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Italien : Die Mafia ist tot - es lebe die Mafia

  • -Aktualisiert am

Ein Bild aus vergangenen Mafiatagen Bild: dpa

Obwohl fast alle „historischen Führer“ der Mafia in Italien hinter Gittern sitzen, geht es der Verbrecherorganisation hervorragend.

          Jetzt sitzt auch Antonio Giuffré hinter Gittern. Seit einem Jahr verfolgte die Spezialeinheit für die Ergreifung von flüchtigen Mafiosi seine Spur und die Verhaftung des 57jährigen ist ein großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass dieser Mann, der in einem Schafstall unweit von Palermo aufgestöbert wurde, auf den offiziellen Listen die Nummer drei oder vier der Mafia ist.

          In der ärmlichen Hütte hatte Giuffré, dem seit einem Jagdunfall die rechte Hand fehlt und der über ein Vermögen von vielen Millionen Euro verfügt, kein Telefon, kein Radio und keinen Fernsehapparat, nur ein Feldbett, einen wackeligen Tisch, ein bisschen Käse, einen Laib Brot - und eine Plastiktüte mit etwa 200 Briefen und einer Reihe von Zettelchen. „Das Archiv der Mafia“, hieß es anfangs wahrscheinlich etwas hochtrabend, aber schon aus einer ersten flüchtigen Durchsicht geht hervor, dass Antonio Giuffré, gegen den 15 Haftbefehle ausgestellt worden waren, viele Fäden in der Hand hielt.

          Auf einem der letzten Blättchen steht zum Beispiel, dass bei bestimmten Bauaufträgen gewisse Firmen berücksichtigt werden müssen, die einem „Freund“ nahe stehen. Auf einem anderen schreibt einer der beiden Söhne an seinen flüchtigen Vater, dass es ihm gut gehe; und dann sind da noch die Ostergrüße von Bernardo Provenzano, dem „Boss der Bosse“, der nach Meinung der Ermittler heute die Mafia leitet und der seit 40 Jahren im Untergrund lebt.

          Drei Namen stehen auf der Fahndungsliste ganz oben

          Ganz oben auf der Liste der „flüchtigen Mafiabosse“ stehen jetzt noch drei Namen: Provenzano, Messina Denaro und Lo Piccolo. Die anderen, die jahrzehntelang die großen Geschäfte leiteten, Unsummen von Geld bewegten und über Leben und Tod entschieden, sitzen in den italienischen Gefängnissen: einige gelten als „reuig“, haben sich also offiziell von Cosa Nostra losgesagt und den Behörden ihr Wissen über die Organisation und die Verbrechen mitgeteilt, andere haben - zumindest bisher (siehe Link) - jegliche Zusammenarbeit mit dem Staat abgelehnt.

          Und trotzdem funktioniert die Mafia weiter - und zum Teil besser als je zuvor. Die sizilianische Verbrecherorganisation kontrolliert fast die gesamte Schutzgelderpressung; aber auch den Drogen- und den Waffenschmuggel, den neuen Sklavenhandel mit den Flüchtlingen aus der Dritten Welt und denen aus Krisengebieten, den Handel mit Giftmüll und mit geschützten Tierarten, die Vergabe von öffentlichen Aufträgen (vor allem in Bausektor). In vielen Bereichen arbeitet sie mittlerweile mit anderen internationalen Verbrecherorganisationen zusammen, sei es mit der russischen, der kolumbianischen, der chinesischen oder der japanischen Mafia; und die Beziehungen zu Börsenkreisen und Finanzgesellschaften rund um den Erdball sind ebenfalls dokumentiert. Der angehäufte Reichtum ist praktisch unendlich - allein Giuffré soll seinen Besitz auf über tausend Strohmänner verteilt haben.

          Die Mafia schweigt, es geht ihr gut

          „Wenn man von der Mafia nichts hört“, so sagt eine alte sizilianische Redensart, „dann geht es ihr gut - und wenn sie nicht morden muß, dann geht es ihr hervorragend“. Tatsächlich ist es um die Mafia relativ still geworden, nachdem sie vor genau zehn Jahren in zwei spektakulären Attentaten die beiden bekanntesten Anti-Mafia-Richter Giovanni Falcone und Paolo Borsellino und ihre Eskorten umbrachte. Die Experten sind sich einig, dass das damals ein Beweis für die Schwäche der Organisation war, die sich nicht anders zu helfen wusste, um sich aus der Umklammerung zu lösen. Vor allem, weil die beiden ermordeten Richter ein Netz von „Reuigen“ aufgebaut hatten, die zum ersten Mal Einblicke in die Struktur und die Arbeitsweise der Mafia ermöglichten. Doch danach wurde es wieder still - abgesehen von einigen verzweifelten Appellen der Staatsanwälte und Richter aus Palermo, die erklärten, der Staat habe sie allein gelassen und sei nicht wirklich an der Bekämpfung der Mafia interessiert.

          Auch politisch hat man ganz offensichtlich ein neues Gleichgewicht gefunden. Während früher Sizilien fast ausschließlich von der christdemokratischen Partei beherrscht wurde, hat jetzt - nach einigen Jahren der Unsicherheit - das Mitte-Rechts-Bündnis „Pol der Freiheit“ die fast uneingeschränkte politische Macht: Bei den letzten Parlamentswahlen wurden in Sizilien einzig und allein Abgeordnete gewählt, die diesen Parteien angehören.

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