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Islamkennerin Gudrun Krämer : „Muslime brauchen keinen Martin Luther“

„Wie soll ein Muslimsein ohne Islam funktionieren?“: Bei der Eröffnung einer Ahmadiyya-Moschee in Hanau im Mai 2015 Bild: dpa

Der muslimischen Minderheit in Deutschland gegenüber herrscht viel Unkenntnis, Angst und Ablehnung. Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer klärt auf, was das Muslimsein ausmacht und ob es einen aufgeklärten Islam geben kann.

          Frau Krämer, wie oft wurden Sie als Islamwissenschaftlerin schon mit der Frage konfrontiert, ob der Islam zu Deutschland gehöre?

          Christian Meier

          Redakteur in der Politik.

          Diese Formulierung ist vergleichsweise neu und mit dem damaligen Bundespräsidenten Wulff aufgekommen. Die dahinterstehende Frage – nach der Vereinbarkeit von Islam, Demokratie und Menschenrechten – ist älter. In einer breiteren Öffentlichkeit wird sie insbesondere seit 1979 diskutiert, als die iranische Revolution vielen vor Augen führte, dass in der modernen Welt Menschen ein diktatorisches System im Namen des Islams stürzen können und nicht im Namen liberaldemokratischer Werte. Das hat bei vielen ein – oft von Misstrauen und Furcht geprägtes – Nachdenken ausgelöst.

          Erscheint Ihnen die Frage sinnvoll?

          Nicht wirklich. Was ist denn gemeint, wenn man sagt „gehört zu“? Die deutsche Geschichte gehört zu Deutschland, Pegida gehört zu Deutschland, die Willkommenskultur gehört zu Deutschland, aber auch die Angriffe auf Zuwanderer sind Teil der deutschen Realität. Wenn es um den Islam geht, denke ich allerdings, dass nicht nach der deutschen Realität in all ihrer Widersprüchlichkeit gefragt wird, sondern danach, ob „der Islam“ als Religion und Kultur Teil der hiesigen Gesellschaft und Kultur sein kann. Ich halte die Frage in dieser Form für unsinnig. Fragen soll und muss man, ob Musliminnen und Muslime so denken und leben, dass es hier akzeptabel ist.

          Die Frage erhält dadurch zusätzliche Schärfe, dass manche Stimmen, etwa aus der AfD, den Islam samt und sonders mit dem politischen Islam gleichsetzen.

          Das ist ein großer Fehler, denn es verunmöglicht die Akzeptanz und Integration von Muslimen, es sei denn, sie distanzierten sich erkennbar vom Islam als religiöser Überzeugung und religiöser Praxis. Wie soll ein Muslimsein ohne Islam funktionieren? Man kann doch nicht argumentieren, wie manche in der AfD das tun, voll integrierte Muslime habe man gerne in diesem Land, zugleich jedoch ihre Religion zu einer politischen Ideologie erklären, die noch dazu nicht reformierbar sei.

          Wo liegt denn der Unterschied zwischen Islam und politischem Islam?

          Der Islam ist eine Religion, die auf der Annahme beruht, dass es einen Gott gibt, der die Schöpfung in Händen hält, der die Menschen im Wesentlichen danach bewertet, wie sie sich zu ihm verhalten, und der ihnen bestimmte Werte und Verhaltensweisen vorschreibt. Diese Grundannahmen sind auf Basis der normativen Quellen – dem Koran und der Prophetentradition – von Menschen, genauer gesagt, von Männern, über die Jahrhunderte immer wieder neu interpretiert worden. Wie die Bibel kann auch der Koran in vielerlei Weise gelesen werden.

          Gleichzeitig sind manche dieser Auslegungen gerade erst in moderner Zeit noch rigider und brutaler geworden.

          Ich spreche nicht von einer Fortschrittsgeschichte, der zufolge ein ursprünglich schlichter, rigider Islam immer feiner ausgearbeitet worden sei und schließlich in einen modernen, in Teilen liberalen Islam gemündet habe, der von fundamentalistischen Kräften zerstört worden sei. Ich sehe die Entwicklung als viel widersprüchlicher. Tatsächlich haben stark auf Aus- und Abgrenzung setzende Interpretationen des Islams in den letzten Jahrzehnten um sich gegriffen, und es ist die Aufgabe der Muslime, sich mit diesem Phänomen zu beschäftigen und ihm eine glaubwürdige Alternative gegenüberzustellen.

          Einen „aufgeklärten Islam“?

          Sie müssen sich nicht partout als „aufgeklärte“ Muslime darstellen, die die europäische Aufklärung nachholen, sie müssen sich auch nicht als islamische „Reformatoren“ verstehen – die Muslime brauchen keinen „islamischen Martin Luther“. Sie müssen sich im Rahmen islamischer Bezüge bewegen. Man hilft kritischen Geistern aber nicht, wenn man den Islam pauschal als mittelalterliches, zur Demokratie unfähiges System beschreibt. Man betreibt damit sogar das Spiel bestimmter Islamisten, die ja genau diesen Blick auf den Islam haben und ihn als geschlossenes Gebäude präsentieren, das zur Zeit des Propheten Mohammed errichtet wurde und heute genauso bewohnbar sein soll wie vor 1400 Jahren. Das wollen viele andere Muslime nicht.

