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Istanbul : Undurchsichtige Transaktion

Die Suleymann-Moschee in Istanbul Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Weil die katholische Gemeinde ihm angeblich 6000 Euro schuldet, verkaufte ein Istanbuler Anwalt deren Pfarrgebäude im Wert von 15 Millionen Dollar für ein Zehntel dieses Betrags.

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          Der neue deutsche Pfarrer in Istanbul, Peter Wehr, ist zuversichtlich, daß seine Gemeinde die Immobilie zurückbekommt, die ein türkischer Rechtsanwalt in einer undurchsichtigen Transaktion an ein Bauunternehmen verkauft hat. Schnell müsse nun gehandelt werden, sagte Wehr nach dem Gottesdienst am Sonntag, der im bisherigen Versammlungsraum der Kirche stattgefunden hat. Denkbar wäre etwa eine Rückabwicklung des Vertrags, sagte der frühere Generalvikar des Erzbistums Berlin, der sein neues Amt eine Woche vor Weihnachten angetreten hatte. Er wies seine Gemeinde darauf hin, daß die Deutsche Bischofskonferenz alle gerichtlichen und außergerichtlichen Schritte gehen werde.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Eine Prüfung der Rechtmäßigkeit des Kaufvertrags soll ergeben, ob der Rechtsanwalt Mehmet Köksal, der bisher Vertrauensanwalt des deutschen Generalkonsulats in Istanbul war, den Besitz überhaupt hatte veräußern dürfen. Eine Rolle könnte zudem die Verhältnismäßigkeit spielen. Denn Köksal behauptet, die Gemeinde schulde ihm umgerechnet 6000 Euro. Dafür hat er die weitläufige Immobilie, deren Marktwert Fachleute auf 15 Millionen Dollar schätzen, kurz vor der Ankunft von Pfarrer Wehr für 1,5 Millionen Dollar an ein Bauunternehmen verkauft. Aufgrund der extremen Differenz zwischen Marktwert und Kaufpreis könnten die türkischen Behörden ferner eine Wertschätzungsprüfung vornehmen. Auch könnte das Finanzamt einschreiten, heißt es aus dem Pfarrgemeinderat.

          „Energetische Schritte zur Wiedergewinnung“

          Die Mitglieder des Pfarrgemeinderats sind nach einem Gespräch mit Vertretern der Deutschen Bischofskonferenz in der vergangenen Woche überzeugt, daß die katholische Kirche nun alles unternehme, um die Immobilie zurückzuerhalten. Man habe nie den Verkauf der Liegenschaft im Sinne gehabt, und die ersten energischen Schritte zur Wiedergewinnung der Immobilie seien in die Wege geleitet, sagt Johannes Geisler, Mitglied im Pfarrgemeinderat. Ursachen der Krise sind sowohl die rechtlichen Konstruktionen, die das türkische Recht für Kirchen vorsieht, als auch die fehlenden Kontrollmechanismen in der katholischen Kirche auf Gemeindeebene. Da Kirchen in der Türkei keine Immobilien besitzen dürfen, hatte die deutsche katholische Gemeinde in Istanbul 1963 die Aktiengesellschaft Bakim A.S. gegründet, so daß die deutsche katholische Gemeinde ein Grundstück hat und darauf Gebäude nutzen kann. So stehen auf dem Gelände der Büyük Ciftlik Sokak im Stadtteil Nisantasi ein Pfarrhaus und ein Altenheim.

          Die Vorstände von Bakim und des Altenheimvereins waren 1999 nach erbitterten Auseinandersetzungen mit den Seelsorgern zurückgetreten. Der damalige Pfarrer Ferdinand Thome berief daraufhin den Rechtsanwalt Köksal zum Geschäftführer des Immobilienträgers Bakim. Köksal erhielt zudem 17,5 Prozent der Anteile der Gesellschaft. 76,5 Prozent verblieben bei Thome, den Rest teilen sich drei Bosporusdeutsche. Während die früheren Geschäftsführer ehrenamtlich ihren Dienst versehen hatten, forderte Köksal für seine Tätigkeit nun ein Honorar. Um seine Forderung einzutreiben, hat er im Dezember das ganze Anwesen verkauft. Wiederholt habe Köksal in den vergangenen zwei Jahren damit gedroht, die Immobilie zu veräußern, sagen Mitglieder des Altenheimvereinsvorstands. Die Drohungen seien in der Bischofskonferenz aber nicht ernst genug genommen worden. Nachdem der Verkauf nun erfolgt sei, schießen die Spekulationen ins Kraut, wer von der enormen Differenz zwischen dem Marktwert und dem Verkaufspreis profitiere.

          Schwächung des Pfarrgemeinderates ein Fehler

          Mit einem starken Kontrollgremium innerhalb der Gemeinde wäre es mutmaßlich nicht zum Verkauf gekommen. Der frühere Pfarrer Thome habe den Pfarrgemeinderat aber vor anderthalb Jahren kaltgestellt und ihn nicht mehr einberufen, klagt Geisler. Thome hat sich geweigert, mit einem Pfarrgemeinderat zusammenzuarbeiten. Statt dessen hat er Außenstehenden Kompetenzen übertragen. Die Deutsche Bischofskonferenz habe sich zwar im Mai 2003 hinter den Gemeinderat gestellt und den Vertrag von Thome und dessen Pastoralreferentin nicht verlängert. Es sei aber ein Fehler gewesen, deren Verträge nicht umgehend aufzulösen, kritisiert Geisler.

          Ein Anlaß des Zerwürfnisses war das Statut des Pfarrgemeinderats, das demokratische Mitwirkungsmöglichkeiten der Gemeinde vorsah. Thome war an der Ausarbeitung beteiligt, verweigerte dann aber seine Unterschrift. Die Pastoralreferentin und der Pfarrer hatten zudem angekündigt, das Altersheim in eine Pension umzuwandeln. Nachdem der Pfarrgemeinderat kaltgestellt worden sei, haben die Seelsorger zusammen mit Köksal versucht, auch den Vorstand des Altersheimvereins aufzulösen, entrüstet sich Waldemar Raymund, Vorsitzender des Vereins und einer von dessen acht Gründungsmitgliedern von 1964. Köksal behaupte, mit dem Brand 1999 habe der Mietvertrag zwischen Bakim und dem Verein des Altersheims aufgehört zu existieren. Die Pastoralreferentin habe zudem wiederholt angekündigt, Bakim werde das Altersheim schließen und die Bischofskonferenz habe dazu "nichts zu sagen". Zudem fragt Raymund weiter nach den Belegen für die 150 000 Euro, die die Gemeindeleitung von einem Notkonto für Bedürftige im Altersheim abgehoben habe.

          Generalkonsul erwirkte Aufschub der Räumung

          Am 17. Dezember fuhr schon ein Möbelwagen vor, um das Mobiliar aus dem Pfarrhaus abzutransportieren. Bis der deutsche Generalkonsul einen Aufschub der Räumung um drei Monate erwirkte, hatte sich Raymund den Trägern in den Weg gestellt. Der neue Eigentümer steht aber schon im Grundbuch. Zumindest ziehen die Bischofskonferenz, der neue Pfarrer, der wieder eingesetzte Pfarrgemeinderat und der Altenheimverein nun an einem Strang, um die Immobilie doch noch zurückzubekommen.

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