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: Jagd auf die "Dresden"

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Die Frage ist", sagt Manfred "Manne" Bögl, warum die S.M.S. Dresden an diesem 8. Dezember des Jahres 1914 von der Schlacht bei Falkland abgezogen wurde. "Wo doch", fügt er hinzu, um das Rätsel geheimnisvoller zu machen, "Admiral ...

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          Die Frage ist", sagt Manfred "Manne" Bögl, warum die S.M.S. Dresden an diesem 8. Dezember des Jahres 1914 von der Schlacht bei Falkland abgezogen wurde. "Wo doch", fügt er hinzu, um das Rätsel geheimnisvoller zu machen, "Admiral Graf Maximilian von Spee lieber mit Mann und Maus unterging, als sich zu ergeben".

          Manfred Bögls Haar ist so weiß wie der Schnee auf dem Vulkan des Osorno, dessen Ausläufer vor seiner Haustüre endet. Er spricht spanisch, die Sprache, die der Vater ihm einst verbot. Seine Stimme ist klar und ruhig, manchmal setzt sie freundliche kleine Pausen, wie sie einer großen Geschichte geschuldet sind.

          Wir sitzen in Manfred Bögls Wochenendhäuschen am Llanquihue-See im Süden Chiles. Die einfachen Friedhöfe in der Umgebung sind voll mit Namen der deutschen Siedler, die das Gebiet fruchtbar gemacht haben, Klenner, Raddatz, Stange, Vyhmeister, Kinzel, Schwerter. Auf dem Weg hierher wird in einfachen hölzernen Bauernhäusern "Kuchen" angeboten - Apfelkuchen, Erdbeerkuchen, Birnenkuchen, Himbeerkuchen, als wäre ihr kulinarisches Erbe das Einzige, was übrig geblieben ist vom Stolz der deutschen Eroberer Patagoniens.

          Manfred Bögl erzählt so umsichtig und sorgfältig, wie man einen kostbaren Schatz hütet. Eine unergründliche Energie bringt ihn von jeder Abschweifung sicher zurück in den Strom seiner Erzählung. Sie hätte unter anderen Umständen den Stoff für einen Heldenmythos liefern können. Oder wenigstens für einen Hollywoodfilm. Unter den tatsächlichen Umständen enthält sie die Niederlagen von Menschen, die von der Weltgeschichte immer wieder auf dem falschen Fuß und auf der falschen Seite erwischt wurden. Der Schatz, den Bögl hütet, ist sein eigenes Leben.

          Aus Angst, ihren grünen, unbewohnten Süden an räuberische Nachbarn zu verlieren, hatte die Regierung Chiles Mitte des 19. Jahrhunderts in deutschen Landen Werbung gemacht für die Besiedlung Patagoniens, "das Kalifornien des Südens". Gegen 10 000 Deutsche wagten in den nächsten 50 Jahren die Fahrt ums Kap Hoorn, rodeten den Urwald, teilten sich streng in katholische und protestantische Kirchgänger und begründeten rings um den See von Llanquihue eine Landwirtschaft, die das Land bis heute mit Milch versorgt.

          Die Aufzeichnungen eines deutschen Pfarrers machen die Nöte der ersten Jahre deutlich.

          - Mit dem Fest am 12. Februar 1853 war nicht viel los. Den Soldaten sah man die Läuse auf den Kleidern laufen.

          - Carl G. Raddatz, Sohn von Jakob, starb früh, erkältet durch Betrunkenheit.

          - Epples Tochter, 18 Jahre alt, wurde geschändet und ermordet.

          - Auf Nettelshof und der Frau von Norbert Bohles Briefe hin kamen die anderen Westfalen nach. Letztere schrieb, es gebe hier Südfrüchte, und der Hafer wachse über Mannshöhe. Später von ihrem Bruder Fritz Schwerfer zur Rede gestellt wegen solcher Übertreibungen, antwortete sie: Ja, meinst du denn, ich wollte hier allein sein?

          Puerto Montt, damals Melipulli geheißen, der Ausgangspunkt der deutschen Besiedlung, ist heute eine hässliche Hafenstadt. Dort bestellte der Reisende in einem netten Lokal namens "Dresden" einen Apfelkuchen. Der Speisekarte ist zu entnehmen, dass der Name des Lokals einem gleichnamigen deutschen Kriegsschiff zu verdanken war, das sich während des Ersten Weltkrieges vor der nicht allzu fernen Inselgruppe Juan Fernández, der berühmten "Robinson"-Insel, selber versenkt hatte. Wie aber kam ein deutsches Kriegsschiff dazu, sich fern der Heimat selber auf Grund zu schießen?

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