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Israel : Greift die Selbstjustiz um sich?

Israelische Sicherheitskräfte im Jerusalemer Stadtteil Schuafat Bild: AFP

Nach dem Mord an drei israelischen und einem palästinensischen Teenager ist das Land in Aufruhr. Israelis machen Jagd auf Araber, Palästinenser stecken Reifen in Brand. Ministerpräsident Netanjahu ruft zur Mäßigung auf.

          Die Ermittlungen dauerten am Mittwoch noch an, doch für viele Einwohner in Schuafat war längst alles klar. Kaum hatte am Morgen die Nachricht die Runde gemacht, dass die verbrannte Leiche eines jungen Mannes in einem Waldstück gefunden worden sei, kam es in dem Ostjerusalemer Stadtteil zu ersten Zusammenstößen mit der Polizei. Steine flogen, Reifen gingen in Flammen auf, drei Straßenbahnhaltestellen wurden verwüstet. Polizisten schossen mit Gummimantelgeschossen zurück und riegelten die Zufahrten zu dem arabischen Viertel ab, in dem der 16 Jahre alte Muhammad abu Khdeir am frühen Morgen verschwunden war.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Gegen vier Uhr morgens war die Polizei darüber informiert worden, dass in Schuafat ein junger Mann in ein Auto gezerrt worden sei. Keine zwei Stunden später fanden Beamte im Westen der Stadt die verbrannte Leiche. Am frühen Nachmittag teilte die Familie mit, der Vater habe den Toten als seinen Sohn identifiziert.

          Seit am Montag die Leichen der drei im Westjordanland entführten jüdischen Religionsstudenten gefunden worden waren, ist in Israel die Sorge gewachsen, dass extremistische Juden Vergeltung üben könnten. „Nehmt das Recht nicht in die eigene Hand“, appellierte am Mittwoch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu an die Bevölkerung. Er forderte die Polizei auf, das „abscheuliche“ Verbrechen, so schnell wie möglich aufzuklären. Zuvor hatte der palästinensische Präsident Mahmud Abbas Netanjahu aufgefordert, den Mord an Muhammad abu Khdeir genauso zu verurteilen wie die Entführung der drei Israelis im Westjordanland.

          In letzter Minute

          In Schuafat waren sich Einwohner sicher, dass Muhammad abu Khdeir von seinen israelischen Entführern ermordet worden ist. Aufnahmen von Überwachungskameras belegten, wie „Israelis“ ihn in ein Auto zerrten und mit ihm davonrasten, sagten Zeugen der palästinensischen Nachrichtenagentur „Maan“. Ein Onkel des verschwundenen Jungen sagte dem Onlineportal „Times of Israel“, Passanten hätten noch versucht, vor der Moschee den davonfahrenden Wagen zu stoppen. Für ihn bestehe kein Zweifel daran, dass es ein Racheakt für die drei getöteten Israelis war.

          Am Dienstag war schon ein erster Entführungsversuch gemeldet worden: Eine Mutter habe nur in letzter Minute verhindern können, dass ihr „Siedler“ ihr Kind entrissen und mit ihm wegfuhren. Wie aufgeheizt die Atmosphäre in Jerusalem ist, wurde schon am Dienstagabend spürbar, als es zu antiarabischen Ausschreitungen kam. Während in Modiin die drei ermordeten Israelis beerdigt wurden, zogen mehrere hundert israelische Jugendliche durch Jerusalem und riefen Slogans wie „Tod den Arabern“ und „Wir wollen Rache“. Die Demonstranten blockierten zeitweise die wichtigste Zufahrtsstraße, bevor einige regelrecht Jagd auf Araber machten, wie Video- und Fotoaufnahmen dokumentieren.

          Ein Laden wurde geplündert. Polizisten mussten mindestens acht Araber in Sicherheit bringen, die die wütende Menge angegriffen hatte; dabei gab es mehrere Verletzte. Nach Polizeiangaben wurden 47 Personen festgenommen.

          Auch in Nablus im Westjordanland kam es zu gewaltsamen Konfrontationen, dort zwischen der israelischen Armee und palästinensischen Demonstranten. Soldaten nahmen weitere 40 Palästinenser fest. Zudem zerstörten sie das Haus eines Hamas-Mitglieds, das gestanden hatte, im April bei Hebron einen Israeli erschossen zu haben. Seit neun Jahren hatte die Armee kein Haus eines palästinensischen Terroristen mehr zerstört.

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