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Israel und Gaza : Rakete um Rakete

Zwei Drittel der Opfer sollen Zivilisten sein

Adel Zurab erzählt, dass seine fünf Jahre alte Tochter darum bettelt, dass er sie zum Einkaufen mitnimmt. Es ist die zweite israelische Militäroffensive, die das kleine Mädchen miterlebt. „Ich sage ihr immer die Wahrheit und lüge sie nicht an, um sie zu beruhigen“, sagt der Vater. Oft hätten die Kinder erst richtig zu kämpfen, wenn die Waffen schweigen, wenn sie draußen die Zerstörungen sehen und traumatische Erinnerungen hochkommen. Aber auch der Vater kann die Bilder der Toten und Verletzten nicht mehr ertragen. „Das ist Massenmord. Wo ist Gerechtigkeit“, sagt er.

Mehr als 120 Menschen sind in Gaza nach Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums ums Leben gekommen. Am Samstagmorgen wurden zwei junge Frauen beim Angriff auf eine Behinderteneinrichtung im Norden des Gazastreifens getötet. Die Rettungskräfte sprechen von fast tausend Verletzten. Das UN-Nothilfebüro Ocha schätzt, dass zwei Drittel der Todesopfer Zivilisten sind. Dieses Mal ist es für die 1,7 Millionen Einwohner von Gaza noch schlimmer als bei der letzten israelischen Militäroffensive im November 2012. Mehr als 800 Tonnen Sprengstoff hat die israelische Armee schon in den ersten dreieinhalb Tagen eingesetzt, mehr als doppelt so viel wie 2012 in acht Tagen. Im Durchschnitt gibt es alle viereinhalb Minuten einen Angriff - Tag und Nacht.

„Legitime militärische Ziele“

Diesmal greift die israelische Armee gezielt Häuser an. Nach UN-Schätzungen wurden schon 280 Gebäude zerstört. Mehr als 3000 Menschen haben kein Dach mehr über dem Kopf. Die UN-Menschrechtskommissarin Navi Pillay äußerte „ernste Zweifel“, ob diese Angriffe im Einklang mit dem Völkerrecht stehen. Die israelische Armee begründet ihre Vorgehensweise damit, dass die Hamas und andere bewaffnete Gruppen Wohnhäuser zu Kommandozentralen und Waffenlagern umfunktioniert hätten. Dadurch würden diese Gebäude „legitime militärische Ziele entsprechend dem Völkerrecht“.

Zum Beweis führen israelische Militärs gerne ein kurzes Video aus einem Wohnviertel im Süden des Gazastreifens vor: Man sieht kleinere Explosionen, als die israelische Luftangriff das Haus eines Brigadechefs der Hamas angreift. Darauf folgt eine massive Explosion. Die Armee behauptet: Da flog ein Raketendepot in die Luft. Die Bewohner seien durch einen Telefonanruf und einen Warnschuss mit einem kleinen Geschoss dazu gedrängt worden, ihr Haus zu verlassen. „Anklopfen“ nennt man das im Militärjargon. In „Hunderten“ von Fällen habe es solche Warnungen gegeben, sagt der Militärvertreter. „Aber wir haben auch erst einmal darauf verzichtet, viele Ziele anzugreifen, sobald wir sahen, dass Kollateralschäden drohten“, fügt er hinzu.

Allerdings nehmen immer weniger Palästinenser die israelischen Warnungen ernst. Adel Zurab erhielt schon mehrere Textnachrichten und Anrufe auf seinem Mobiltelefon, die ihn aufforderten, sein Haus zu verlassen. Doch danach geschah nichts. „Das ist psychologische Kriegsführung“, sagt er.

Steht ein großer Einmarsch der Armee bevor? Sie hat mehrere Brigaden an der Grenze zusammengezogen. Noch harren sie dort aus. Aber es könnte jederzeit losgehen. Die Verunsicherung im Grenzgebiet ist groß. Nicht einmal religiöse Stätten bleiben im Fastenmonat Ramadan verschont. Am Samstagmorgen legte die israelische Luftwaffe im Flüchtlingslager Nuseirat eine Moschee in Schutt und Asche. Für die Hamas ist das der endgültige Beweis dafür, wie „barbarisch und islamfeindlich“ Israel sei. Die Armee sagt: Der Fall zeige nur, dass die islamistische Hamas nicht davor zurückschrecke, sogar Moscheen in Raketenlager zu verwandeln.

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