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Italien : Es kommt wohl wieder ein Boot an (zweiter Teil)

Sorgenvoll: Den Flüchtlingen droht die Abschiebung Bild: AP

          4 Min.

          Am nächsten Morgen wird eine Gruppe von der Insel weggebracht. Es sind 220 junge Männer, die drei Tage zuvor auf Lampedusa angekommen waren. Sie behaupteten, sie kämen aus Palästina. Wurden aber für Tunesier oder Marokkaner gehalten, einige auch für Bangladesher. Nun bringt man sie nach Agrigento, denn von dort aus wird abgeschoben.

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          Es sind in diesen Tagen so viele, daß sie nicht mehr alle nach Sizilien geflogen werden können. So müssen sie auf die reguläre Fähre, gemeinsam mit Touristen und Transportern. Die Fähre ist schon längst fertig beladen, als Polizeiwagen vorfahren. Carabinieri heißen die Männer aussteigen, sich in Reih und Glied sortieren, hinhocken, aufstehen, weitergehen, warten, weitergehen, setzen.

          Von Polizisten zur Toilette begleitet

          Die Männer tragen jetzt alle beigefarbene Polohemden, saubere Hosen, Schuhe ohne Schnürsenkel, eine Flasche Wasser, einen Plastikbeutel Reiseproviant mit dem Kreuz der Bruderschaft darauf. Ein Passagier an der Reling markiert mit den Armen ein Gewehr, schießt imaginär hinunter in die ordentlich aufgereihte Gruppe. Neben ihm eine Frau, empört. Sie weist ihn zurecht, die beiden streiten. Die Carabinieri bringen währenddessen die Männer aufs Schiff, hoch auf das höchste Sonnendeck, stehen rechts und links von ihrem Weg.

          Bis zu 500.000 Flüchtlinge sollen jährlich nach Italien kommen
          Bis zu 500.000 Flüchtlinge sollen jährlich nach Italien kommen : Bild: ANSA

          Die Passagiere schauen, die Männer senken den Blick. Noch auf hoher See werden sie von zwei Polizisten unter Deck begleitet, wenn sie zur Toilette wollen. Von den Tausenden Einwanderern in Italien gehören sie zu denen, die Pech hatten: aufgegriffen wurden, abgeschoben werden. Durchschnittlich 14.000 illegale Einwanderer hielten Polizei und Grenzschutz in den vergangenen Jahren an den Küsten Süditaliens und der vorgelagerten Inseln auf; insgesamt aber wird geschätzt, daß 350.000 bis 500.000 Leute pro Jahr ins Land kommen.

          Warten auf die nächste Legalisierungsrunde

          Ihr Weg führt sie vielfach aus Ländern südlich der Sahara durch die Wüste - "mit 150 Leuten in einem Lastkraftwagen", berichtet einer. Siebenhundert Dollar zahlte er für die Passage. Dann verdiente er auf einer Farm in Libyen das Geld für die Überfahrt: Drei Monate schuften, dann ging es weiter, für nochmal zweitausend Dollar. Viele wandern von Italien weiter, nach Norden, in Länder, wo schon Freunde und Verwandte leben.

          Die Zahl der Ausweisungsbescheide liegt in Italien bei 44.000, doch davon wird nur ein kleiner, wenn auch wachsender Teil vollzogen. Wer irgendwie kann, bleibt hier und wartet auf die nächste Legalisierungsrunde. In den vergangenen zwanzig Jahren hat Italien sechs große Legalisierungsprogramme aufgelegt: nachträgliche Anerkennungen des Aufenthalts für Leute, die einen Arbeitsplatz nachweisen konnten. Zuletzt wurden 2002 fast 635.000 Anträge bewilligt.

          700 Euro Starthilfe für Asylbewerber

          Die Zahl der Asylbewerber sinkt dagegen ständig. Rund 15.600 Anträge wurden im Jahr 2000 gestellt, 2002 nur noch knapp die Hälfte. Das Asyl ist seit der Verabschiedung der Bossi-Fini-Gesetze im September 2002 kaum mehr ein Weg, in Italien bleiben, und ein äußerst unangenehmer dazu. Asylbewerber in Italien dürfen nicht arbeiten, erhalten aber auch kaum staatliche Leistungen.

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