https://www.faz.net/-gpf-73r5j

James Bond : Der ideale Brite

Bild: David Smith

Seit 50 Jahren dient James Bond der Queen und ist für England Identifikationsfigur, Hoffnungsmacher und Volkserzieher in einem. Demnächst auch wieder in Ihrem Kino.

          4 Min.

          Als James Bond in diesem Sommer im Amtszimmer von Königin Elisabeth II. gefilmt wurde, kam dies einer Enttarnung historischen Ausmaßes nahe. „Good evening, Mr. Bond“, sagte die leibhaftige Queen und folgte ihm bereitwillig aus der Tür. Wenig später setzte Bond, der zur Zeit als Daniel Craig auftritt, die Monarchin, die nun eine Puppe geworden war, live mit dem Fallschirm im Londoner Olympiastadion ab - als Höhepunkt der Eröffnungsfeier. Viele Millionen Fernsehzuschauer in aller Welt rieben sich die Augen: Wer war nun echter: die Queen oder Bond? Vermutlich Bond.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Gerüchte waren ja schon länger im Umlauf gewesen. Sie gründeten nicht zuletzt auf einem Zweifel: Wie kann ein Volk, das sich etwas auf seinen Pragmatismus einbildet, einen Repräsentanten hervorbringen, der der Phantasie eines Schriftstellers entsprungen sein soll? Seit Winston Churchill gab es wohl keinen Briten mehr, der das Bild des Königreichs so stark geprägt hat - das von sich selbst und das in der Welt. Unter den Instrumenten britischer softpower nimmt James Bond eine einsame Sonderstellung ein.

          Identifikationsfigur, Hoffnungsmacher, Volkserzieher

          Er ist unterhaltsamer als die BBC, gebildeter als der „Economist“, langlebiger als die Beatles - und egalitärer als das Königshaus. Bond schlüpfte zunächst in die Rolle eines schottischen Arbeiterkindes (Tarnname: Sean Connery), dann in die eines australischen Models (George Lazenby), bevor er zum ersten mal richtig englisch wurde (Roger Moore), nur um sich später in einen Waliser zu verwandeln (Timothy Dalton), der dann durch einen Iren ersetzt wurde (Pierce Brosnan), bis er schließlich als Daniel Craig abermals im englischen Gewand an die Öffentlichkeit trat. Nur Amerikaner wollte Bond nie sein.

          Seine Wandelbarkeit, sein geniales Verwirrspiel mit der Öffentlichkeit, versetzte 007 in die Lage, durch alle Wechselläufe hindurch das Ansehen des Landes auf zeitgemäße Weise zu mehren. Ohne Bond wäre der Kalte Krieg weniger elegant gewonnen worden, ohne ihn wüsste heute niemand mehr, dass auf der Insel einst großartige Sportwagen gebaut wurden, ohne ihn hätte sich der Eindruck festgesetzt, die Briten verstünden nichts von gutem Essen und schönen Frauen. Bond verrichtete aber auch, was man in seiner Heimat groundwork nennt. Indem er vorlebte, dass loyale Staatsbeamte zumindest bei außerordentlichen Leistungen mit einem flamboyanten, kosmopolitischen Alltag belohnt werden, lockte er ganze Generationen kreativer Studienabgänger in den tristen Dienst ihrer Majestät.

          Bond war Identifikationsfigur, Hoffnungsmacher, Volkserzieher. In der schweren Nachkriegszeit - zum ersten mal tauchte Bond 1953 in einem Roman von Ian Fleming auf - festigte er den Glauben an ein besseres Leben und appellierte durch schieres Vorbild an die Wiederbelebung alter Stärken. In dem Spiegel, den er den Briten vorhielt, sahen sie viel schlanker und sonnengebräunter aus als sie es waren. Bis heute ist das so. „Wir genießen Bond immer noch“, schrieb Steven Bayley unlängst in der „Times“ und fuhr fort: „Weil er Qualitäten hat, die wir verloren haben - oder, ehrlich gesagt, die meisten von uns nie hatten.“

          So prüde sind wir gar nicht

          Als Bond vor fünfzig Jahren zum ersten mal als Filmheld auftrat („007 jagt Dr. No“), war das Empire fast vollständig verloren, aber in 007 überlebte die zivilisatorische Überlegenheit der britischen Nation. Aristokraten und Pseudo-Aristokraten anderer Länder waren erst im Reinen mit sich, wenn sie, wie Bonds Gegenspieler Blofeld in „Im Auftrag ihrer Majestät“, den Stempel eines britischen Ahnenforschers erhielten - auch in diese Rolle schlüpfte Bond. Im selben Film wurde ihm mit Lippenstift eine Zimmernummer auf den Schenkel unter seinem Schottenrock gekritzelt, und er folgte dem Angebot in angemessenem zeitlichen Abstand. Da wusste Großbritannien: So prüde, wie alle meinen, sind wir gar nicht.

