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James Bond : Der ideale Brite

Bond verteidigte den libertinären Westen gegen den lustfeindlichen Ostblock, aber mehr noch die staatlich organisierte Welt gegen machtbesessene Psychopathen. Wenn der Premierminister besorgt beim Geheimdienstchef „M“ anrief, wurde 007 nicht nur zur Rettung des Königreichs in die Welt geschickt. Auf dem Höhepunkt amerikanischer Machtentfaltung versicherte Bond den zurückgebliebenen Briten auch, dass die Goldvorräte von Fort Knox noch immer im holzvertäfelten Kaminzimmer des MI6 gerettet werden.

Streitig gemacht wurde den Vereinigten Staaten nicht nur ihre politische Macht, sondern auch ihre Definitionshohheit über den Kapitalismus. Nirgendwo war die westliche Warenwelt mit so viel Kultur verbunden wie bei 007. Bei ihm roch sie nicht nach Kommerz, gar nach Entfremdung, sie diente vielmehr der Vervollkommnung des modernen Gentleman. Bond war stilsicherer gekleidet als seine Gegner, verfügte über die überlegene Technik, kannte die edleren Wein- und Champagnerjahrgänge. Die profane, billige, ja dunkle Seite der Moderne hielt Bond auf Abstand. Nie sah man ihn ein Flugticket buchen oder eine Gehaltsabrechnung überprüfen, und wenn er einmal überarbeitet war, konsultierte er keinen Seelendoktor, sondern fand eine Schönheit am Pool, die ihn genüsslich fitmassierte.

Zeitlos und unverrückbar

Einige Jahre ließ der Geheimagent die Veränderungen in der Welt an sich abtropfen. 1967 wurde er in „Man lebt nur zweimal“ nach Japan entsandt, das damals schon auf dem Weg zu einer Wirtschaftsmacht war. Bond fragte „M“ nach dem Namen des dortigen Geheimdienstes, und „M“ antwortete: „Some unpronounceable japanese rubbish“ - „Irgendein unaussprechlicher japanischer Müll“. Auch die westliche Protestkultur der späten sechziger Jahre erreichte Bond nur in Gestalt erhöhter Promiskuität. Politisch reagierte er allenfalls punktuell. Als sich Charles de Gaulle gegen den britischen Beitritt zur damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft stemmte, bezwang Bond in „Thunderball“ einen französischen Gegner und warf ihm am Grab lässig ein paar Blumen hinterher.

Gerade weil Bond zeitlos und unverrückbar erschien, begannen die Briten irgendwann, auf jeden Millimeter Veränderung zu achten. So wurde Bond auch zum Notar, in guten Momenten sogar zum Seismographen gesellschaftlicher und politischer Umbrüche. Als er 1987 in „Der Hauch des Todes“ (vorübergehend) dem schnellen Sex entsagte, begannen die letzten Zweifler über die Liebe in Zeiten von Aids nachzudenken. Und als er im selben Film mit einer schönen Tschechin auf ihrem Cello-Koffer durch den verschneiten eisernen Vorhang glitt, bereitete er die Briten frühzeitig auf das Ende der Nachkriegsordnung vor.

Zuletzt übertrieb er es dann mit der Anpassung, aber auch darin blieb er Repräsentant seines Volkes. Der harmlose Rassismus der frühen siebziger Jahre - „ein Haufen italienischer Taugenichtse, die sich den Tag mit Spaghetti-Bergen und dem Ausschütten von Parfum über die eigene Person vertrieben“ („Diamantenfieber“) - fiel der politischen Korrektheit zum Opfer, die bald das ganze Land erfasste. In der Gestalt Brosnans näherte er sich zunächst dem metrosexuellen Leitbild, im Körper Craigs dann dem humorfreien Actionhelden, der zwar mit Pumpguns hantiert, aber zu gesundheitsbewusst ist, um noch zu rauchen.

Es ist vermutlich kein Zufall, dass Bond sich jetzt in einem Film zurückmeldet, der mit der Suche nach ihm beginnt. Auch sein Titel - „Skyfall“ - ist ungewollt subtil gewählt: Bond, der in seinem Metier war, wenn er über den Dingen schwebte, ist vom Himmel herabgestiegen und ein schwitzender, leidender Mensch geworden. Miss Moneypenny könnte ihm die Ruhestandsurkunde aushändigen, aber nicht nur die Briten wollen diesen Augenblick nie erleben.

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