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Janukowitschs verlassener Palast : Die luxuriöseste Adresse der Ukraine

Bild: F.A.Z., Oleksandr Techynskyi, Alexey Solodunov

Der private Sitz des gestürzten ukrainischen Präsidenten Janukowitsch war einer der geheimnisvollsten Orte des Landes. Und das wichtigste Symbol für die maßlose Selbstbereicherung.

          Meschihirija, der private Sitz des gestürzten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, ist über viele Jahre einer der geheimnisvollsten Orte der Ukraine gewesen. An einem Hügel über dem „Kiewer Meer“ gelegen, einem gewaltigen Dnjepr-Stausee nördlich der Hauptstadt Kiew, ist es zweifellos eine der luxuriösesten Adressen der Ukraine. Vor Jahrhunderten hat hier ein längst versunkenes orthodoxes Kloster gestanden, zu sowjetischen Zeiten eine Residenz für Staatsgäste, die von Moskauer Generalsekretären gerne benutzt wurde, wenn sie dienstlich in Kiew weilten.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Zuletzt hat Viktor Janukowitsch hier gewohnt, der gestürzte Präsident der Ukraine, und nachdem er hier einzog, ist an dem waldigen Berghang über dem Stausee eine rege Bautätigkeit in Gang gekommen. Ein von weitläufigen Terrassen umgebener Palast im Landhausstil ist entstanden, dazu Golf- und Tennisplätze, eine künstliche Tempelruine, ein Hubschrauberlandeplatz und vor allem unten am Jachthafen eine Bar in Form einer spanischen Galeone, aus teuren Hölzern gefügt, im Inneren geschmückt mit Kristalllüstern und mit einer Spirituosenbar ausgestattet, die an kostspieliger Extravaganz kaum ihresgleichen findet.

          Symbol für maßlose Selbstereicherung

          Ebenso extravagant wie der Luxus auf diesem 138 Hektar großen Lustsitz mit seinen Parkpavillions und stillen Wandelwegen, ist der Aufwand an Sicherheitstechnik, der ihn umgibt. Wer dieses Areal betritt, muss gleich zwei Sperrzäune passieren: eine äußere Panzerwand, die sich an manchen Stellen über sechs Meter erhebt, im Inneren aber ein aus goldenen Schnörkeln gefügtes Prunkgitter, das es mit dem Zaun von Buckingham Palace jederzeit aufnehmen könnte. Über dem Gelände ist vor einiger Zeit eine Flugverbotszone eingerichtet worden.

          Lustvoll inspizieren die Ukrainer die verlassene Residenz ihres geflohenen Präsidenten Janukowitsch im Örtchen Novi Petriwzi bei Kiew. Der Palast nach dem Geschmack eines Kleingauners vereint absolutistische Marmortreppen mit Empirefassade und einem draufgesetzten gemütlichen Blockhaus. Bilderstrecke

          Mit seinem Prunk, seiner Abschottung und seinem rigorosen Sicherheitsaufwand ist Meschihirija seit Jahren das wichtigste Symbol für die maßlose Selbstereicherung gewesen, welche die ukrainische Opposition Janukowitsch und seinem Familienclan seit Jahren vorhält. Es ist deswegen am Samstag, als das Regime nach einer Woche blutigen Terrors schließlich zusammenbrach, sofort zu einem Pilgerort geworden. Bürger von Kiew, Kämpfer des Majdan, Familien samt Oma und Opa, Kind und Hund, strömten sofort heraus ans Kiewer Meer, als die Nachricht sich verbreitete. Die „Selbstverteidigung“ des Majdan, welche die Anlage am frühen Morgen ohne einen Schuss Pulver besetzten konnte, hat zwar noch kurz versucht, das Anwesen zu sperren, um Plünderungen oder Vandalismus zu verhüten, aber es war, als wolle man mit Sandförmchen und Kinderschaufel einen Tsunami bremsen. Zuerst zu Hunderten, dann zu Tausenden, pilgerten die Kiewer heraus an den See, drängten die Wachen der Revolution sanft und bestimmt hinweg und nahmen den Lustpark des gestürzten Präsidenten in Besitz.

          Über die genauen Besitzverhältnisse von Meschihirija ist übrigens viel spekuliert worden. Das Eigentum ukrainischer Oligarchen ist seit dem Ende der Gangsterjahre in den Neunzigern, wo die Kalaschnikow und die Handgranate die Besitzverhältnisse regelte, üblicherweise durch betrügerische Privatisierungen oder überteuerte Staatsaufträge zusammengekommen. Weil das so ist, versteckt es sich meistens hinter komplizierten Netzen ineinander geschachtelter Firmen, deren Besitzerketten sich regelmäßig bei Briefkastenfirmen in Zypern oder auf den Britischen Jungferninseln verlieren. Im Falle von Meschihirija ist es nicht anders. Lange Zeit hat kein Mensch gewusst, wem das Anwesen gehörte, weil der Besitzer sich hinter einer Firma in Liechtenstein verbarg. Janukowitsch hat immer bestritten, hinter dieser Scheinadresse zu stehen, und hat auf eine Anfrage dieser Zeitung im Jahr 2012 lediglich zugegeben, innerhalb des gewaltigen Areals ein kleineres Haus auf einem Grundstück von 1,76 Hektar zu besitzen.

          Plötzlich privatisiert

          Unbestritten ist allerdings, dass Janukowitsch hier in seinen früheren Ämtern als Ministerpräsident schon seinen Dienstsitz hatte, als das Areal noch eine Staatsresidenz war. 2007, kurz vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit als Regierungschef, wurde das Grundstück dann vom ukrainischen Staat plötzlich privatisiert und an jenes undurchschaubare Netzwerk veräußert, dem es bis vor kurzem gehört hat, und hinter dem aus der Sicht ukrainischer Rechercheure wie des Journalisten Sergej Leschtschenko kein anderer stecken kann, als der Präsident selbst. Nach der Privatisierung begann dann der luxuriöse Ausbau zu der Prunkresidenz, die am Samstag erbeutet worden ist.

          Im Jahre 2013, ist es dann allerdings noch einmal zu einem Besitzerwechsel gekommen, nachdem der Inhaber einer der Schattenfirmen im Tarngeflecht der Besitzer, ein Mann namens Johann Wanowits, in Österreich wegen Aktienmanipulation zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Damals erwarb einer von Janukowitschs Getreuen, der Abgeordnete Serhij Kljujew, eilig den allergrößten Teil des bis dahin anonymen Netzes.

          Für die Opposition in Kiew ist es trotz aller präsidialen Dementis nie zweifelhaft gewesen, dass hinter all diesen Strohmännern, die Meschihirija kein anderer als der Viktor Janukowitsch stecken kann, der hier schließlich auch wohnt – und dass sein Schloss am See der nichts geringeres ist, als der Koh-I-Noor in der Krone seines schattenhaften Clanvermögens. 

          Die Leute sind dann bis in die Nacht zum Sonntag gekommen. Sie sind über die Wandelwege flaniert, sie sind an den Teichen entlangspaziert, und sie haben vor der Tempelruine ihre Kinder fotografiert. Die Selbstverteidigungskräfte der Revolution sagen, es habe keinen Vandalismus gegeben.

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