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: Jagd auf die "Dresden"

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Dann macht er einen Kaffee.

Deutsch sei man gewesen, sagt „Manne“ Bögl, deutsch habe man sich gefühlt, und nur deshalb sei der Vater stundenlang unter dem Dach vor dem Radio gesessen, als der Zweite Weltkrieg begonnen hatte, und nicht, weil er ein Freund der Nazis gewesen war. Und deshalb habe der Vater seine Pistole mitgenommen, als er jenen Mann besuchte, welcher in Puerto Varas eine schwarze Liste der Nazifreunde erstellte. Als er zurückkam, war er von der Liste gestrichen. Jene, die darauf waren, wurden in die Wüste deportiert.

Der Vater erlebte noch die nächste Katastrophe, Anfang der siebziger Jahre, das Land von der Agrarreform der Sozialisten bedroht, das Geld von der Inflation, Straßenkämpfe, Terroranschläge. Das war die Zeit, als das Band zur alten Heimat endgültig zerriss. Weil man in Deutschland nicht verstehen konnte, wieso die Kinder der Auswanderer einen brutalen Putsch begrüßten und einen Diktator hochleben ließen, der an eine Geschichte erinnerte, die sich nie mehr wiederholen sollte.

Das war damals, als die Alemanes von Puerto Varas begannen, alleine zu bleiben mit ihren Geschichten, und als sie begannen, Kuchen zu backen für die Besucher.

Mit dem Abstand, die er zu seiner Geschichte gefunden hat, sagt jetzt Manfred Bögl: „Beide waren Extremisten. Der Sozialist bedrohte das Eigentum, Pinochet wusste nicht, was Menschenrechte sind.“Seine Kinder, meint er, fühlten sich als Chilenen und heirateten, wen immer sie wollten.

Glücklicherweise, brummt er.

Nur leider, beklagt er sich, werde kaum noch deutsch gesprochen in Puerto Varas. Gerade noch eine Stunde in der alten Muttersprache leistet sich das lokale Radio, jeden Sonntagmorgen. Manfred „Manne“ Bögl verpasst keine einzige Sendung.

Der Reisende fährt zurück nach Puerto Varas, wo Haydee kocht, Lamm mit Algen, ein Rezept ihrer indianischen Vorfahren. Sie erzählt von ihren sozialen Arbeiten in der katholischen Kirche von Puerto Varas, wo auf dem Taufbecken immer noch der Bronzedeckel ruht, den August Bögl in Kriegsgefangenschaft geschmiedet hat. Manchmal begegnet sie den Nonnen, die sie gezwungen haben, sich vor allen Deutschen zu verneigen, alt und gebückt sind die Frauen jetzt. Manchmal gelingt es ihr, ihnen zu verzeihen, und manchmal gelingt es ihr nicht.

Er hat noch Zeit, so trifft der Reisende am nächsten Tag den kleinen Mann mit dem weißen Bart und den listigen Augen, der jeden Sonntagmorgen eine Radiosendung auf Deutsch gestaltet. Wolf-Dieter Heim ist ein Nachkomme jener 427 Zillertaler, die im Jahr 1837 wegen ihres protestantischen Glaubens aus Tirol vertrieben wurden, zuerst nach Schlesien, dann nach Chile ausgewandert waren. Während des Ersten Weltkriegs half seine Familie mit, die „Dresden“ zu verstecken und die Mannschaft mit Lebensmitteln zu versorgen. Das war, sagt der freundliche alte Mann, der Grund dafür, dass sein Vater beim nächsten Krieg auf die schwarze Liste der Nazifreunde kam und zusammen mit vielen andern Deutschstämmigen in die Wüste deportiert wurde. Wolf-Dieter Heim studierte Philosophie, an der Universität in der Hauptstadt Santiago war er ein glühender Anhänger des sozialistischen Präsidenten Salvador Allendes. Dann putschte das Militär unter General Augusto Pinochet, Heim suchte Schutz in der deutschen Botschaft, und bis heute fragt er sich, warum er damals, in Todesgefahr, weggewiesen wurde.

Heim gelang trotzdem die Flucht nach Deutschland, dort blieb er, bis ihn das Heimweh zurücktrieb und er als Lehrer Arbeit fand. Darüber spricht er nicht in seiner Radio-Sendung. Er erinnert an die harten Zeiten der Einwanderer, ruft Geburtstage aus, lobt die Verstorbenen und leistet seinen Beitrag, um im Süden Chiles die deutsche Sprache am Leben zu erhalten. Der Reisende fragt, ob die Wunden verheilt seien? Nein, antwortet er, die Wunden heilen nicht.

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