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Hochkomisch: Seit wann ist mehr Fleisch vernünftig? Bild: Wilhelm Busch

Fraktur : Ist mehr Fleisch vernünftig?

Der Kanzler meint ja. Doch vom Siegen will er noch immer nicht sprechen. Wie wäre es dann mit „more victory“?

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          „More beef wäre wirklich sehr vernünftig gewesen“, rief der Kanzler am Mittwoch im Bundestag gleich zu Beginn seiner Rede. Hatte man ihm zum Frühstück nur einen Blumenkohltaler mit einem Bärlauch-Smoothie serviert? Seit die Grünen mitregieren, wird es doch wohl wenigstens im Kabinett wieder einen Veggie-Day geben. Oder sind in Berlin nun auch schon bei der Fleischversorgung die Lieferketten gerissen? Das wäre fatal, denn an nicht aufgetischten Currywürsten ist bekanntlich sogar schon einmal eine Kanzlerehe gescheitert.

          Berthold Kohler
          Herausgeber.

          Doch keine Sorge, der kurzzeitige, aber weltgewandte Ausflug des Regierungschefs ins Englische sollte nur dazu dienen, die Vorhaltungen des Oppositionsführers als mager und blutleer darzustellen. (Sonst hätten ja auch gleich die Grünen protestiert – mehr Fleisch sei doch nicht vernünftig!) Merz hatte Scholz mit seinen Fragen nach den Waffenlieferungen an die Ukraine derart genervt, dass dem Kanzler für den Vergeltungsschlag nicht einmal Redewendungen aus der deutschen Küche genügten, obwohl die für solche Fälle ja einiges zu bieten hat. Scholz hätte doch sagen können: Das ist bloß breitgetretener Quark. Oder: dünne Gemüsebrühe. Das hätten alle verstanden, nicht nur die Vegetarier. Naheliegend wäre auch gewesen: Jetzt mal Butter bei die Fische, Herr Oppositionsführer!

          Merz grillte Scholz wie einen Steckerlfisch

          Damit hätte Scholz sogar elegant den Bratenspieß umgedreht. Denn Merz hatte Scholz ja wirklich gegrillt wie einen Steckerlfisch auf dem Ok­toberfest. Geradezu genüsslich in Schmalz schwenkte Merz die Weigerung des Kanzlers, der Ukraine einen Sieg über Russland zu wünschen. Dieses Wort meidet Scholz immer noch so strikt wie früher einmal „Nord Stream 2“. Auch „schwere Waffen“ war in der SPD selbst nach der Zeitenwende noch ein Tabuwort.

          Doch nun benutzt selbst Scholz „diesen komischen Begriff“. Im Bundestag sprach er sogar von einer „hochschwere(n) Waffe“. Die Verwendung dieses hochkomischen Ausdrucks lässt darauf hoffen, dass Scholz und den Seinen eines Tages auch noch der „Sieg“ über die Lippen kommt, wenn auch vielleicht nicht zuerst dem Sozialminister. Man könnte sich in Berlin ja zunächst einmal an einen nicht ganz so problematischen Brückenbegriff heranwagen und von „more victory“ sprechen.

          Das stärkt die Moral der Ukrainer

          Zeit für diesen vorsichtigen rhetorischen Vormarsch haben wir ja noch, denn die Bundesregierung geht davon aus, dass der Krieg in der Ukraine lange dauern wird. Das ist übrigens auch die neueste Berliner Begründung dafür, dass nicht alle Waffen so schnell wie möglich geliefert werden müssen. Mit Zustellungsterminen im Herbst unterstreicht die Regierung Scholz, dass sie felsenfest an die Durchhaltefähigkeit der ukrainischen Armee glaubt. Das stärkt deren Moral auch mehr als die früheren Behauptungen aus Deutschland, Kiews Streitkräfte wüssten selbst nicht genau, welche Waffen sie brauchten und wie sie die bedienen sollten.

          Nun aber hat unsere Regierung endlich ein Raketensystem auf die Speisekarte gesetzt, das Kiew schon lange haben will. Für diese Zusage dankte sogar der ukrainische Botschafter dem Kanzler, jener Diplomat also, der Scholz Anfang Mai eine beleidigte Leberwurst genannt hatte, weil der nicht nach Kiew fahren wollte. Wie aber hätte der Kanzler sich dort auch mit leeren Händen sehen lassen können? Zudem wäre ihm in der Ukraine erst recht die S-Frage gestellt worden: Wie hältst Du es mit dem Sieg, Scholz? Dann hätte er am Ende so um den heißen Brei herumschleichen müssen wie seine Verteidigungsministerin, der selbst ein wirklich hartnäckiger Kollege des Deutschlandfunks in mehreren Anläufen nur das Wort „bestehen“ entlocken konnte – als ob der Krieg eine Führerscheinprüfung wäre.

          Ein trauriger Befund

          Vom Interviewer offenbar ähnlich genervt wie Scholz von Merz, sagte Lambrecht mit Blick auf die Debatte über die Unterstützung für die Ukraine durch Deutschland: „Ich habe das Gefühl, es geht eher um Worte als um Taten.“ Diesem traurigen Befund kann man sich leider nur anschließen. Daher möchten wir allen Mitgliedern der Bundesregierung an dieser Stelle und ganz im Ernst zurufen: Before you go to Kiev – beef up!

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