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Italien nach Berlusconi : Tolle Tage am Tiber

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Hat fertig: Silvio Berlusconi am Samstag im italienischen Parlament

Hat fertig: Silvio Berlusconi am Samstag im italienischen Parlament Bild: AFP

In die Freude vieler Italiener darüber, dass Berlusconi nicht länger Ministerpräsident ist, mischen sich kritische Stimmen: Was wird aus dem Land? Wer wird es führen?

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          Am Samstag feiern vor dem Präsidentenpalast in Rom einige tausend Menschen das Ende der Ära des Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, schimpfen diesen einen „Hanswurst“ und einen „Mafioso“. Andere sind mit Hausorchester und Sängern gekommen, die Händels „Halleluja“ anstimmen. Italiens Hymne symbolisiert danach überparteilichen Jubel.

          Der Samstag war für Berlusconi der 3336. und, zumindest vorerst, letzte Tag im Amt; Giulio Andreotti von der Democrazia Cristiana (DC), der vor Berlusconi am längsten regiert hatte, war nur 2679 Tage Ministerpräsident. In den vergangenen Tagen sahen die Italiener Berlusconi mit müdem, wie zur Maske erstarrten Gesicht - im Parlament, vor dem Mittagessen mit seinem designierten Nachfolger, dem früheren EU-Kommissar Mario Monti, im Wagen auf der Fahrt zu Staatspräsident Giorgio Napolitano. Um kurz vor zehn am Samstagabend sagt dann der Generaldirektor im Quirinal, Berlusconi habe dem Präsidenten die Verabschiedung der Gesetze zu Stabilisierung und Entschuldung Italiens in Senat und Abgeordnetenhaus gemeldet sowie „um Demission gebeten“. Sie wird angenommen.

          Vor dem Präsidentenpalast mischen sich auch kritische Stimmen in den Jubel. „Jetzt übernimmt die EU die Macht und Italien verliert seine Würde“, sagt ein Mann mit Schnauzbart. „Es kann gar nicht schlimmer kommen“, widerspricht ihm eine Frau in roter Jacke. Er sei ja auch für Berlusconis Abgang, verteidigt sich der Schnauzbärtige: „Aber wir haben doch Parteien und Politiker und eine lebendige Demokratie...“ Da fällt ihm die Frau ins Wort: „ ...die total versagt haben“. Sie erinnert daran, wie sich Berlusconi „mit Taktik und Geld über Wasser gehalten“ habe. Ihre letzten Worte werden von Pfiffen übertönt: Berlusconis Limousine verlässt in diesem Moment den Präsidentenpalast.

          Ungeachtet der unterschiedlichen Sichtweisen ist hier allen bewusst, dass es ein historischer Tag für Italien ist. Silvio Berlusconi, der Bau- und Medienunternehmer, prägte die sogenannte „zweite Republik“, die Mitte der neunziger Jahre aus dem Zerfall Nachkriegsitaliens erwuchs. Damals wurde mit den Prozessen der „mani pulite“ (saubere Hände) eine ganze politische Elite, vornehmlich aus der damals untergehenden DC, ausgelöscht. Ähnlich geschmäht wie jetzt Berlusconi von seinen Gegnern in Rom wurde damals auch der Chef der Sozialistischen Partei, Bettino Craxi - als dieser im April 1993 ein Hotel verließ, wurde er von Parteigängern der Kommunisten mit Münzen beworfen, was die Korruptionsvorwürfe symbolisieren sollte. Der Staatsanwalt Antonio Di Pietro wies dem früheren Ministerpräsidenten damals Schmiergeldzahlungen nach. Craxi starb 2000 im tunesischen Exil - nun sehen manche den 75 Jahre alten Berlusconi, gegen den etliche Verfahren anhängig sind, ähnlich enden. Di Pietro führt mittlerweile die Gruppe „Italien der Werte“ und ist kein Freund der jetzt wohl kommenden Regierung aus Technokraten; er fordert, dass schon jetzt ihr letzter Tag und der Termin für Neuwahlen bestimmt werden.

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