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Israel und Syrien : In Erwartung eines Gegenschlags

Israelische Panzer bei einer Gefechtsübung auf den Golanhöhen Bild: dpa

Nach der Tötung von zwei Hizbullah-Kommandeuren rechnet Israel mit heftigen Vergeltungsaktionen. Die Terrorgruppe schwor Rache, ihren Drohungen ließ sie in der Vergangenheit meistens Taten folgen.

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          „Israel Hajom“ meldete es gleich auf ihrer Titelseite. „Unsere Truppen griffen eine ranghohe Terrorzelle auf dem Golan an“, schrieb die Gratiszeitung, die in Israel als Sprachrohr von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gilt. Offiziell hat die israelische Armee den Luftangriff am Sonntag mit zwölf Toten bisher weder bestätigt noch dementiert, was israelischer Praxis bei ähnlichen Militäraktionen entspricht. Doch die Armee rüstet sich für einen Vergeltungsschlag. „Israel Hajom“ zeigte am Dienstag eine der Batterien des Raketenabwehrsystems „Eiserne Kuppel“, die im Grenzgebiet zu Syrien und dem Libanon gefechtsklar gemacht wurden. Netanjahu versammelte sein Sicherheitskabinett.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die israelische Armee hat in den vergangenen Jahren immer wieder Ziele in Syrien angegriffen; nicht nur auf den Golanhöhen, sondern sogar am Rand der Hauptstadt Damaskus. Mindestens fünf solcher Angriffe wurden Israel in den vergangenen beiden Jahren zugeschrieben. Ihr Ziel soll es gewesen sein zu verhindern, dass die Hizbullah fortgeschrittene Raketentechnik aus syrischen und iranischen Arsenalen erhält. Das syrische Regime von Machthaber Baschar al Assad reagierte höchstens mit Protestnoten. Im Vergleich dazu verhielt sich die Hizbullah in der Vergangenheit aggressiver.

          Israel rechnet mit einer heftigen Reaktion

          In Israel rechnet man deshalb mit einer relativ heftigen Reaktion, da am Sonntag zwei Hizbullah-Kommandeure sowie ein General der iranischen Revolutionsgarden getötet worden waren, die mit der Hizbullah zusammenarbeiten. Weder die Hizbullah noch das Regime Teheran versuchten zudem, die Todesfälle zu verheimlichen. Die Hizbullah schwor Rache, ihren Drohungen ließ sie in der Vergangenheit meistens Taten folgen: Nachdem Imad Mughnijeh, der Militärchef der Organisation, 2008 in Damaskus getötet worden war, folgten rund zwanzig Versuche, Anschläge auf israelische und jüdische Ziele zu verüben. Am Sonntag kam auf dem Golan Mughnijehs Sohn Dschihad um. Im Juli 2012 wurden dann bei einem Attentat auf dem Flughafen der bulgarischen Stadt Burgas fünf israelische Touristen und ein bulgarischer Busfahrer ermordet.

          Eine ähnliche Vergeltungsaktion im Ausland wurde in Israel am Dienstag nicht ausgeschlossen. Zugleich befürchtet man in den Sicherheitsbehörden, dass die Hizbullah vom Golan aus Israel beschießen oder ein Terrorkommando von dort aus auf die israelische Seite vorstoßen könnte. Ihre Kämpfer hatten zuletzt ihre militärischen Aktivitäten auf dem syrischen Teil des Höhenzugs verstärkt. Vom syrischen Teil der Golanhöhen aus waren im vergangenen Jahr gut ein halbes Dutzend Mal israelische Armeepatrouillen und -posten angegriffen worden. Die israelische Armee beschießt gewöhnlich daraufhin syrische Stellungen, um deutlich zu machen, dass sie die Regierung in Damaskus für alles zur Verantwortung zieht, was auf syrischem Gebiet vor sich geht. Nach israelischer Einschätzung war die Hizbullah an mehreren dieser Angriffe beteiligt. Für die schiitische Miliz habe das den Vorteil, mögliche israelische Vergeltungsaktionen auf den Libanon zu vermeiden, wo die Rolle der Hizbullah in Syrien von vielen kritisch gesehen wird.

