Italien : Berlusconis Agonie
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Berlusconis wüstes Privatleben wird vor Gericht verhandelt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Berlusconi, der den Zenith seiner Laufbahn ohnehin überschritten hat, sich hauptsächlich aus privaten Gründen an seinem Amt festklammert. Das kann zu einer langen Agonie werden.
Die Karriere Silvio Berlusconis ist ein Phänomen: Als sich der erfolgreiche Unternehmer entschloss, 1994 in die Politik zu gehen, gelang es ihm in kurzer Zeit, aus den Scherben eines zerbrochenen Parteiensystems eine neue Mitte-Rechts-Allianz zu schmieden, die trotz vieler Krisen mehr als eineinhalb Jahrzehnte funktionierte. Als Reaktion darauf entstand ein Gegenpol in der linken Mitte; solange dessen Führungsfigur Romano Prodi hieß, hatte Italien ein vernünftig funktionierendes Zweiparteiensystem.
Der Politiker Berlusconi überstand unzählige Ermittlungsverfahren und einige Prozesse, die in seine Zeit als Unternehmer zurückreichten, glimpflich bis unbeschadet, obwohl ihm die italienischen Untersuchungsrichter stets auf den Fersen blieben. Mit einem Heer von Anwälten zu immensen Kosten ist er den verhassten „magistrati“ immer wieder entkommen. Deshalb ist es auch jetzt noch zu früh, um Berlusconi abzuschreiben.
„Bunga-Bunga“ ist in den europäischen Sprachgebrauch eingegangen
Der Unterschied zu früheren Verfahren besteht darin, dass es dieses Mal um Berlusconis turbulentes Privatleben geht. Wie es da aussieht, ist zum ersten Mal öffentlich breitgetreten worden, als seine Frau, die allerdings auch nicht der Inbegriff einer Madonna ist, in einem medienwirksamen Eklat die Scheidung einreichte. Schon damals war die Rede davon, dass der Ministerpräsident sich mit minderjährigen Mädchen vergnüge. Seit einigen Monaten gibt es darüber noch mehr zu erfahren, und das Wort „Bunga-Bunga“ ist in den europäischen Sprachgebrauch eingegangen.
Die Art und Weise, wie die Staatsanwälte Beweise über das wüste Treiben in Berlusconis „Villa Arcore“ gesammelt haben, entspricht allerdings auch nicht ganz den Vorstellungen von rechtsstaatlicher Korrektheit, die in nördlicheren Breiten vorherrschen. Jedenfalls liefert sie Berlusconis Anwälten genügend Kritikpunkte, um den Prozess, der jetzt eröffnet wird, durch Verfahrenstricks und Anfechtungen zu verzögern. Das alles wäre eine rein italienische Angelegenheit, wenn es nicht so wirkte, als sei das Regieren in einem wichtigen EU-Land zur Nebenbeschäftigung des Regierungschefs geworden. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Berlusconi, der mit 74 Jahren den Zenith seiner politischen Laufbahn ohnehin überschritten hat, sich hauptsächlich aus privaten Gründen an seinem Amt festklammert. Das kann zu einer langen Agonie werden.