen den Terror, die Kriege in Afghanistan und im Irak hinzu. Bush fand in Koizumi einen verläßlichen Verbündeten, der in Tokio mehr durchsetzte, als viele erwartet hatten.

          Takebe sieht “Schwierigkeiten“ heraufziehen

          Die Loyalität Koizumis mag von der Einschätzung geleitet sein, daß Japan mehr denn je auf den Schutz der Amerikaner angewiesen ist - vor allem nach den atomaren Drohgebärden aus Pjöngjang. Wenn sich Japans Regierungschef undiplomatisch ein gutes Abschneiden Bushs wünscht, dürfte sich dieses Anliegen durch Vorschläge des demokratischen Präsidentschaftskandidaten noch verstärkt haben. Kerry zeigte Bereitschaft, zur Beilegung der nordkoreanischen Nuklearkrise in bilaterale Verhandlungen mit Pjöngjang einzuwilligen.

          Damit aber säße Japan, das sich von nordkoreanischen Raketen direkt bedroht fühlt, nicht mehr mit am Verhandlungstisch. Das aber steht nach Ansicht von Generalsekretär Takebe, der seit wenigen Wochen Koizumis LDP führt, nicht zur Debatte. Verhandlungen über Japans Kopf hinweg seien genau das, was Nordkorea wolle. Wenn es am 2. November nicht Bush werden sollte, sieht Takebe “Schwierigkeiten“ heraufziehen. Eine Regierung Kerry wäre Koizumi nicht verpflichtet. Bushs Außenminister Powell hingegen gibt Loyalitäten zurück, nicht nur durch die Reihenfolge seiner Reiseplanung.

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