          Bond verteidigte den libertinären Westen gegen den lustfeindlichen Ostblock, aber mehr noch die staatlich organisierte Welt gegen machtbesessene Psychopathen. Wenn der Premierminister besorgt beim Geheimdienstchef „M“ anrief, wurde 007 nicht nur zur Rettung des Königreichs in die Welt geschickt. Auf dem Höhepunkt amerikanischer Machtentfaltung versicherte Bond den zurückgebliebenen Briten auch, dass die Goldvorräte von Fort Knox noch immer im holzvertäfelten Kaminzimmer des MI6 gerettet werden.

          Streitig gemacht wurde den Vereinigten Staaten nicht nur ihre politische Macht, sondern auch ihre Definitionshohheit über den Kapitalismus. Nirgendwo war die westliche Warenwelt mit so viel Kultur verbunden wie bei 007. Bei ihm roch sie nicht nach Kommerz, gar nach Entfremdung, sie diente vielmehr der Vervollkommnung des modernen Gentleman. Bond war stilsicherer gekleidet als seine Gegner, verfügte über die überlegene Technik, kannte die edleren Wein- und Champagnerjahrgänge. Die profane, billige, ja dunkle Seite der Moderne hielt Bond auf Abstand. Nie sah man ihn ein Flugticket buchen oder eine Gehaltsabrechnung überprüfen, und wenn er einmal überarbeitet war, konsultierte er keinen Seelendoktor, sondern fand eine Schönheit am Pool, die ihn genüsslich fitmassierte.

          Zeitlos und unverrückbar

          Einige Jahre ließ der Geheimagent die Veränderungen in der Welt an sich abtropfen. 1967 wurde er in „Man lebt nur zweimal“ nach Japan entsandt, das damals schon auf dem Weg zu einer Wirtschaftsmacht war. Bond fragte „M“ nach dem Namen des dortigen Geheimdienstes, und „M“ antwortete: „Some unpronounceable japanese rubbish“ - „Irgendein unaussprechlicher japanischer Müll“. Auch die westliche Protestkultur der späten sechziger Jahre erreichte Bond nur in Gestalt erhöhter Promiskuität. Politisch reagierte er allenfalls punktuell. Als sich Charles de Gaulle gegen den britischen Beitritt zur damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stemmte, bezwang Bond in „Thunderball“ einen französischen Gegner und warf ihm am Grab lässig ein paar Blumen hinterher.

          Gerade weil Bond zeitlos und unverrückbar erschien, begannen die Briten irgendwann, auf jeden Millimeter Veränderung zu achten. So wurde Bond auch zum Notar, in guten Momenten sogar zum Seismographen gesellschaftlicher und politischer Umbrüche. Als er 1987 in „Der Hauch des Todes“ (vorübergehend) dem schnellen Sex entsagte, begannen die letzten Zweifler über die Liebe in Zeiten von Aids nachzudenken. Und als er im selben Film mit einer schönen Tschechin auf ihrem Cello-Koffer durch den verschneiten eisernen Vorhang glitt, bereitete er die Briten frühzeitig auf das Ende der Nachkriegsordnung vor.

          Zuletzt übertrieb er es dann mit der Anpassung, aber auch darin blieb er Repräsentant seines Volkes. Der harmlose Rassismus der frühen siebziger Jahre - „ein Haufen italienischer Taugenichtse, die sich den Tag mit Spaghetti-Bergen und dem Ausschütten von Parfum über die eigene Person vertrieben“ („Diamantenfieber“) - fiel der politischen Korrektheit zum Opfer, die bald das ganze Land erfasste. In der Gestalt Brosnans näherte er sich zunächst dem metrosexuellen Leitbild, im Körper Craigs dann dem humorfreien Actionhelden, der zwar mit Pumpguns hantiert, aber zu gesundheitsbewusst ist, um noch zu rauchen.

          Es ist vermutlich kein Zufall, dass Bond sich jetzt in einem Film zurückmeldet, der mit der Suche nach ihm beginnt. Auch sein Titel - „Skyfall“ - ist ungewollt subtil gewählt: Bond, der in seinem Metier war, wenn er über den Dingen schwebte, ist vom Himmel herabgestiegen und ein schwitzender, leidender Mensch geworden. Miss Moneypenny könnte ihm die Ruhestandsurkunde aushändigen, aber nicht nur die Briten wollen diesen Augenblick nie erleben.

          Weitere Themen

          CDU in Hamburg nur noch auf Platz 3 Video-Seite öffnen

          Drohendes Wahldebakel : CDU in Hamburg nur noch auf Platz 3

          Der Hamburger CDU-Spitzenkandidat Marcus Weinberg hat es schwer, die rotgrüne Koalition mit einem inhaltlichen Wahlkampf in Bedrängnis zu bringen. Aktuelle Umfragen sehen seine Partei nur noch auf dem dritten Platz in der Hansestadt

          Topmeldungen

          Ein türkischer Militärkonvoi inmitten von Fahrzeugen flüchtender Zivilisten im Norden der Provinz Idlib.

          Assads Vormarsch in Idlib : Geschichten der Ohnmacht

          Die syrischen Truppen rücken in Idlib ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung vor. Die Türkei hält mit Unterstützung für die Rebellen dagegen – aber nur, solange das Moskau nicht zu sehr verärgert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.