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Jade-Weser-Port in Wilhelmshaven : Hundert Jahre Einsamkeit

„Da bekommt jedes Schiff feuchte Bullaugen“: Mit dem Slogan war der Hafen nach der Eröffnung beworben worden. Heute legen zwei Schiffe pro Woche an. Bild: dapd

In Wilhelmshaven liegt Deutschlands einziger Tiefwasserhafen. Eine Milliarde Euro hat er gekostet. Aber wo sind die Schiffe?

          Am Voslapper Deich beginnt die Stille. Denn da liegt der Jade-Weser-Port, Deutschlands einziger Tiefwasserhafen, Deutschlands einziger Hafen ohne Schiffe. Warum das so ist? Kurz gesagt: Der Hafen hat ein Henne-Ei-Problem, also ein Schiff-Container-Problem. Es kommen keine Schiffe, weil es keine Container im Hafen gibt. Und es gibt keine Container, weil keine Schiffe kommen. Und weil sowohl Schiffe als auch Container fehlen, kommen auch keine Firmen. Und so weiter, und so weiter.

          Philip Eppelsheim

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Deshalb ist die Stimmung am Voslapper Deich nun so wie in der Fernsehserie „The Walking Dead“ - zwar ohne Zombies, aber doch postapokalyptisch. Es ist einsam und still, kein Mensch ist zu sehen, keine Maschine zu hören. Ein ganz normaler Tag. Nur der Wind pfeift. Hinterm Deich erstreckt sich eine Brachfläche bis zur Hafenanlage. Sand, Gras und Schafskot, leere Straßen, die die Brache durchschneiden. Das ist das Logistikzentrum des Hafens, vom niedersächsischen Wirtschaftsministerium angepriesen als „eine in Nordeuropa einzigartig große und zusammenhängende Fläche“. 160 Hektar mit „optimalen Standortbedingungen“. Manchmal lassen die Wilhelmshavener dort Drachen steigen.

          Nur eine einzige Halle steht herum. Sie gehört Nordfrost. 46 Millionen Euro hat sich das Unternehmen den Bau kosten lassen. Nordfrost-Chef Horst Bartels sagte in der Vergangenheit Sätze wie diese: „Was wollen wir mit einem Hafen, der nicht lebt. Dann hätten wir lieber den Strand dort erhalten sollen.“ - „Wenn ich rumlaufe und aus dem Fenster gucke, dann habe ich den Hafen der schönen Aussicht. Ich sehe leere Container an der Kaikante stehen.“ - „Seit Eröffnung des Hafens hier in Wilhelmshaven sind sage und schreibe im Durchschnitt pro Monat drei Container über die Kaikante gegangen.“ Das ein oder andere mag etwas übertrieben sein, aber Zufriedenheit klingt anders.

          Bilderstrecke

          Die Hafenanlage liegt hinter einem Zaun. Verwaiste Gebäude für Zoll und Veterinäramt, das Terminalhaus, ein Bürogebäude. Es trägt den schillernden Namen „Pacific One“. Auch einige Container stehen am Hafen rum, und an der Kaimauer ragen acht riesige Containerbrücken in den Himmel. Meistens stehen sie still, hin und wieder werden sie bewegt, damit sie nicht einrosten.

          Dabei sollte alles ganz anders werden. Die Planungen für den Hafen begannen vor mehr als zwanzig Jahren. Überall gingen sogenannte Experten davon aus, dass immer mehr Schiffe mit immer mehr Containern über die Weltmeere schippern würden, dass die Kapazitäten der anderen Häfen bald nicht mehr ausreichen würden. Findige Wilhelmshavener dachten sich, dass sie davon profitieren könnten. Ein Hafen musste her, gebaut für die größten Schiffe. Sie begeisterten Frank-Walter Steinmeier für ihre Pläne, der damals Leiter des persönlichen Büros des niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Schröder war. So fing es an.

          Vor zwölf Jahren unterzeichneten Niedersachsen und Bremen die Grundsatzerklärung über den Jade-Weser-Port. Bremens Senatspräsident Henning Scherf nannte den Hafen ein „Jahrhundertprojekt“. Der damalige niedersächsische Ministerpräsident Sigmar Gabriel sprach von einem „historischen Durchbruch für Norddeutschland“. Mit dem Hafen hole man „Tausende Arbeitsplätze an die niedersächsische Küste“ und außerdem spare man „dem Steuerzahler viele Millionen“. Der Bau, so Gabriel, werde im Jahr 2005 beginnen. Und Niedersachsens Wirtschaftsministerin Susanne Knorre prophezeite, dass der Hafen „am Ende dieses Jahrzehnts“ (also 2010) „mitten im Wettbewerb mit den größten Logistikdrehscheiben der Welt stehen“ werde.

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