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Islamkennerin Gudrun Krämer : „Muslime brauchen keinen Martin Luther“

Welche Hauptkonfliktpunkte gibt es zwischen den Vorstellungen von Islamisten und etwa der deutschen Rechtsordnung?

Wenn Islamisten die in vielen islamischen Ländern verbreiteten Vorstellungen über ein hierarchisches Geschlechterverhältnis propagieren oder wenn sie erwarten, dass ihr religiöser Wahrheits- und Überlegenheitsanspruch sich in der Rechts- und Verfassungsordnung niederschlägt, so ist das mit der deutschen Rechtsordnung nicht zu vereinbaren. Oder wenn sie die auf den Koran und die Prophetentradition zurückgeführten Körperstrafen angewendet sehen wollen.

Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer: „Man hilft kritischen Geistern aber nicht, wenn man den Islam pauschal als mittelalterliches, zur Demokratie unfähiges System beschreibt.“

Mit anderen Worten, die Scharia-Vorschriften.

Viele der in islamischen Ländern angewandten Bestimmungen der Scharia sind nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Man sollte aber wissen, dass die Scharia für viele Muslime allgemeiner als Rechts- und Werteordnung gedacht wird, die Identität und Gerechtigkeit garantiert. Wenn Muslime sagen, die Scharia solle Geltung haben, womöglich auch in Deutschland und Europa, sollte man genauer prüfen, was sie sich darunter vorstellen. Wollen sie tatsächlich die Körperstrafen einführen? Nach meiner Einschätzung ist das eine kleine Minderheit – und die darf in Deutschland nicht das Sagen haben.

Aber bedeutet eine Wertschätzung der Scharia nicht zugleich auch eine Geringschätzung weltlicher Gesetze?

Wenn Muslime angeben, dass im Konfliktfall das göttliche Gesetz über dem staatlichen Gesetz stehen soll, sagen sie meines Erachtens nichts anderes als Christen, die im Zweifelsfall das Gebot Jesu Christi über eine staatliche Rechtsordnung stellen. Die Bekennende Kirche hat danach geurteilt und gelebt, unter diktatorischen Vorzeichen. Das Kirchenasyl kann auch in einem demokratischen System in Konflikt zur staatlichen Rechtsordnung treten. Ich kann ein solches Argument nicht in Bausch und Bogen verurteilen und apodiktisch staatliches Gesetz höher bewerten als alle anderen Bezüge. Wie sonst könnte ich den Widerstand gegen staatliches Unrecht rechtfertigen?

Sie haben islamistische Diskurse einmal als „Gegendiskurse“ bezeichnet. Was ist damit gemeint?

Sie sind unübersehbar nicht nur als Antwort auf westliche Vorstellungen, Ideen und Thesen vom und zum Islam formuliert worden, sondern als deren Widerlegung. Themen und Thesen, die in der westlichen Diskussion eine große Rolle spielen, werden aufgegriffen und im Zuge ihrer Widerlegung regelrecht auf den Kopf gestellt: Nicht ihr habt die moderne Wissenschaft erfunden, sondern wir; nicht ihr habt den Gesellschaftsvertrag erfunden, sondern wir; nicht an eurem Wesen wird die Welt genesen, sondern am islamischen. Manchmal wünschte ich mir, es wäre nicht so stark Gegenrede, sondern es würde tatsächlich kreativ und alternativ gedacht.

Heißt das, die innerislamische Debatte zu diesen Themen ist erstarrt?

In dem Klima, das derzeit zwischen Marokko und Pakistan herrscht, kann eine freie, kontroverse Debatte kaum geführt werden. Die meisten Regime sind hochgradig repressiv und werden herausgefordert von Bewegungen, die nicht weniger illiberal und repressiv sind. Dennoch werden interessante Debatten geführt.

Gibt es ein Land, in dem Sie ein islamisches Modell positiv verwirklicht sehen?

Muslime können derzeit nicht mit einem funktionierenden islamischen Alternativmodell aufwarten. Saudi-Arabien und Iran zum Beispiel können vielleicht einen Teil der eigenen Bevölkerung überzeugen, aber jenseits ihrer Grenzen finden sie wenig Bewunderung. Wenn der Islam also die Lösung sein soll, wie lange eine islamistische Losung lautete, steht der Nachweis noch aus.

Islam-Kennerin

Prof. Dr. Gudrun Krämer, geboren 1953 in Marburg, leitet den Lehrstuhl für Islamwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Sie wurde 1953 in Marburg geboren, studierte Geschichte, Islam- und Politikwissenschaft sowie Anglistik in Heidelberg, Bonn und Sussex und wurde 1981 in Hamburg mit einer Arbeit über Juden im modernen Ägypten promoviert.

Von 1982 bis 1994 war sie Nahostreferentin der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen. Krämer ist Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. 2010 wurde sie mit dem Gerda-Henkel-Preis ausgezeichnet. In ihren Publikationen beschäftigt sie sich vor allem mit der islamischen Welt in der Neuzeit sowie mit politischen Vorstellungen moderner Muslime.

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