          Ende 2012 hatte Nasrallah seine Milizionäre zunächst nur in schiitische Dörfer entlang der syrischen Grenze zur libanesischen Bekaa-Ebene entsandt. Das militärische Engagement auf Seiten der Einheiten des Assad-Regimes weitete sich danach jedoch schnell aus. In den Provinzen Aleppo, Homs und Damaskus kämpfen Hizbullah-Mitglieder heute vor allem gegen die Nusra-Front, den syrischen Ableger von Al Qaida. Mehrere tausend Mann stark sind die schiitischen Hilfstruppen des alawitischen Regimes nach Angaben westlicher Militärs inzwischen. Zu der Verstärkung aus dem Libanon kommen schiitische Milizen aus dem Irak, von denen viele nach der Offensive des „Islamischen Staats“ (IS) im vergangenen Sommer jedoch an die Fronten nördlich von Bagdad zurückgekehrt sind, um die sunnitischen Extremisten zu bekämpfen.

          Oder halten sich Iran und die Hizbullah zurück?

          Die Golanhöhen sind erst im vergangenen Herbst ins Blickfeld der Hizbullah geraten. Nach der Entführung Dutzender Mitarbeiter der UN-Beobachtungsmission Undof war es der Nusra-Front dort gelungen, die syrischen Streitkräfte zurückzudrängen – und ihre Präsenz entlang der Demarkationslinie zu Israel auszubauen. Nach Berichten des UN-Generalsekretärs Ban Ki-moon an den Sicherheitsrat kam es dabei auch zu direktem Kontakt mit israelischen Soldaten, die den Dschihadisten bei der Versorgung von Verwundeten und bei logistischen Fragen halfen. In UN-Kreisen geht man davon aus, dass Israel eine Präsenz des Al-Qaida-Arms auf dem Golan der von Hizbullah und iranischen Revolutionsgardisten vorzieht.

          Dass Pasdaran-Kommandeure unter den Opfern des Angriffs von Sonntag waren, zeigt, welche Bedeutung die Führung in Teheran der syrischen Südfront beimisst. Unweit von Quneitra liegt die Provinzhauptstadt Daraa, in der der Aufstand gegen Assad 2011 begann. Durch die gleichnamige Provinz führt die wichtigste Route zur Unterstützung der Rebellen aus Jordanien. Diese Verbindung zu unterbrechen liegt im Interesse Irans und der mit ihr verbündeten Hizbullah, die auf den Machterhalt Assads setzen. Auf den Golan sollen deren Einheiten aber auch eingesickert sein, um die Weiterreise von Nusra-Kämpfern in den Libanon zu verhindern. Denn der an den Golan angrenzende südliche Teil der Bekaa-Ebene ist anders als der Norden weitgehend sunnitisch bevölkert. Hier fürchtet Nasrallah ein Erstarken seiner innenpolitischen Gegner.

          Angesichts dieser komplizierten Lage könnte es sein, dass sich Iran und die Hizbullah mit ihrer militärischen Reaktion zurückhalten. Nach israelischem Verständnis haben weder Iran noch die Hizbullah derzeit ein Interesse an einem größeren Krieg. Iran verhandelt mit dem Westen über sein Atomprogramm und will das Regime in Damaskus weiter an der Macht halten. Auch die Hizbullah, die im syrischen Bürgerkrieg auf Assads Seite mehr als 500 Kämpfer verloren hat, habe kein Interesse an einer neuen Front, vermutet zum Beispiel der frühere israelische nationale Sicherheitsberater Jacob Amidror. Trotzdem mehren sich in Israel besorgte Stimmen, die davor warnen, dass die jüngste Eskalation auf dem Golan eine gefährliche Eigendynamik entwickeln könnte, wie zuletzt im Sommer 2006. Damals hatte die Hizbullah nach der Entführung von drei israelischen Soldaten nicht mit einer massiven israelischen Reaktion gerechnet, die dann in einen wochenlangen, verlustreichen Krieg mündete.

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