          Welche Hauptkonfliktpunkte gibt es zwischen den Vorstellungen von Islamisten und etwa der deutschen Rechtsordnung?

          Wenn Islamisten die in vielen islamischen Ländern verbreiteten Vorstellungen über ein hierarchisches Geschlechterverhältnis propagieren oder wenn sie erwarten, dass ihr religiöser Wahrheits- und Überlegenheitsanspruch sich in der Rechts- und Verfassungsordnung niederschlägt, so ist das mit der deutschen Rechtsordnung nicht zu vereinbaren. Oder wenn sie die auf den Koran und die Prophetentradition zurückgeführten Körperstrafen angewendet sehen wollen.

          Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer: „Man hilft kritischen Geistern aber nicht, wenn man den Islam pauschal als mittelalterliches, zur Demokratie unfähiges System beschreibt.“

          Mit anderen Worten, die Scharia-Vorschriften.

          Viele der in islamischen Ländern angewandten Bestimmungen der Scharia sind nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Man sollte aber wissen, dass die Scharia für viele Muslime allgemeiner als Rechts- und Werteordnung gedacht wird, die Identität und Gerechtigkeit garantiert. Wenn Muslime sagen, die Scharia solle Geltung haben, womöglich auch in Deutschland und Europa, sollte man genauer prüfen, was sie sich darunter vorstellen. Wollen sie tatsächlich die Körperstrafen einführen? Nach meiner Einschätzung ist das eine kleine Minderheit – und die darf in Deutschland nicht das Sagen haben.

          Aber bedeutet eine Wertschätzung der Scharia nicht zugleich auch eine Geringschätzung weltlicher Gesetze?

          Wenn Muslime angeben, dass im Konfliktfall das göttliche Gesetz über dem staatlichen Gesetz stehen soll, sagen sie meines Erachtens nichts anderes als Christen, die im Zweifelsfall das Gebot Jesu Christi über eine staatliche Rechtsordnung stellen. Die Bekennende Kirche hat danach geurteilt und gelebt, unter diktatorischen Vorzeichen. Das Kirchenasyl kann auch in einem demokratischen System in Konflikt zur staatlichen Rechtsordnung treten. Ich kann ein solches Argument nicht in Bausch und Bogen verurteilen und apodiktisch staatliches Gesetz höher bewerten als alle anderen Bezüge. Wie sonst könnte ich den Widerstand gegen staatliches Unrecht rechtfertigen?

          Sie haben islamistische Diskurse einmal als „Gegendiskurse“ bezeichnet. Was ist damit gemeint?

          Sie sind unübersehbar nicht nur als Antwort auf westliche Vorstellungen, Ideen und Thesen vom und zum Islam formuliert worden, sondern als deren Widerlegung. Themen und Thesen, die in der westlichen Diskussion eine große Rolle spielen, werden aufgegriffen und im Zuge ihrer Widerlegung regelrecht auf den Kopf gestellt: Nicht ihr habt die moderne Wissenschaft erfunden, sondern wir; nicht ihr habt den Gesellschaftsvertrag erfunden, sondern wir; nicht an eurem Wesen wird die Welt genesen, sondern am islamischen. Manchmal wünschte ich mir, es wäre nicht so stark Gegenrede, sondern es würde tatsächlich kreativ und alternativ gedacht.

          Heißt das, die innerislamische Debatte zu diesen Themen ist erstarrt?

          In dem Klima, das derzeit zwischen Marokko und Pakistan herrscht, kann eine freie, kontroverse Debatte kaum geführt werden. Die meisten Regime sind hochgradig repressiv und werden herausgefordert von Bewegungen, die nicht weniger illiberal und repressiv sind. Dennoch werden interessante Debatten geführt.

          Gibt es ein Land, in dem Sie ein islamisches Modell positiv verwirklicht sehen?

          Muslime können derzeit nicht mit einem funktionierenden islamischen Alternativmodell aufwarten. Saudi-Arabien und Iran zum Beispiel können vielleicht einen Teil der eigenen Bevölkerung überzeugen, aber jenseits ihrer Grenzen finden sie wenig Bewunderung. Wenn der Islam also die Lösung sein soll, wie lange eine islamistische Losung lautete, steht der Nachweis noch aus.

          Islam-Kennerin

          Prof. Dr. Gudrun Krämer, geboren 1953 in Marburg, leitet den Lehrstuhl für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie wurde 1953 in Marburg geboren, studierte Geschichte, Islam- und Politikwissenschaft sowie Anglistik in Heidelberg, Bonn und Sussex und wurde 1981 in Hamburg mit einer Arbeit über Juden im modernen Ägypten promoviert.

          Von 1982 bis 1994 war sie Nahostreferentin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen. Krämer ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 2010 wurde sie mit dem Gerda-Henkel-Preis ausgezeichnet. In ihren Publikationen beschäftigt sie sich vor allem mit der islamischen Welt in der Neuzeit sowie mit politischen Vorstellungen moderner Muslime.

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