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: Jagd auf die "Dresden"

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Auf der Insel, wo er in Kriegsgefangenschaft sitzt, macht sich August Bögl als Schmied einen Namen, 1915. Für die deutschen Siedler Patagoniens wird es zum Vergnügen, am Wochenende zu ihren Landsleuten hinauszusegeln. Die katholischen Kirchgänger von Puerto Varas bitten Bögl um einen Bronzedeckel für den Taufstein aus italienischem Marmor, den sie eben als Spende erhalten haben. August Bögl hämmert eine Blume in den Deckel, und als er nach dem Krieg als freier Mann eingeladen wird, sein Werk in der Kirche von Puerto Varas zu besichtigen, beschließt er, in Chile zu bleiben. Bögl gründet eine Familie, verbietet den Kindern, zu Hause spanisch zu sprechen. An den Wänden hängen die Mahnsprüche der Kaiserzeit: Frohes Schaffen, treues Lieben / ist das Beste stets geblieben. August Bögl stirbt am 21. Dezember 1976, geehrt als Gründungsmitglied der Feuerwehr von Puerto Varas, des polyphonen Gesangvereins, als Erbauer mehrerer Schiffe, die auf den Seen der Umgebung ihren Dienst tun. Im Nachruf lobt die lokale Zeitung Augusto Boegl als einen der wenigen Deutschen, die zu Beginn des Zweiten Weltkrieges nicht auf die schwarze Liste der Nazi-Anhänger kamen.

Es war die Krankheit, für jede Geschichte ein gutes Ende, einen versöhnlichen Abschluss zu finden, die den Reisenden dazu trieb, den Sohn des Oberheizers August Bögl aufzusuchen, Manfred Bögl, genannt „Manne“. In der alten Werkstatt war er nicht, die Tochter wies den Weg zu seinem Wochenendhäuschen hinaus an den Fuß der schneebedeckten Vulkane, am See entlang und den grünen Wiesen, welche die Siedler dem Wald abgerungen hatten, vorbei an den Angeboten verlockender Süßigkeiten. Im Haus am See hängen die Sinnsprüche, die der Vater hinterlassen hat, in Holz geschnitzt, auf Teller gemalt. „Wer nicht kann wie er will, muss wollen wie er kann.“ Oder: „Erst wenn du in der Fremde bist, weißt du, wie schön die Heimat ist.“ Auch ein großes Bild der „Dresden“ hängt in der Stube, wie sie mit rauchenden Kaminen in einer Bucht in Feuerland vor Anker liegt.

Manfred Bögl, ein rüstiger Mann, empfängt so gastfreundlich, wie man es den Bewohnern Patagoniens nachsagt. Er erzählt auch schnell seine Geschichte. „Die Frage ist“, sagt Manfred, „Manne“, Bögl, warum die S.M.S. Dresden an diesem 8. Dezember des Jahres 1914 von der Schlacht bei Falkland abgezogen wurde? „Wo doch“, fügt er hinzu, „Admiral Graf Maximilian von Spree lieber mit Mann und Maus unterging, als sich zu ergeben.“

Er breitet die Arme aus. „Das ist leicht zu beantworten“, fährt er fort, „wenn man sich daran erinnert, woher die ,Dresden' kam. Sie hatte in Mexiko den Präsidenten an Bord genommen, auf der Flucht vor Pancho Villa. Der hatte all sein Gold dabei, den Schmuck und die Wertsachen der Reichen. Mein Vater hat es mir oft genug erzählt; er hat ja selber geholfen, die Kisten zu tragen. Und er war immer überzeugt, nur diesem Umstand das Leben zu verdanken: dass sein Schiff in Sicherheit beordert wurde, um den mexikanischen Schatz zu retten.“

Es tun sich neue Fragen auf, die Manfred Bögl, der geübte Erzähler, aber rasch zerstreut. „Es heißt“, weiß er, „dreißig Jahre nach der Selbstversenkung der ,Dresden' seien die Russen gekommen, um den Schatz zu heben. Ein anderes Gerücht besagt, Wilhelm Canaris, Offizier auf der ,Dresden', später Hitlers unglücklicher Admiral, sei in der Zwischenzeit zurückgekommen, um das Gold zu holen. Jedenfalls“, schloss er, „ist das Gold weg.“

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