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Waldbrand : Stoßgebete für ein wenig Regen

Sternberg ist der Landrat hier im Landkreis Ludwigslust-Parchim und damit auch verantwortlich für den Einsatz. Schon am Sonntagabend hat er den Katastrophenfall aufgerufen. Nun steht er vor der Einsatzzentrale und sieht ein wenig müde aus. Es hatte schon in der vergangenen Woche hier gebrannt, das Feuer wurde bald gelöscht. Dann ging es am Sonntag wieder los – die Hinweise erhärten sich, dass es Brandstiftung war, weil das Feuer an drei Orten ausbrach, heißt es. Die Polizeibehörden ermitteln. Nachdem die Dörfer in den ersten Tagen gesichert wurden, soll nun endlich das Feuer gelöscht werden. „Wir müssen massiv mit Druck da reingehen“, sagt Sternberg.

Zentimeter für Zentimeter: Der Brand frisst sich bei Trebs durch das Unterholz.

Kurz hinter Lübtheen gibt es schon die ersten Straßensperren. Polizisten stehen hier, damit niemand hinein fährt und sich in Gefahr bringt. Und damit niemand in den vier evakuierten Dörfern plündert: Volzrade, Alt Jabel, Jessenitz-Werk und Trebs. Wer sein Haus verlassen musste, und nicht zu Verwandten gehen konnte, hat in einer Sporthalle in Lübtheen ein Feldbett erhalten. Dutzende stehen hier in Reih und Glied, die meisten sind aber leergeblieben. Vor der Sporthalle sitzen Barbara und Werner Promer an einem Klapptisch. Sie füllt ein Kreuzworträtsel aus und er tippt in seinen Laptop, was ihnen passiert ist. In der Nacht zu Montag klingelten die Einsatzkräfte bei den beiden Rentner Sturm, kurz darauf fuhren sie schon zu der Turnhalle, ihr Dorf wurde evakuiert. Rettungskräfte versorgen sie nun mit Essen und Trinken, Menschen aus Lübtheen bringen ihnen Obst und Croissants. In der ersten Nacht haben sie gar nicht geschlafen, in der zweiten ein wenig. Jetzt warten sie auf Neuigkeiten. Und Werner Promer sagt, wenn er über das Erlebte spricht: „Das hat mich nicht geängstigt.“ Wer in der Region lebt, der lebt auch mit dem Truppenübungsplatz.

Seit den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde das Gebiet militärisch genutzt. Die Wehrmacht war hier, die Marine hatte Munition produziert und in Bunkern gesammelt. Nach dem Krieg wurden die Bunker von der Roten Armee in die Luft gesprengt. Werner Promer lebt seit 73 Jahren in seinem Dorf beim Truppenübungsplatz, er sammelt seine Pilze im Wald, und sagt, er kenne jeden Stein und jeden Baum. Promer erzählt von den Geschichten, die man hier so weitergibt in den Familien. Wie damals, als die Bunker gesprengt wurden, die Sirenen gingen. Die Leute hätten ihre Häuser verlassen und seien ins nächste Dorf gewandert. Die Fenster ließen sie offen, damit die Druckwelle der Explosion sie nicht herausdrückte. Promer kann sich auch erinnern, wie es Ende der sechziger Jahre einmal brannte, es war sein Geburtstag und eine große schwarze Wolke stand über dem Dorf. Er zog mit den Freunden los, um mit Feuerklatschen die Glutnester auszukloppen. Kein Jahr habe es gegeben, sagt er, in dem es nicht irgendwo gebrannt habe. „Da hat man dann eine gewisse Grundhaltung hier entwickelt“, sagt Promer. Er lächelt ganz ruhig dabei.

Die Ausmaße des Brandes sind neu, die Gefahr ist es nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die NVA, und nach der Wende die Bundeswehr auf den Truppenübungsplatz. Bis 2013 blieb sie hier. Durch die Sprengungen der Bunker nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Munitionsteile über das Gelände verteilt, hinzu kommt das Material aus den vergangenen Jahrzehnten. Wie viel Munition hier genau im Boden liegt, kann niemand sagen. Backhaus erzählt, man habe einzelne Felder systematisch abgesucht. Bis zu 45,5 Tonnen habe man pro Hektar gefunden.

Prophylaxe: Feuerwehrleute wässern den Boden in einem evakuierten Ort.

Vom Bund erwartet er nun Hilfe. „Die Armee kann nicht einfach das Terrain verlassen und sagen: nach mir die Sintflut“, sagt Backhaus. „Das ist hier leider passiert.“ Es sei dringend erforderlich, dass der Bund sich engagiere. Für das Gelände ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben zuständig, dass dem Bundesfinanzministerium untersteht. Backhaus sagt, es brauche ein Nachsorgekonzept. Damit das Feuer, wenn es denn erst einmal gelöscht ist, nicht wieder angehe. „Das ist eine Riesenherausforderung.“ Und Sternberg, der Landrat, sagt mit Blick auf Berlin, man müsse dort Verantwortung übernehmen. Es müsse eine Struktur geschaffen werden, es müsse die Technik vor Ort geben, um mit einer solchen Situationen umgehen zu können. Das könne sonst jedes Jahr wieder passieren. „Man kann nicht erwarten, dass wir diese Probleme hier lösen“, sagt er. „Ich erwarte mehr Unterstützung.“

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