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Islamisten aus Deutschland : Reisende kann man nicht aufhalten

Bild: Archiv

Immer mehr junge und radikale Islamisten aus Deutschland ziehen in den Krieg nach Syrien. Gemeinsame Recherchen der F.A.Z. und des ARD-Magazins „Report München“ zeigen, dass sich die Dschihadisten auf Netzwerke stützen, die verboten, aber offenbar nicht zerschlagen wurden.

          Auf ihren schwarzen T-Shirts prangt der Schriftzug Al Qaida. Den einen der drei, den massigen Bärtigen aus Dinslaken, sprechen sie in seinen Kreisen mit „Imam“ an. Andere nennen ihn Drogendealer. Er kämpft seit dem Herbst in Syrien für eine Dschihadisten-Gruppe. Der in der Mitte, mit dem Rücken zur Kamera, ist den Sicherheitsbehörden schon lange als gefährlicher Extremist aus Bonn bekannt, der es auch schon in Pakistan versucht hatte. Er wurde wahrscheinlich in Syrien im Dschihad getötet. Rechts steht einer, von dem sie in seiner gutbürgerlichen bayerischen Heimat sagen, er sei doch immer ein so netter Junge gewesen. Im Januar 2014 verkünden Dschihadisten in Syrien seinen Tod. Im September hatte er das Gruppenbild ins Netz gestellt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Geschichte hinter diesem Bild ist eine Geschichte von hilflosen Familien, von einer überforderten Verwaltung und davon, wie Zweifel daran aufkommen können, dass Sicherheitsbehörden solche Leute noch im Griff haben. Einige der Jungs, die in Syrien umkamen, hätten gar nicht erst Deutschland verlassen dürfen, hätten gar nicht erst nach Syrien kommen dürfen, wären noch am Leben, hätte die Polizei ihre Arbeit besser gemacht. Heißt es aus den Sicherheitsbehörden.

          „Du, ich veränder' mich“

          Reinhold Gruschwitz legt Wert auf einen festen Händedruck. Ein bodenständiger älterer Herr, der sich der Kemptener Jugend als Boxtrainer annimmt. Es ist etwa dreieinhalb Jahre her, da erschien ein etwas pummeliger Junge in der Turnhalle. David ist ehrgeizig, ist bald nicht mehr pummelig, stört sich nicht daran, dass, wie Gruschwitz es ausdrückt, beim Boxen „viel über die Schinderei“ läuft. Seinen ersten Kampf verliert David, aber den zweiten gewinnt er. Nicht zuletzt wegen seiner guten Kondition. Sie hätten sich gut verstanden, sagt Gruschwitz, hätten viel miteinander gesprochen auf den gemeinsamen Autofahrten zu den Wettkämpfen. Auch über Davids neue Religion. Sie hätten sich immer gütlich darauf geeinigt, sich nicht einig zu sein. Im Dezember 2012, wenige Wochen nach dem Sieg im Ring, verkündet David seinem Trainer, er werde nie wieder Boxhandschuhe anziehen. Seine Religion verbiete es ihm, auf ein von Gott geschaffenes menschliches Gesicht einzuschlagen.

          Gruschwitz kann ihn noch einmal umstimmen. David darf künftig nur am Sandsack trainieren. Aber im August 2013 hat der Trainer keine Chance mehr. „Du, ich veränder’ mich“, habe David ihm gesagt. Da hatte er sich schon verändert. Da nennt er sich schon Abdullah Dawud. Vorher war er mehrere Wochen nicht zum Training erschienen. Gruschwitz sagt: „Pass auf dich auf.“ Dawud sagt: „Reinhold, mach ich schon.“ Sie umarmen sich und gehen ihrer Wege. Er habe das alles schon etwas seltsam gefunden, sagt der Boxtrainer. Schließlich sei der Junge kein „Muslim von Haus aus gewesen“. Im Dezember habe er zu seiner Frau gesagt: „Ich würde mich nicht wundern, wenn er irgendwann einen Sprengstoffgürtel um den Bauch trägt.“ Eine Erklärung für das alles hat Gruschwitz aber nicht. Keiner von denen, die David kannten, bevor er zu Dawud wurde, hat eine Erklärung. Niemand von ihnen kann sagen, wer ihn auf den Weg gebracht hat, der irgendwo im Norden Syriens endete.

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