https://www.faz.net/-gpf-6si0q

: Jagd auf die "Dresden"

  • Aktualisiert am

Es war ein Zufall, dass der Reisende, nachdem er im Café "Dresden" einen Apfelstrudel gegessen hatte, auf einen Menschen traf, der ihm die Geschichte des versunkenen Schiffs genauestens bestätigen konnte. Matthias, Meeresbiologe aus dem Norden Deutschlands, hatte einen Tauchroboter gebaut, um die Schäden zu dokumentieren, welche die zahllosen Lachsfarmen, die in jüngster Zeit in den Fjorden Patagoniens entstanden sind, auf dem Meeresboden hinterlassen. Vor wenigen Jahren hatte er die chilenische Inselgruppe besucht, Juan Fernández, wo die Hoffnungen des deutschen Kaiserreichs auf die Vorherrschaft im Pazifik auf Grund gelaufen waren. Schon sieben Taucher, hatte er erfahren, waren beim Versuch gestorben, zum Wrack der "Dresden" vorzustoßen. Er hatte sich keinem Risiko ausgesetzt, seinen Tauchroboter stattdessen gesandt, der ihm die filmische Bestätigung der historischen Aussagen lieferte: Die Luken standen offen, ein Loch klaffte dort, wo die Besatzung die Munitionskammer in die Luft gesprengt hatte.

Matthias ist in Puerto Varas zu Hause, einem Städtchen am Llanquihue-See, dem Herzen der deutschen Einwanderung, heute das touristische Zentrum auf der chilenischen Seite Patagoniens. Es ist voller schöner alter Holzhäuser, welche die Erbauer an die verlassene Heimat erinnert und ihren Anspruch auf die neue gefestigt hatten. Die Hälfte dieser Häuser sind nun Gasthäuser oder Pensionen, in denen es "Kuchen" zu essen gibt, in der andern Hälfte werden Ausflüge ins Binnenland angepriesen, zu Pferd, per Boot oder Fahrrad, durch wilde Flüsse, einsame Täler, jungfräuliche Wälder.

Matthias' Frau Haydee ist in Puerto Varas aufgewachsen, dem Städtchen der Deutschen. Das war, wie sie bei einem Nachtessen erzählte, eine traumatische Erfahrung. An diesem Abend begann der Reisende zu ahnen, dass er in eine gefährliche Gegend geraten war, voller unerledigter Geschichten, wo er jederzeit als Geisel genommen wurde, um sich die eine oder andere Version anzuhören.

Los Alemanes, erzählt Haydee, sprachen, wenn sie unter sich waren, nur in ihrer Sprache, und selten vermischten sie sich mit den Einheimischen, die von der Insel Chiloé aufs Festland zogen, um für die Siedler zu arbeiten. Haydees Mutter war eine Ausnahme, sie tat sich mit einem Mann aus dem Geschlecht der Lüttecke zusammen. Damit die Einwilligung zur Heirat gegeben wurde, musste sie aber zuerst den indianischen Namen ihrer Großmutter aus dem Taufschein streichen und einen Doppelnamen eintragen, wie er üblicherweise für unehelich geborene Kinder verwendet wurde. Der deutschen Verwandtschaft war es lieber, ein uneheliches Kind in der Sippe zu haben als einen Namen, der auf eine indianische Abstammung hinwies. „Ich will gar nicht alles erzählen“, sagte Haydee, „ich will niemanden traurig machen.“

Ihre Eltern starben jung, Haydee wurde in einem Waisenhaus von Schwestern des Ordens der christlichen Liebe unterrichtet, lernte, sich vor den deutschen Kirchgängern zu verbeugen. Sie floh das Städtchen, als sie alt genug war, im tiefsten Süden an der Magellanstraße lernte sie ihren Mann Matthias kennen, einen Deutschen aus Bremen. Das sei, sagte sie, nicht das Gleiche wie ein Alemán aus Puerto Varas. Und was war aus den Kriegsgefangenen der „Dresden“ geworden? Mindestens einer, wusste Matthias, sei in Puerto Varas geblieben, dessen Sohn, mittlerweile auch schon über siebzig, betreue noch immer die Werkstatt seines Vaters. Bögl sei sein Name.

Weitere Themen

Carrie Lam bricht Rede ab Video-Seite öffnen

Chaos im Stadtparlament : Carrie Lam bricht Rede ab

Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam hat eine Regierungserklärung im Stadtparlament inmitten chaotischer Szenen abbrechen müssen. Pro-demokratische Abgeordnete störten den Auftritt mit lauten Zwischenrufen.

Sarah war im Krieg

FAZ Plus Artikel: Prozess für IS-Rückkehrerin : Sarah war im Krieg

Sie lebte im beschaulichen Konstanz und war eine gute Schülerin. Dann machte sich die 15 Jahre alte Gymnasiastin auf den Weg zum „Islamischen Staat“ in Syrien – nun steht sie vor Gericht.

Topmeldungen

Demokraten-Debatte : Angriff auf Warren

Bei der vierten Fernsehdebatte der Demokraten zeigte sich, dass Joe Biden nicht mehr der einzige Favorit ist, an dem sich alle abarbeiten. Diesmal musste Elizabeth Warren die meisten Angriffe parieren. Und Bernie Sanders musste sich nach seinem Herzinfarkt Fragen zu seiner Gesundheit gefallen lassen.
Ein Messschlauch eines Geräts zur Abgasuntersuchung für Dieselmotoren steckt im Auspuffrohr eines VW Golf.

Diesel-Skandal : Australischer Richter findet Einigung „unverschämt“

Dass Volkswagen in der Diesel-Affäre einen Kompromiss mit der australischen Wettbewerbsbehörde geschlossen hat, regt den Richter auf. Das VW-Management wolle seine Hände in Unschuld waschen. „Ein Fiasko für die Unternehmensaufsicht.“

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.