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Israel : Wohin mit dem Zorn?

Die Anteilnahme ist groß: Beerdigung der drei getöteten Teenager nahe Ramallah Bild: AFP

Die drei getöteten jungen Israelis sind beigesetzt worden. Nun sinnt das Land darüber nach, wie die Vergeltung aussehen könnte. Gibt es wieder Krieg in Gaza?

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          Gemeinsam waren sie am Abend des 12. Juni ahnungslos in das Auto der Entführer gestiegen. Seite an Seite wurden die drei jungen Israelis am Dienstagnachmittag auf dem Friedhof von Modiin beigesetzt. Am Abend zuvor hatten israelische Soldaten nordwestlich von Hebron ihre Leichname entdeckt. Wenige Meter voneinander entfernt hatten sie ihre Mörder unter einem Steinhaufen verscharrt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Gilad Schaer und Naftali Frankel wurden beide nur 16 Jahre alt, Ejal Jifrach 19 Jahre. Ihre Gesichter kannte in Israel jeder. Kaum waren sie vor 19 Tagen verschwunden, waren die Fotos der lebenslustigen Religionsstudenten überall zu sehen: auf Aufklebern, Postern und im Internet. „Bringt unsere Jungs zurück!“ lautete der Slogan der Solidaritätskampagne. Am Sonntagabend versammelten sich auf dem Tel Aviver Rabin-Platz Tausende, um die Regierung aufzufordern, nichts unversucht zu lassen, um die drei jungen Männer wieder heimzubringen.

          Die getöteten jungen Israelis auf einem Handout der Armee

          Am Montagabend kehrte dann auf einmal Stille ein. Das Fernsehen stoppte die Übertragung der Fußball-Weltmeisterschaft, die großen Bildschirme für „Public Viewing“ blieben schwarz oder zeigten nach der Schreckensnachricht nur noch Sondersendungen. Viele Menschen hatten sich an die offizielle Sprachregelung geklammert, die drei seien noch am Leben, auch wenn mit jedem Tag die Hoffnung kleiner wurde.

          Ihr Verschwinden ging den Menschen auch aus einem anderen Grund nahe. Dieses Mal handelte es sich nicht um Soldaten im Kampfeinsatz; zuletzt war der Oberfeldwebel Gilad Schalit in den Gazastreifen verschleppt worden und dort mehr als fünf Jahre lang von der Hamas gefangen gehalten worden. Jetzt waren es drei ganz gewöhnliche junge Israelis, wie sie einem täglich begegnen: im Bus, am Strand oder am Straßenrand, wenn sie per Anhalter fahren wollen. „Trampiada“ nennt man das in Israel. Für viele Jugendliche, die kein Auto besitzen, bedeutet das auch ein Stück Freiheit – egal ob im israelischen Kernland oder im besetzten Westjordanland.

          Den drei Studenten wurde die Hoffnung auf eine schnelle Heimfahrt zu ihren Familien zum Verhängnis. Sie hatten einander erst in der Nähe der Siedlung Gusch Etzion kennengelernt, wo sie am Abend gemeinsam in ein weißes Auto mit israelischem Kennzeichen einstiegen. Wenige Minuten später gelang es einem von ihnen, bei der Polizei einen Notruf abzusetzen. „Wir wurden entführt“, flüsterte er zweimal in sein Mobiltelefon. Doch der Anruf wurde erst am nächsten Morgen ernst genommen, als seine Eltern ihn als vermisst meldeten.

          Am Dienstag berichtete die israelische Presse, dass auf dem Mitschnitt des Anrufs am Ende noch Schüsse zu hören waren. Am Tag nach der Entführung fanden palästinensische Sicherheitskräfte das ausgebrannte Fahrzeug südlich von Hebron. Die Täter hatten den Wagen in Brand gesetzt, um Spuren zu verwischen. Dennoch entdeckte man angeblich Blutreste und Patronenhülsen.

          Vieles spricht mittlerweile dafür, dass die drei Israelis schon kurz nach ihrer Entführung ermordet wurden. Den israelischen Ermittlern war das wohl schon relativ früh klar, während es offiziell bis zuletzt geheißen hatte, die drei Vermissten seien am Leben.

          Hamas kämpft „mit allen Mitteln“

          Es dauerte achtzehn Tage, bis die drei Leichen auf einem Feld entdeckt wurden, das keine zehn Kilometer von dem Ort entfernt liegt, wo sie in das weiße Auto gestiegen waren. Tausende Soldaten hatten bis dahin mehr als 2000 Häuser durchsucht und mehr als 400 Palästinenser festgenommen. Bis heute sind die Täter nicht verhaftet worden, obwohl der israelische Geheimdienst glaubt, sie zu kennen. Demnach handelt es sich um die Hamas-Mitglieder Marwan Kawasma und Omer abu Aischeh. Beide waren früher wegen terroristischer Aktivitäten in israelischer Haft und sind seit der Entführung spurlos verschwunden. Nach allem, was bisher bekannt wurde, gehören sie nicht der Hamas-Führung an.

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